Die Sehnsucht nach der Kokosfrucht

von Philipp Schlüter

Der hektischen, hochindustrialisierten Gesellschaft den Rücken kehren? Ungesunde Lebensweisen ablehnen und zur Umsetzung dieses kühnen Vorhabens eine kleine Insel im Westpazifik erwerben?

Genau das ist der Plan August Engelhardts, der zum Ende des 19. Jahrhunderts sehnsuchtsvoll aus Nürnberg in Richtung Südsee aufbricht. Christian Kracht zeichnet in seinem, dem Genre des Abenteuerromans zugehörigen Buch Imperium das prototypische Bild eines Aussteigers dieser Zeit. Engelhardts Ansatz zur Gesundung der modernen Gesellschaft: cocos nucifera – die Kokosnuss. Einer Offenbarung gleich, meint er in ihr die göttliche Frucht schlechthin gefunden zu haben. In der deutschen Kolonie Neupommern will der bekennende Vegetarier eine eigene Kokosplantage erwerben und sich ausschließlich von Kokosnüssen ernähren.

Christian Kracht erzählt in seinem vierten Roman nicht bloß die Geschichte eines „Romantikers“, sondern bettet diese sehr geschickt in das Zeitalter des Kolonialismus und der Lebensreformbewegung ein. Um ein möglichst umfangreiches Panoramabild mit Ausblick auf den Ausbruch des ersten Weltkrieges zuwerfen, hat Kracht die Form des allwissenden Erzählers gewählt. Somit hockt der Leser nicht nur mit dem jesusähnlichen Engelhardt in drückender Hitze. Auf erfrischende Art und Weise nimmt er teil am Weltgeschehen und erhält Vorausdeutungen auf einschneidende geschichtliche Ereignisse. Diese Art des Erzählens bleibt nicht wie in den vorangegangen Büchern Krachts auf das Innere der Hauptfigur beschränkt. Mit Witz und viel Heiterkeit erlebt man den Kokosnussliebhaber, der frei von Konventionen den Sonnentanz tanzt.

 Als der historisch verbürgte Engelhardt per Reichspostdampfer Neupommern erreicht, freut er sich wie ein kleines Kind. Die Luft ist heiß, die Sonne beißt, Kolibris schwirren umher – der Mittzwanziger scheint sein Paradies erreicht zu haben. In Deutschland hatte Engelhardt bereits eine Schrift herausgegeben in welcher zu lesen war, „daß der Mensch das tierische Abbild Gottes sei, und wiederum die Kokosfrucht, die von allen Pflanzen dem Kopf des Menschen am meisten ähnelte, das pflanzliche Abbild Gottes sei.“ In Neu-Pommern angekommen, wendet er sich an die wohlhabende Emma Forsayth, die einige Ländereien im Schutzgebiet besitzt. Engelhardt ist nach einem erfolgreichen Handel stolzer Besitzer des Eilandes Kabakon. Als der junge Nürnberger sich ein letztes Mal in München befindet, schwenkt der omnipräsente Erzähler zur Feldherrnhalle und gewährt einen Blick in die Zukunft: „Nur ein paar Jährchen noch, dann wird endlich auch ihre Zeit gekommen sein, eine tragende Rolle im großen Finsternistheater zu spielen.“ Während des Hitler-Putsches 1923 war diese das Ziel der Bewegung und wurde so zum Symbol für das Aufbegehren der Nationalsozialisten.

Die Kokosöl-Produktion auf Kabakon läuft zur Freude Engelhardts gut. Jetzt fehlt es nur noch an Zuwanderern aus Europa, die dem gegründeten Sonnenorden beitreten wollen. Und tatsächlich. Einige kommen. Allen voran der Musiker Max Lützow. Doch die Mangelernährung führt beim Hardcore-Kokovoren Engelhardt zu Anfällen geistiger Umnachtung. Engelhardts Isolation verstärkt sich und er kümmert sich weder um seine Plantage noch um seine geliebten Bücher - der Mensch lebt unterm Strich eben nicht nur von Luft und Kokosnuss. Das der Mensch zum Leben aber auch eine Prise Humor braucht, zeigt Kracht mit großer Souveränität.

Christian Kracht
Imperium
Fischer Taschenbuch
256 Seiten
9,99 Euro