Hoch hinaus im Wildschwein-Schritt!
von Jasmin Wieland (08. Juni 2019)


Der Traum vom Fliegen. Wer kennt das nicht? Beim Ulmer Spatzen angefangen, über den Zeppelin bis hin zum Flugzeug. Fallschirmsprünge, Bungeejumping. Und genau davon träumt auch das kleine Wildschwein. Nachdem es eines Nachts davon träumte auf einer Tannenbaumrakete unterwegs zu sein, geht es ihm nicht mehr aus dem Kopf: das Fliegen.

In gewohnt elterlicher Fürsorge versucht dem kleinen Wildschwein die ganze Rotte den Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, doch neugierig und erfinderisch wie es ist, geht das eben nicht einfach. Das Ziel ist klar: Einmal fliegen und dafür holt es sich Rat von anderen Waldtieren. Andrea und Lee D. Böhm erzählen in ihrem Bilderbuch Das kleine Wildschwein und der traumhafte Flug für Kinder ab vier Jahren jene herzergreifende Geschichte und zeigen eindrücklich, wie kleine Kinderbuchhelden schon ganz groß sein können… bzw. hoch hinaus wollen.

Den Klassiker wiederentdecken mit der Sonderausgabe des Coppenrath Verlags
von Janine Vogelsang (07. Juni 2019)

 

 

Auf die britische Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett trifft man spätestens in der Vorweihnachtszeit. Die Zeit, in der man ihre zwei berühmtesten Klassiker im Fernsehen nicht nur einmal, sondern fast jeden Tag sehen kann.

Auch Kinder, Jugendliche und Buchliebhaber kennen die Geschichten von „Der kleine Lord“ und „Der geheime Garten“ und finden sicherlich noch die ein oder andere Ausgabe der Klassiker im eigenen Buchregal. Doch spätestens seit Frühjahr dieses Jahres ist „Der geheime Garten“ in einer ganz besonderen Schmuckausgabe in allen Buchhandlungen zu finden. Ein Blick in das Buch lohnt sich.

Coming of Age einer Autorin
von Tessa Friedrich (06. Juni 2019)

 

 

„Die Wahrheit ist nie hässlich. Nur das Missverständnis. Wie die Welt beschaffen ist, erforschen die Naturwissenschaften. Warum die Welt erschaffen ist, verdrängen die Naturwissenschaften. Wir sind immer die heute Lebenden. Und nie dieselben.“

In Zeiten meines Daseins als Schülerin war meine Leidenschaft zum Lesen unweigerlich mit der Fantasy-Autorin Jenny-Mai Nuyen verbunden. Als großer Fan von Romanen dieses Genres faszinierte mich, dass sie sich in ihren Texten wie Das Drachentor von der oft in phantastischer Literatur vorkommenden schwarzweiß Zeichnung durch klare Strukturen von Gut und Böse abwandte und allen Figuren eine individuelle Stimme gab, indem sie in abwechselnden Kapiteln deren Perspektive einnahm. Die Handlungen der unterschiedlichen agierenden Parteien und deren Motivationen und Konflikte wurden nachvollziehbar, der Leser wurde so zum neutralen Beobachter: selten fieberte, jubelte und litt ich beim Lesen so mit jeder einzelnen Figur mit. Und das alles platziert in phantastischen Welten, die Nuyen in einem Alter ab dreizehn Jahren erschuf.

Geballte Wut in der Provinz Sachsens
von Tanja Bleier (28.05.2019)

 

 

Das Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte zweier Brüder, Philipp und Tobi, die in einem kleinen Dorf im Osten von Deutschland aufwachsen. Kindheit und Jugend der beiden Heranwachsenden sind geprägt vom großen Schweigen, das in der Familie herrscht, der Langeweile und Perspektivlosigkeit auf dem Dorf sowie der daraus resultierenden Wut, die sich ein Ventil sucht.

Es ist nicht leicht, in die Geschichte des jungen Autors hineinzufinden. Ich habe einige Anläufe gebraucht, um über die ersten Seiten des Romans hinauszukommen. Woran das liegt, lässt sich schnell ausmachen. Rietzschel verwendet vor allem kurze, einfache Sätze, die er stakkatoartig aneinanderreiht. Den Sätzen fehlen wichtige Bauteile, sodass der Lesefluss erheblich behindert wird. Ellipsen sind zwar ein gutes Stilmittel, wenn man es gekonnt einsetzt, doch die unverhältnismäßige Verwendung lässt einen Text holprig wirken. Die Anfangsszene veranschaulicht das Problem:

Die Reise zum Mittelpunkt des Ichs
von Tessa Friedrich (20.05.2019)



In ihrem zweiten Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster entwirft Kat Kaufmann eine dystopische Vision unserer Gegenwart: Eine Welt, die kurz vor dem dritten globalen Krieg steht, in der Ländergrenzen wieder maßgebend sind und der gegenwärtige Moment alle Bedeutung trägt, da die Zukunft ungewiss ist. Hier hinein platziert die Autorin Jonas, einen jungen Mann, der sich in seinem bisherigen Leben kaum zu verwurzeln vermochte. Als er eine Nachricht seines verstorbenen Großvaters erhält, die ihn zur Suche nach einem gewissen Valerij Butzukin auffordert, scheint sich für sein Leben eine Richtung zu ergeben – und diese führt nach Russland.

Jonas. Ein Name, der sowohl ‚Geschenk Gottes‘ als auch ‚Zerstörer‘ bedeutet. Jonas ist 25 Jahre alt und lebt in Berlin. Abgesehen vom Kalten Krieg 2.0 zwischen den Westmächten und der Russisch-Asiatischen Union ist sein Leben so, wie man es sich als eine Person in seinem Alter wünschen würde: er ist Teil einer funktionierenden Familie mit halbwegs sympathischem und fürsorglichem Stiefvater, lebt in seiner eigenen Wohnung, besitzt die Möglichkeit zur akademischen Weiterbildung und eine liebevolle und unkomplizierte Beziehung zu einer jungen Frau. Und dennoch kann Jonas zu keiner Person seines nahen Umfeldes eine wahre emotionale Bindung aufbauen, er ist von Leere zerfressen, wirft sein Studium und steckt seine Wohnung in Brand. Der Grund? Das weiß er selbst auch nicht so genau.