Haltlos durch Hitlers Europa

von Verena Bauer (05. November 2014)

© Rowohlt Verlag

Welt in Flammen heißt der Wälzer, mit dem Benjamin Monferat seinen Lesern diesen Sommer die Zeit vertreiben konnte. Ein Titel, der Erwartungen hervorruft. Und diese werden zu genüge erfüllt – zumindest größtenteils.

Da ist die jüdische Eva Heilmann, die mit nackten Füßen quer durch Paris um ihre Liebe rennt. Da ist außerdem der König ohne Land, der sich Hals über Kopf aufmacht, um vielleicht doch noch seine Leute zurück zu gewinnen. Da ist die abgehalfterte Schauspielerin, die sich eigentlich nur danach sehnt, noch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Dann ist da noch die russische Großfürstin, deren Augen so viel Kälte ausstrahlen, als wäre der ganze Schnee Sibiriens darin eingeschlossen worden. Daneben ihre Tochter, ein Mädchen, das kaum mehr Zartheit und Weiblichkeit ausstrahlen könnte. Und das frisch verheiratete amerikanische Pärchen. Und der Bolschewik, und, und...

Eine explosive Mischung, die Monferat in seinem Roman zusammen schmeißt. Sie alle befinden sich im letzten Zug, der Europa zu dieser Zeit verlässt. Ein Europa, das unter Hitler und dem Krieg zu zerreißen droht. Ein Europa, das nie mehr dasselbe sein wird, und dessen sind sich alle in diesem Zug, dem Simplon Orient Express nach Istanbul, bewusst. Und sie alle erreichen einen Punkt, an dem sie irgendwie haltlos sind.

Monferat hat ein Gespür für den richtigen Moment, um die Perspektiven zu wechseln. Er schafft es, jeder Charaktergeschichte ihren eigenen Stil zu verleihen, ohne sich zu weit vom Orient Express zu entfernen. Der Leser erfährt so sehr viel über die einzelnen Charaktere, verliert aber nicht den Überblick, da Monferat es schafft, jedem von ihnen ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Daneben behält man die Geschehnisse und die Atmosphäre im Zug aber permanent im Hinterkopf, und das ist dem Autor als beeindruckende Leistung anzurechnen. Der Leser spürt regelrecht, wie sich die Ereignisse im Orient Express verdichten, wie sich die Atmosphäre auflädt. Die Spannung steigt fast ins Unerträgliche und man möchte meinen, dass sie sich mit einem riesigen Knall entlädt, als die Geschehnisse in eine wahre Katastrophe münden. Doch dies geschieht nicht, denn die Spannung hält an, setzt immer wieder neu an und fesselt einen regelrecht ans Buch.

 

Aber wohin mit der Spannung, wenn es keinen großen Knall gibt? Genau hier liegt das Problem des Buches: Genausogut hätte Monferat es nun schnell beenden und den Leser vielleicht aufgebracht, aber mit offen staunendem Mund zurücklassen können. Stattdessen versucht er schon fast krampfhaft, die Spannung unendlich lange zu halten und nebenbei parallele Erzählstränge zu einem möglichst guten Ende zu bringen. Die „Nebenkapitel“ sind lang und länger und man fragt sich: was spielt das hier noch für eine Rolle? Die Antwort ist: keine wirklich relevante. Stattdessen hat man den Eindruck, dass Monferat seine Figuren partout nicht gehen lassen will, sondern jede einzelne Geschichte bis zum Schluss erzählen will. So schließt Welt in Flammen leider mit einem etwas nichtssagenden Ende ab.

Nun soll der letzte Absatz niemanden von der Lektüre des Buches zurückschrecken lassen. Benjamin Monferat gebührt nach wie vor großer Respekt für die kunstvolle Verwebung der Figuren und ihrer Geschichten sowie für die unglaublich greifbare Aufladung der Atmosphäre im Zug. Aber ein paar Kapitel weniger hätten es zu guter Letzt auch getan. Man muss nicht unbedingt jeden einzelnen Charakter bis zum Ende begleiten, um den Leser zufrieden zu stellen. Ein bisschen mehr Mut, sich loszureißen, hätten dem Roman vielleicht ein wenig mehr Lockerheit an den richtigen Stellen verliehen. Aber wer Detailreichtum mag, ist mit Welt in Flammen gut bedient.

Monferat, Benjamin: Welt in Flammen. Rowohlt Verlag, 2014. 784 Seiten, 23 Euro.