Der Unheimliche Monsieur Houellebecq

von Janine Vogelsang (28. Januar 2019)



Wieder ging ein Rauschen durch den Blätterwald, Michele Houellebecq hatte sein neues Buch angekündigt. Die professionellen Rezensenten taten daraufhin das, was sie am besten können: sie rührten kräftig die Werbetrommel. Von besorgt-alarmistisch (Die Zeit) bis besorgt-wohlwollend (Die Welt) waren alle Schattierungen vertreten. Weitergehend wurde nicht nur versucht die Krise des modernen Frankreichs mit seinen renitenten Einwohnern anhand des Buches zu erklären, sondern auch den Niedergang des „alten, weißen Mannes“ und des Abendlandes in seiner Gesamtheit. Man sieht also hier schon, dass Houellebecq (vermeintlich) die ganz großen Themen behandelt, die dicken Bretter bohrt. Die Frage ist nur, ob hier einem Roman nicht sehr viel, vielleicht zu viel zugemutet wird.

Denn es scheint vielmehr der Fall zu sein, dass Houellebecq in bester postmoderner Tradition ein Deutungsangebot vorlegt, in welchem sich jeder wiederfindet. Die liberale Feministin ist darin bestätigt, dass Männer ohnehin nur triebgesteuerte Maschinen sind, ohne eigentliche Emotionen und wenn doch, dann artet es in Stalking und Mordversuche aus. Der konservative Kulturkritiker erkennt die Unausweichlichkeit des Untergangs durch die Selbstaufgabe der westlichen Zivilisation. Der besorgte Anhänger der Gelbwesten wird die Vernichtung der Landwirtschaft als großen, sinisteren Plan identifizieren, der die Selbstausbeutung des Menschen vorantreiben will. Kapital vor Menschen, wird er zustimmend sich selbst nach der Lektüre zunicken. Der Literaturkenner wird die ungeheuren Provokationen als interessantes Stilmittel loben oder verdammen, aber sich selbst in der Meinung zustimmen, hier einen großen (oder zumindest interessanten) Roman vor sich zu haben, der Anspruch auf Gesellschaftsgeltung erheben kann.

Das Mädchen auf einem roten Pferd

von Anna Hechler (21. Januar 2019)

Für eine Allianz zwischen den Königreichen Havemont und Mynaria soll Denna denPrinzen heiraten, eine Aufgabe, auf die sie ihr ganzes Leben gewartet hat, obwohl sie das gut gehütete Geheimnis der Magie mit sich trägt, das ihr den Kopf kosten könnte. Doch als die Prinzessin von Mynaria, Mara, ihr zu zeigen beginnt, was Freiheit und Selbstbestimmung bedeuten, kommt sie ins Schwanken. Ihre Pflichten sind ihr wichtig … Wichtiger als die Liebe zu Mara?

Audrey Coulthursts Debütroman Eine Krone aus Feuer und Sternen beginnt mit dem stereotypierten Grund einer königlichen Heirat: die Verbindung zweier Königreiche. Auch mutet die Anfangssequenz, in der man von Dennas magischen Feuerfähigkeiten erfährt, dem Anfang von Die Eiskönigin – völlig unverfroren an, sodass man sich zu Beginn fragt, ob man hier eine verschriftlichte Version von Elsa vor sich liegen hat. Der erste Eindruck kippt allerdings, sobald Denna nach Mynaria gelangt und auf ihren Verlobten, Prinz Thandilimon, und seine Schwester, Prinzessin Mara trifft. Bereits die erste Begegnung verläuft alles anders als erwartet und auch die nachfolgende Handlung wartet mit weiteren Überraschungen auf. Denna wird durch die Intrigen und Missstände der Regierung von Mynaria geschleift, ohne sich dem entziehen zu können, wobei schnell klar wird, dass die Allianz zwischen den beiden Königreichen noch viel mehr bedeutet, als sie geahnt hat: das Verbot jeglicher Magie. Mit dem Tod vom sofort sympathischen und ins Herz geschlossenen Königsbruder gerät die königliche Familie und der Hohe Rat Mynarias in einen Abwärtsstrudel, gegen den Denna und Mara sich mit Leibeskräften wehren – die eine, weil sie ihr Land vor dem Ruin retten will, und die andere, weil sie ihre Pflichten erfüllen möchte und auch um ihr eigenes Geheimnis kämpft. 

