Die Kunst der Illusion

von Tobias Illing (4. Juni 2010)

William Wilson ist, was man einen Zauberkünstler nennen würde. Vielleicht auch einen Scharlatan oder Betrüger. So genau lassen sich die Grenzen zwischen Illusion und Magie einfach nicht ziehen. Und ein bisschen Aberglaube gehört schon dazu, wenn man Freude an der Zauberei haben möchte. Wer den nicht hat, den verblüfft William mit seinen scheinbaren hellseherischen Fähigkeiten, die er aus den heimlich entwendeten Brieftaschen seiner Zuhörer zieht.

Im Augenblick jedoch ist er vor allem eines: arbeitslos. Seine großen Tage sind längst vorbei und auch sein Agent will nur noch widerwillig etwas von ihm wissen. Mit dessen Sekretärin ließ sich auch schon besser flirten. Doch dann bekommt er unvermittelt ein Angebot, im »Schall und Rauch« in Berlin aufzutreten. Eine willkommene Abwechslung zum regengrauen Glasgow – neues Publikum, eine neue Show und eine gute Gelegenheit, endlich die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Doch Probleme lassen sich nicht einfach mit einem Interkontinentalflug abschütteln. Es war ein letzter Auftritt für einen Freund, der sich zum Desaster entwickelte. Betrunkene Polizisten, ein mysteriöser Umschlag und am nächsten Morgen zwei Tote. Und William ist die einzige Verbindung zu einem Geflecht aus Korruption, Vertuschung und Mord. Als man ihn in Berlin aufspürt, ergreift er die Initiative. Er wird vom Unbeteiligten zum Ermittler auf eigene Faust und stößt eine unaufhaltsame Kette von Ereignissen an, die nicht nur die Grenze zwischen Illusion und Realität zum Verwischen bringt.

The Bullet Trick (2006) ist der zweite Roman der schottischen Autorin und ehemaligen Villa-Concordia-Stipendiatin Louise Welsh, und braucht sich vor ihrem Erstling The Cutting Room (2002) nicht zu verstecken. Wieder ist es ihr gelungen, die düstere Atmosphäre der Unterwelt Glasgows (und diesmal auch Berlins) fesselnd und realistisch zu Papier zu bringen. Welshs Welt der Zauberer, Tänzerinnen und Illusionisten hat nichts mit der glitterglänzenden Manegerie a la Siegfried und Roy zu tun. Sie hat Staub angesetzt, der Glitzereffekt ist abgestumpft und der Schein trübe geworden.

Der Schauplatz wechselt stetig zwischen Glasgow, London und Berlin, was auf den ersten Blick verwirrend scheint. Doch Welsh schafft es, die verschiedenen Handlungsorte, jeder ein anderer Zeitabschnitt des Plots, so zu kombinieren, dass dem Leser weder die Spannung, noch die Übersicht abhanden kommt. Ihr Fokus liegt jedoch auf dem Protagonisten William und seinem Kampf um Aufträge, Applaus und Selbstsicherheit. Je mehr der Leser in die schummrige Welt Williams hinabtaucht, umso tiefere Einblicke bekommt er auch in dessen Entwicklungsgeschichte. William ist kein strahlender Held, aber das tiefe Tal, welches er durchschreitet lässt ihn zum Ende als zumindest geläuterten und weniger gleichgültigen Zeitgenossen auftreten. Dem Leser bietet sich derweilen ein zugleich derb-amüsanter und schmutzig-schockierender Roman. Fairer Deal.

Der Roman liegt auch als Taschenbuch in deutscher Übersetzung von Ruth Keen unter dem Titel Der Kugeltrick bei Goldmann vor.


The Bullet Trick
Louise Welsh
Canongate Books Ltd Edinburgh 2006
368 Seiten
15,99 Euro