Ein Schauermärchen aus Zamonien

von Swetlana Fork

 

In diesem fesselnden Roman dreht sich alles nur um eines: Bücher. Ein literaturbesessener Dinosaurier folgt den Spuren eines verschollenen Dichters und stürzt sich dabei in ein ganz und gar nicht fiktionales Abenteuer…

Niemand, der nach der Lektüre von Die Stadt der Träumenden Bücher nachts schweißgebadet aus haarsträubenden Träumen aufschreckt, kann behaupten er sei nicht gewarnt worden: „Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen!“

Mit diesen wenig ermunternden Worten beginnt die abenteuerliche, mal erheiternde, mal erschreckende Erzählung des siebenundsiebzig Jahre jungen Dinosauriers Hildegunst von Mythenmetz. Seine Heimat ist Zamonien, eine Welt, in der Bücher mehr bedeuten als alles andere: Es gibt sie dort wie Sand am Meer und in jeder nur erdenklichen Form: In Buchhaim, der pulsierenden Metropole des Reiches existieren unzählige Antiquariate – doch Bücher sind hier mehr als nur Schmöker zum Zeitvertreib: Im unterirdischen Labyrinth der Stadt verbergen sich seltene, verbotene und lebende Exemplare und solche die den Leser zu Tode erschrecken, in den Wahnsinn treiben oder sogar das Leben kosten können.

Und weit und breit wird man keinen Zamonier finden, – ganz gleich ob Lindwurmfestbewohner, Nebelheimer oder Schreckse - der nicht insgeheim von einer Dichterlaufbahn träumt. So auch Mythenmetz, der Held dieses Romans, dessen Leben eine unerwartete Wendung einschlägt als ihm das geniale Manuskript eines unbekannten Poeten in die Hände fällt. In seiner Begeisterung macht er sich auf die Suche nach dem Verfasser des Meisterwerks und verstrickt sich dabei unversehens in ein Netz aus Verschwörung und Verbrechertum. Schließlich verschlägt es ihn gar in die sagenumwobenen Katakomben von Buchhaim, wo er ums nackte Überleben kämpfend Kreaturen von alptraumhafter Scheußlichkeit begegnet. Zu allerletzt macht er die Bekanntschaft des gefürchteten Schattenkönigs und ergründet das bestgehütetste Geheimnis Zamoniens…

Wer Die Stadt der Träumenden Bücher bei einer dampfenden Tasse Glühkaffee oder einem Stück Bienenbrot aufschlägt, der wird vielleicht bald darauf alles um sich herum vergessen und etwaige Verabredungen abgesagt haben. Denn diese vor Fantasie überschäumende Erzählung schlägt selbst den anspruchsvollsten Leser unweigerlich in ihren Bann und macht jeden trüben Regentag zu einem echten Schmöker-Erlebnis. Walter Moers, der Erfinder des uns noch aus Kindertagen bekannten Käpt´n Blaubär, nimmt den unerschrockenen Bücherfreund mit auf ein Abenteuer. Oder wie vom Zamonischen Wörterbuch treffend definiert auf eine „waghalsige Unternehmung aus Gründen des Forschungsdrangs oder des Übermuts; mit lebensbedrohlichen Aspekten, unberechenbaren Gefahren und manchmal fatalem Ausgang.“

Für all jene die sich selber zu den Bücherwürmern zählen, ist dieser Roman, der eine literaturvergötternde Welt heraufbeschwört, wie geschaffen. Ebenso richtet er sich mit seinen einfallsreichen Schilderungen und den vielen kunstvollen Illustrationen an verträumte Erwachsene, die sich ihre kindliche Fantasie erhalten haben.

Im Großen und Ganzen hat die Die Stadt der Träumenden Bücher alles, was es zu einer schlaflosen Nacht braucht: eine üppige Portion Spannung, eine Prise Gänsehaut und einen tollkühnen Helden. Darüber hinaus ist Walter Moers Werk eine tiefergehende Reflexion über das Lesen. Lässt sich nur hoffen, dass dies keines der berüchtigten vergifteten Bücher ist!

Walter Moers
Die Stadt der Träumenden Bücher
Piper Verlag 2007
464 Seiten
26,99 Euro