Von der Traumvorstellung in die totale Barbarei

von Janine Vogelsang (18. Januar 2019)



Ikarien von Uwe Timm brachte Ende 2017 Furore in die Medienlandschaft. Der neue Roman des altbekannten Schriftstellers aus Hamburg beschäftigt sich mit der Rassenhygiene und deren Ursprüngen. 

Im 19. Jahrhundert noch eine Traumvorstellung. Ein sozialistisches Paradies mit Gleichberechtigung von Mann und Frau, freien Wahlen und basisdemokratischer Abstimmung. Ein Gegenentwurf zur Industrialisierung mit ihrer Kinderarbeit, dem frühen Tod der Arbeiter und den hygienischen Verhältnissen in den überfüllten Städten.

Der Gott der Lügen liebt dich

von Anna Hechler (14. Januar 2019) 



Als New York Times Bestselling Autorin wagt sich Marie Rutkoski mit Die Schatten von Valoria an eine Trilogie im Jugendbuchbereich und entführt mit ihrem Auftakt die jungen Leser in die besitzergreifende Welt des Imperiums Valoria, das alles verschlingt, wonach es ihm begehrt. Was bedeuten einem dann noch die Bezwungenen, wenn man aus dem Volk der Gewinner stammt? Die Generalstochter Kestrel wird dazu gezwungen, sich genau diese Frage zu stellen. 

Marie Rutkoski eröffnet mit Spiel der Macht ihre Fantasy-Trilogie Die Schatten von Valoria und entführt sogleich in eine Welt der Besitzer und Besitztümer: Das Imperium Valoria ist bereits über Herran hereingefallen und Kestrel sieht sich als Tochter des ranghöchsten Generals in der gehobenen Gesellschaft, während sie vor der Wahl steht, zu heiraten oder dem Militär beizutreten. Eine Kurzschlussentscheidung führt sie dazu, den Sklaven Arin zu ersteigern, der ihr langsam andere Perspektiven aufzuzeigen beginnt. So kommen sie sich näher: als Repräsentanten ihrer Völker und Kulturen, als ebenbürtige Menschen unterschiedlichen Glaubens und auch als Liebespaar. Kestrel befindet sich jedoch gefangen zwischen ihren beiden Zukunftsaussichten und dem höfischen Dasein, wohingegen Arin als Schmied langsam aber sicher mit anderen Sklaven daran arbeitet, sein geliebtes Herran wieder von den Eindringlingen zu befreien. 

Die Rückkehr zur Normalität im Kriegszustand 

von Janine Vogelsang (9. Januar 2019)



Erhielt Arno Geiger im Jahr 2005 noch für „Es geht uns gut“ den Deutschen Buchpreis, so brachte Geiger Anfang des letzten Jahres erneut einen fulminanten neuen Roman heraus, der in den Feuilletons der deutschen Zeitungen für lange Zeit Gesprächsthema und Interessenpunkt war. 

An der Drachenwand im Jahr 1944 spielt der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Der junge Veit Kolbe reist zum Mondsee, um sich von den Schrecken des Krieges zu erholen. Wie eine Atempause liest sich auch das Buch, in dem ganz bewusst die Ambivalenz des Krieges inszeniert wird. Zwischen Krieg und Idylle befindet sich die Kulisse, befinden sich alle Figuren. Allen voran Veit Kolbe, der mehr mit seinen Erinnerungen aus dem Krieg zu kämpfen hat, als mit den äußeren Gefahren. Findet man diese stete Ambivalenz bei dem Hauptprotagonisten, verweist Geiger mit strenger Beharrlichkeit auch auf die innere Widersprüchlichkeit der anderen Figuren, die keine absoluten Meinungen vertreten und sich gerade deshalb dem Roman auf künstliche Weise anpassen.