„Also, los, retten Sie Weihnachten.“

von Marion Dörr

„Wir hätten die Menschen früher sensibilisieren müssen für die Gefahren des Heiligen Abends.“ Eine umsichtige Sensibilisierung darf man von Harald Martensteins unweihnachtlichen Weihnachtsgeschichten nicht erwarten. Versammelt unter dem Titel Freuet Euch, Bernhard kommt bald! legen seine zwölf Geschichten nicht nur die Gefahren des Festes, sondern auch skurrile Wunder, weihnachtsbasierte Geschäftsmodelle, eine alternative Schöpfungsgeschichte sowie eine äußerst ausgefallene Geschenkidee dar.

Geschildert werden sie auf vielfältige Weise von den verschiedensten fiktiven Erzählern, welchen man ihre Lebensumstände deutlich anmerkt – wie etwa dem Ermittler, der den oben zitierten Satz über die Sensibilisierung für die Gefahren des Heiligen Abends äußert.

Wie Martenstein im Nachwort bemerkt, ist Weihnachten „das sentimentalste Fest, das wir kennen, befrachtet mit einer Sehnsucht nach heiler Welt, deren Befriedigung die reale Welt sich leider häufig verweigert. Horror, Komik, Scheitern, das sind typische Aspekte des Weihnachtsfestes.“ Diese Fallhöhe vom gefühlsüberfrachteten Ideal zum bestenfalls schneebedeckten Boden der Tatsachen nutzt Martenstein für seine Geschichten, und wie auch von seinen Kolumnen im ZEITmagazin mag sich dabei manch einer auf die Füße getreten fühlen. Wer sich über die Geschichten empören könnte, wird womöglich aber schon von dem spärlich bedeckten beziehungsweise kurios behaarten Weihnachtsmörder abgeschreckt, der das Cover ziert. Insofern bietet diese von Rudi Hurzlmeier geschaffene Illustration einen guten Anhaltspunkt für potenzielle Leser. Vom Titelbild abgesehen hat Hurzlmeier seine „Bereitschaft, die kranken Ausgeburten meines (=Martensteins) verabscheuungswürdigen Gehirnes zu illustrieren“ auf den Buchseiten noch vier weitere Male unter Beweis gestellt. In freier Verarbeitung von Szenen aus einzelnen Geschichten sind so Weihnachtsbilder der etwas anderen – grotesken bis diabolischen – Art entstanden. Bedurft hätte der Text dieser visuellen Unterstützung allerdings nicht.

Die Geschichten sind untereinander nicht konsequent verbunden, doch immer wieder lassen sich über das erneute Auftauchen bekannter Figuren Zusammenhänge herstellen, sodass sich ein größeres Ganzes ergibt. In der Geschichte „Das Neue Testament“ etwa stellt eine ältere Dame fest, dass sie wider Erwarten und biologischen Voraussetzungen schwanger ist. Das Kind kommt am 24. Dezember zur Welt. Es scheint dieses Kind – mittlerweile im Erwachsenenalter – zu sein, das von Garfield, Protagonist der gleichnamigen Geschichte, als Jesus‘ böser Halbbruder tituliert wird.

G(arfield) Ott hat seinerseits unheimliche Freude daran, all den Menschen beim Herumwuseln auf dem fiktiven Planeten Erde zuzusehen, besonders wenn der „Weihnachtsmörder“ sie in helle Aufregung versetzt. Damit ihm diese Freude erhalten bleibt, muss er allerdings aufpassen, dass die kleinen Menschlein nicht durchschauen, dass sie Figuren in seinem Computerspiel sind.

Das Büchlein richtet sich also eher an eine Leserschaft, die die humoristischen Abwandlung von Glaubensinhalten nicht gleich als blasphemischen Affront auffasst, die Überzogenheiten und Unwahrscheinlichkeiten ebenso Lesegenuss abgewinnen kann wie dem nachdenklichen Schlussakkord, den „Der Weihnachtsagent“ als letzte der Geschichten anschlägt:

„Ob wir hier unten eigentlich denken würden, Gott sei senil und kriege nichts mehr mit. Weihnachten sei doch nur noch eine Farce. Keine echte Liebe. Simulierte Familien. Stress. Gott hätte beschlossen, Weihnachten abzuschaffen.“ Stattdessen: „Einachten, ein Fest, bei dem jeder vierundzwanzig Stunden für sich alleine bleibt und eine ganze Nacht lang nur an sich selber, seine Befindlichkeit, seine Karriere, sein Image und seine Bedürfnisse denkt und sich feierlich einen lang gehegten Konsumwunsch erfüllt.“ ? „Also, los, retten Sie Weihnachten.

Harald Martenstein
Freuet Euch, Bernhard kommt bald! 12 unweihnachtliche Weihnachtsgeschichten
Mit Illustrationen von Rudi Hurzlmeier
C.Bertelsmann 2013
124 Seiten
12,00 Euro