Geschwister des Wassers

von Ramona Löffler

"Für die Figuren dieser Geschichte" schrieb die brasilianische Autorin Andréa del Fuego 2010 ihren Debütoman Geschwister des Wassers. Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, bei der ihr Heimatland Ehrengast sein wird, liegt er nun auch in deutscher Übersetzung vor.

Ein Blitz, der in die Körper ihrer Eltern einschlägt, macht die jungen Geschwister Nico, Antônio und Júlia nicht nur über Nacht zu Waisenkindern, sondern trennt sie auch voneinander: Nico wird vom Großgrundbesitzer Geraldo aufgenommen, Antônio und Júlia kommen vorerst in ein städtisches Waisenhaus, das von katholischen Nonnen geführt wird und sollen von dort aus weitervermittelt werden. Nico kann sein Versprechen, die Geschwister bald wieder zurückzuholen, nicht halten und so vergehen die Jahre ohne das erwartete Wiedersehen: Während er sich an die Landarbeit gewöhnt und in ein Mädchen verliebt, nimmt eine arabische Matriarchin Júlia als Dienstmädchen zu sich, und der stille Antônio, bei dem Zwergenwuchs diagnostiziert wurde, bleibt bei den Nonnen zurück. Obwohl die Brüder durch Nicos Heirat schließlich wieder zueinander finden, verstreicht jede Gelegenheit, Júlia wiederzusehen.

 Der Roman ist von Elementen des magischen Realismus durchzogen: Die verstorbene Mutter Geraldos heftet sich als unbestimmbare Substanz an Antônio, zwei weißhaarige Zwillingsschwestern tauchen zwischen Maisfeldern auf, Nico verschwindet scheinbar wochenlang in einer Kaffeekanne und hat nach seiner Rückkehr kaffeebraune Augen: "Nico goss das kochende Wasser in die Kanne, Kaffeeduft breitete sich aus. Antônio unterbrach seine Arbeit am Kuchen, um den Dampf aufsteigen zu sehen. Nico stellte den Wasserkessel auf die Spüle, Antônio schloss die Augen, wollte das Aroma stärker wahrnehmen. Er öffnete sie wieder, und der Bruder war verschwunden, war nicht mehr in der Küche." Die Sprache ist geprägt von parataktischem Satzbau, die Beschreibung der sichtbaren und mystischen Geschehnisse detailliert, während der Charakterzeichnung und den psychologischen Motiven kaum Beachtung geschenkt wird. So bleiben die Figuren wenig greifbar und distanziert. Auch die geheimnisvollen, doch stellenweise irritierenden Momente werden nicht aufgelöst, sondern der Imagination des Lesers überlassen. Damit bleibt zwar viel Interpretationsspielraum, aber leider kein nachhaltiger Eindruck.

Andréa del Fuego
Geschwister des Wassers
übersetzt aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Hanser Verlag 2013
17,90 Euro