Gedankensplitter für das digitale Zeitalter

von Jonas Meurer (12.06.2013)

Der Mausklick ersetzt den Diskurs. Beteiligung und Betrachtung fallen zusammen.“ In seinem jüngsten, knapp 40 Seiten starken Essay Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns erarbeitet Byung-Chul Han eine, wie er schreibt, „Denk-Möglichkeit“, die auf der Vorstellung beruht, dass mit der Omnipräsenz der digitalen Medien die Idee einer diskursiven Rationalität gleichsam den Boden unter den Füßen verliert.

Byung-Chul Han, Jahrgang 1959, ist so etwas wie der intellektuelle Shooting-Star des Augenblicks. Mit seinen meist sehr schmalen Büchern wirft er in einem ganz eigenen, komprimierten Duktus Schlaglichter auf Prozesse, von denen die Gegenwart geprägt ist. In Agonie des Eros ist das der Verlust von Empathie und echter Erotik, in Transparenzgesellschaft der Wandel zu einer distanzlosen Hyperinformations- und damit Kontrollgesellschaft, in Müdigkeitsgesellschaft die Manifestation eines ruhelosen Leistungssubjekts, für das Kontemplation mehr und mehr zum Fremdwort wird. Nun also steht die digitale Welt auf der Tagesordnung des Berliner Philosophen.

 

Ausgangspunkt Hans ist die These, dass das Internet kein öffentlicher Raum im klassischen Sinne ist: „Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich.“ Ganz bewusst wendet er sich damit gegen Jürgen Habermas und dessen Diskursidee, die dieser aus der Kritischen Theorie heraus entwickelte. Das Internet ist für Han demnach kein Raum, in dem sich Interessen zusammenschließen oder diskursiv aufeinandertreffen, sondern nichts weiter als eine Ansammlung vereinzelter Egos. Damit stellt sich angesichts der zunehmenden qualitativen und quantitativen Ausbreitung des Internets die Frage, ob die Transformation der politischen Öffentlichkeit hin zu einem „digitalen Schwarm“ nicht auch eine Änderung des Demokratieverständnisses mit sich bringen sollte. Dabei muss man sich nicht in kulturpessimistischen Zukunftsszenarien verlieren, kann man sich doch – und das ist Hans Weg – auch einen möglichen positiven Wandel hin zu einer „Schwarmdemokratie“ vorstellen. Wie diese Demokratie aussehen könnte, das vermag Han kaum zu konkretisieren. Fest steht, dass sie „ohne kommunikatives Handeln, ohne Wir“ und letztlich auch „ohne Partei auskäme“. Durch die massenhafte Ansammlung von Daten und Informationen eines jeden einzelnen Users könnte sich schließlich eine Art digitales Unbewusstsein der Bevölkerung herauskristallisieren: „Die digitalen Medien bilden unser Zentralnervensystem ab.“ So erscheint eine „direkte, entideologisierte Dorfdemokratie“ möglich. Han endet mit dem offenen Eingeständnis, dass eine solche Entwicklung gleichermaßen „eine Utopie oder eine Dystopie“ sein könnte, doch das „lässt sich heute nicht eindeutig beantworten.“

Han steht mit seinem Essay in einer Tradition von Flugschriften, die in den letzten Jahren mit Stéphane Hessels Empört Euch! oder Max Ottes Stoppt das Euro-Desaster! eine große Blüte erreicht hat. Im Gegensatz zu Hessel oder Otte jedoch fehlt bei Han der klar definierte Standpunkt. Zu oft gerät er sich in selbstreflexiven Schleifen und Abschweifungen, gerät der rote Faden aus dem Fokus. Es mangelt an konkreter Ausgestaltung, letztlich an Substanz, selbst wenn man – frei nach Theodor W. Adorno oder Reinald Goetz – davon ausgeht, dass die oft widersprüchliche Sachlage eine klar umrissene, eindeutige Form unmöglich macht. Selbst die Grundannahme, dass die Individualisierung im Internet einen echten Diskurs mehr und mehr unmöglich macht, kann hinterfragt werden. Trotzdem sind Hans Ausführungen ein wichtiger tagespolitischer Beitrag zu einem hochaktuellen Diskurs, der für polarisierende Meinungen offensteht, nicht zuletzt weil die Folgen der Entwicklung nicht absehbar sind. Hans Essay hätte sein Ziel also dann erreicht, wenn in der heutigen Öffentlichkeit – wie auch immer diese in Zukunft aussehen mag – die Problematik des Demokratiewandelns im digitalen Zeitalter ausgiebig verhandelt würde. Man könnte dann auch akzeptieren, dass man am Ende das ungute Gefühl nicht verliert, dass hier jemand einige noch nicht ausgereifte Gedanken als vergleichsweise teures Büchlein hat drucken lassen.

Byung-Chul Han
Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns
Matthes & Seitz 2013
5,00 Euro