Momo zeigt uns den Weg

von Verena Bauer

 

Sei ganz einfach du selbst“ - leichter gesagt als getan! Vor allem heutzutage, wo jeder Mensch so unbedingt individuell sein möchte, dass eben dadurch wiederum alle gleich sind. Wie soll es auch in einer Welt der Massenproduktion Individualität geben? Sabine Hertweck eröffnet einen möglichen Weg – über die Charaktereigenschaften des Mädchens Momo aus Michael Endes Märchenroman Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte aus dem Jahr 1973.

Genauso einfach und doch fast unmöglich umzusetzen in einem Dasein, das schon viel zu sehr von den grauen Männern beherrscht wird, scheinen auch die anderen Ratschläge. „Bewahre dir dein inneres Kind“ - wie denn, fragt man sich, in einem Umfeld, das einen dauernd mit der Schlechtigkeit der Welt konfrontiert und verlangt, „erwachsen“ und „mit dem nötigen Ernst“ den aktuellen Themen zu begegnen. „Lass dir Zeit und sei im Augenblick deines Lebens verwurzelt“ oder „Erfülle deine alltäglichen Aufgaben achtsam und gut“? „Vertraue dem natürlichen Rhythmus des Lebens“? Das alles spricht doch gegen die Prämisse der heutigen Menschheit, alles möglichst schnell, am besten noch mehrere Dinge gleichzeitig und natürlich möglichst effektiv zu erledigen und dabei noch möglichst lange jung zu bleiben. „Begegne anderen Menschen offen, freundlich und gütig“ ist doch in der Hetze des Alltags, in der man aneinander vorbeigeht ohne sich eines Blickes zu würdigen, jeder nur darauf bedacht, möglichst schnell an sein Ziel zu kommen, ein ziemlich einseitiges Unterfangen. Oder?

So oft hört man sich selbst und andere sich über die Geschwindigkeit und Anonymität vor allem an Orten mit vielen Menschen beschweren. Ständig istman gestresst davon, dass es am laufenden Band Dinge zu erledigen gibt und man sich nicht einfach mal Zeit lassen kann. Kann man wirklich nicht? Oder anders gefragt: warum tut denn niemand etwas dagegen, wenn sich doch so viele beschweren? Die Antwort ist: Die grauen Männer haben uns schon viel zu sehr im Griff! Wie im Roman berauben sie uns durch immer effektivere, schnellere Methoden und Maschinen und Begriffe wie „Multitasking“ unserer Zeit, während wir glauben, wir hätten diese gespart. Durch unser Zeitsparen merken wir aber nicht, wie so viele Gelegenheiten und schöne Momente an uns vorbei fliegen. Die Weisheiten, die Hertweck beschreibt, sind nichts Neues; schon in vielen religiösen und philosophischen Werken vorher wurden sie propagiert. Nur scheinen sie im Lauf der Moderne wieder in Vergessenheit geraten zu sein, von den grauen Männern gestohlen. Dabei geht es um Grundprinzipien des zivilisierten Zusammenlebens, wie zum Beispiel dem Gegenüber zuzuhören oder Dankbarkeit zu zeigen.

Mit dem Büchlein gibt die Autorin ihren Lesern zehn einfache Weisheiten an die Hand, die sie im Zusammenhang mit Michael Endes Roman erläutert und anhand von Beispielen oder möglichen Situationen auf einen aktuellen Stand bringt. Momo, das einfache Mädchen, das in einem verlassenen Amphitheater wohnt, dient dabei stets als Vorbild und die zarten Aquarelle von Simone Zachmann lockern das Ganze auf zurückhaltende Weise auf. Durch einfache Übungsvorschläge, die ohne Aufwand umzusetzen sind, kann man das Gelesene vertiefen und mit eigenen Erfahrungen verbinden. So merkt man z. B., wie schon ganz simple Dinge helfen, die eigene Lebenseinstellung zu verändern und vieles positiver bzw. gelassener anzugehen. Natürlich wird nicht jeder nach der Lektüre des Büchleins gleich sein ganzes Leben umkrempeln, geschweige denn in allen Punkten übereinstimmen. Es mag sein, dass es nur von einem Bruchteil der Menschheit gelesen wird. Doch um es mit den Worten der Autorin selbst zu sagen: „Sei dir deiner kosmischen Verbundenheit bewusst“ - soll heißen, dass jeder Mensch seinen Platz und seine Bedeutung in der Welt hat und aus einem bestimmten Grund da ist, um einen positiven Beitrag zu leisten, „damit die Welt ein besserer und schönerer Ort wird“. Vielleicht ist dieser spezielle Grund im Falle der Autorin das Verfassen ebendieses gelungenen Büchleins, um einigen Menschen ebensolche Denkanstöße zu geben – ein kleiner Schritt hin zum „Aufbruch in eine bessere Welt“.

Sabine Hertweck
Das Momo-Prinzip. „Geh doch zu Momo!“ oder: Aufbruch in eine bessere Welt.
opus magnum 2013
84 Seiten
9,90 Euro