Pirosmanis Giraffe

Von Celine Buschbeck (25. Oktober 2021)



„Mutter und Tochter, die eine lag auf dem Boden, als wäre sie ein Schatten, den die andere warf. Und andersherum schien die eine aus den Füßen der anderen hochzuwachsen wie ein Strauch mit abgebrochenen Zweigen.“ (S.9)

Die Fragilität von Mutter-Tochter-Gespannen zieht sich über vier Jahrzehnte und zwei Familienstammbäume des Romans Im Menschen muss alles herrlich sein von Sasha Marianna Salzmann. Die non-binäre Autor:in ist selbst Kind jüdischer Kontigentflüchtlinge und emigrierte 1995 nach Deutschland.  Ihren Roman teilt sie in die ältere Generation, die Flüchtigen der Sowjetunion, und in die Kinder dieser, wozu sie sich selbst auch zählt.

Die Sprachlosigkeit von Müttern und Töchtern

Der Roman beginnt zunächst im Hier und Jetzt. Die Protagonistinnen unterschiedlicher Generationen werden vorgestellt: Nina, die Tochter von Tatjana, findet ihre Mutter kniend neben Edi, der Tochter von Lena, die ebenfalls anwesend ist und eigentlich einen schönen 50. Geburtstag feiern wollte. Die Frauen „weinen, eine nach der anderen, wie eine Matroschka“ (S. 9) über die zusammengeschlagene Edi mitten auf einer Wiese in Jena. Die Rezipient:innen verstehen zunächst wenig vom Geschehen, auch die Ursache der Handlung bleibt unklar. Es folgt sogleich der Wurf in die Siebziger der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (USSR), die heutige Ukraine und Geburtsland von Lena.

Lenas Geschichte wird am ausführlichsten der Frauen beschrieben und führt die Leser:innen durch die Kindheit, Jugend und das Erwachsenenalter. Ihre Kindheit verbringt das Mädchen in Gorlowka und hängt zwischen den Erinnerungen an die schönen Sommer bei ihrer Großmutter in Sotschi und dem Leistungsdruck in den Pionier-Lagern. Als ihre Mutter schwer erkrankt und nur gegen Bestechung der Ärztin mit Medikamenten versorgt wird, entschließt sie sich gegen die Korruption des vorherrschenden Systems anzukämpfen und selbst Medizin zu studieren. Nach dem Tod ihrer Mutter wechselt sie auf Anraten ihrer Professorin von der Neurologie in die Dermatologie und findet während anbahnender Glasnost und Perestroika eine Anstellung in einem Krankenhaus. Zu ihr kommen nun vermehrt reiche Männer in Pelzen, die ihre Geschlechtskrankheiten behandeln lassen, anstatt die Armen, die unter Brücken übernachten müssen. Die Kluft zwischen Arm und Reich, West und Ost, veranlasst nun auch Lena mit ihrer Tochter Edi und ihrem jüdischen Mann nach Deutschland zu emigrieren.

Edi bewohnt als Journalistin die Hauptstadt Deutschlands, weit weg von ihren Eltern in Thüringen. Sie will reisen und sich ein Bild von den Dingen vor Ort machen, vorzugsweise in den USA, im Westen. Ihre Kolleg:innen verweisen dennoch immer wieder auf „ihre Leute“ in den neuen Bundesländern – Kontigentflüchtlinge, Aussiedler, Bewohner:innen der ehemaligen UdSSR – über die sie schreiben soll. Dabei kann sie sich gar nicht mehr damit identifizieren.

So geht es auch Nina, die im Gegensatz zu Edi, nicht mal verstehen möchte, was in den Köpfen ihrer Verwandten vorgeht. So erzählt der Roman die Geschichte ihrer Mutter Tatjana nicht an ihrer Seite, sondern an der von Edi als sie gemeinsam von Berlin nach Jena für den Geburtstag von Lena fahren. Bezeichnend ist auch, dass Nina die einzige Ich-Perspektive bekommt und durch ihre emotionale Distanz somit eher objektive Kritik und Beobachtungen schildert. Edi kann das nicht, sie will vor ihrer Familie fliehen und kommt doch immer wieder zurück.

Tatjana erhält erst im letzten Drittel des Romans einen Platz, dieser wird jedoch für ihre Geschichte voll ausgenutzt. Sie stellt die Verbindung zwischen den vier Frauen her, da sie gerade Edi erzählt, wie ihre Familie alles hinter sich ließ, um sich den westlichen Genussvorstellungen (Whiskey statt Wodka) anzupassen und einen Alkoholfachhandel zu eröffnen. Dort lernt sie den deutschen Heiratsschwindler Michael kennen, der sie mit nach Berlin nimmt und sie dort mit ihrer Tochter Nina aussetzt. Weit weg von ihrem Ursprung trifft sie Lena, eine Leidensgenossin, und vollendet die Sprünge zwischen den Generationen und Zeiten.

Der Roman ist nicht ohne Grund für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2021 nominiert: Salzmann schafft es zwischen 384 Seiten den Zerfall der Sowjetunion, zerrüttete Familien und gewaltige Metaphern zu pressen. Ihr Schreibstil macht die komplexe Handlung trotz weniger Erklärungen den Rezipient:innen begreiflich, die jedoch neben der Lektüre ab und an nachschauen sollten, um welches geschichtliche Ereignis es sich handelt. Auch der Blick auf Pirosmanis Giraffe – weiß, mit schwarzen Punkten und einem kurzen Hals – lohnt sich, so steht diese sinnbildlich für den Versuch, sich eine Vorstellung von dem zu machen, was man nicht erlebt oder gesehen hat. Wie auch bei den geteilten Generationen der Mütter und Töchter, um die es in diesem Werk geht.



Im Menschen muss alles herrlich sein
Sasha Marianna Salzmann
Suhrkamp 2021
384 Seiten
24 Euro