Zersetzte Leichen und zermürbende Details

Von Michelle Mück (19. September 2016)

© Knaur

 

Der Rechtsmediziner Michael Tsokos gibt in Zersetzt Einblicke in seinen Berufsalltag - oder eher in seine spannendsten Fälle. Der Literatur- und Sozialwissenschaftler Andreas Gößing ist Co-Autor des Buches. Der »true-crime Thriller« behandelt drei parallel laufende Fälle, wobei einer brutaler als der andere ist. Betreut werden die Fälle von dem bereits aus einem erschienenen Werk Tsokos' bekannten Dr. Fred Abel, einem fiktiven Rechtsmediziner. Schnell wird man in die Handlung hineingerissen, denn das Buch beginnt mit folgender Situation: Ein frauenfeindlicher und sadistischer Mann hält eine junge Frau in einem Bunker gefangen, um sie dort brutal zu vergewaltigen und zu quälen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Schafft Dr. Fred Abel es rechtzeitig, den Fall aufzuklären, bevor das Mädchen zu Tode gefoltert wird?

Nebenbei muss der Rechtsmediziner jedoch noch einem weiteren Fall auf den Grund gehen: Zwei nahezu komplett zersetzte Leichen sollen von ihm identifiziert und untersucht werden – in Transnistrien, einem östlich liegenden Pseudostaat. Im Nacken sitzt ihm jedoch ein Geheimdienst, der scheinbar zu verhindern versucht, dass die Wahrheit ans Licht kommt – mit allen Mitteln.

Romane schreiben in 30 Tagen!

von Svenja Zeitler (13. September 2016)

© Dumont

 

Eine Kleinstadt in Georgia, Vereinigte Staaten: Die 12-jährige Aristoteles (genannt Aris) Thibodeau hat neben den üblichen Herausforderungen des Erwachsenwerdens noch mit einigen anderen Problemen zu kämpfen. Angefangen bei einem  Geister-Vater und einer entrümpelungssüchtigen Mutter bis hin zu deren verlockend-geheimnisvollen Tagebüchern und einem gerne in Schreikrämpfe verfallenden kleinen Bruder. Kein Wunder also, dass sie als Therapie-Maßnahme beginnt, einen Roman zu schreiben. Und das in 30 Tagen.

Wir erhalten Einblick in das chaotische Leben einer für die konservativen Südstaaten alles anderen als normalen Kleinfamilie. Nachdem sie nach dem Tod des Familienvaters Joe wieder in ihre etwas trostlose Heimatstadt gezogen ist, versucht Aristoteles' Mutter Diane mit ihren Eltern im Nacken, ihren Kindern ein geregeltes Leben zu bieten. Das mag ihr allerdings nicht so recht gelingen. Als hätte Aris nicht schon genug damit zu tun, die kleine, dysfunktionale Familie halbwegs in der Bahn zu halten und ihre Mutter mit Penn, der »PMB« ( positive männliche Bezugsperson) der beiden Kinder, zu verkuppeln, bricht auch noch ihr Verlobter plötzlich den Kontakt zu ihr ab. Wie gut, dass all dieses Drunter und Drüber wenigstens Stoff für den geplanten Bestseller-Roman liefert, nach welchem die Familie finanziell ausgesorgt haben soll.

Vertraue ihnen nicht, mein Kind

Von Katharina Stahl (12. September 2016)

© Kiepenheuer & Witsch

Deutschland, 2031. Der Klimawandel hat das Gesicht der Republik verändert. Extreme Hitzewellen machen der Bevölkerung schwer zu schaffen, apokalyptische Wirbelstürme hinterlassen in regelmäßigen Abständen eine Schneise der Verwüstung. Angesichts jener Langzeitfolgen des Kapitalismus haben sich die Bundesbürger für einen Systemwechsel entschieden: Statt geldgieriger Männer ist es nun eine Riege ehrgeiziger Ministerinnen, welche den Ton angibt im Staate Deutschland. Die einstige Vormachtstellung des Mannes ist einer absoluten Herrschaft der Frauen gewichen, Fleischkonsum wird mit hohen CO2-Abgaben geahndet. Kurzum: Karen Duves Macht liefert die vielversprechende Basis für ein soziologisches Experiment à la Jacky im Königreich der Frauen. Doch anstatt die Mechanismen hinter dem Modell Unrechtsystem offenzulegen, wie es Riad Sattouf in seinem Film gelingt, ergeht sich Duve in vierhundert Seiten Männerhass.

Jeder Mann ein Höhlenmensch

Sebastian ist ein Ritter von traurigster Gestalt. Einst ein liberaler Bürger, fehlt ihm nun das Rückgrat, um sich gegen den staatlich verordneten »Ökofeminismus« zur Wehr zu setzen. Stattdessen tut er das, was Männer zu allen Zeiten und in allen Systemen getan haben: Er quält seine Frau. Christine, ehemals einflussreiche Politikerin, wird von ihrem Ehemann an die Kette gelegt und als Objekt seiner sexuellen Gewaltfantasien missbraucht. Die detailverliebte Schilderung jener Übergriffe nimmt einen Großteil des Textes ein, trägt aber wenig zur Psychologisierung der Figuren bei – abgesehen von pseudo-tiefgründigen Einsichten wie »Nie spürt man die eigene Macht so sehr wie in jenen Momenten, in denen man sie missbraucht«. Sebastian bleibt, wie alle männlichen Protagonisten, ein recht eindimensionaler Charakter. Keiner der Herren ist auch nur ansatzweise in der Lage, die Situation konstruktiv zu hinterfragen. Nur erklärte Frauenfeinde lehnen sich gegen den Staatsfeminismus auf, intelligent reflektierende Männer sucht man in Duves Romanwelt vergebens. Wer Frauen nicht als »Kackschlampe« oder »Pissmatratze« beschimpft, agiert als willenloser Mitläufer. Oder beweist sich sein Mann-Sein eben mithilfe der gedemütigten Frau im Keller. In Anbetracht jener fatalen Mischung aus Gewalt und Inkompetenz erscheint die Herrschaft der stets klar argumentierenden und rational entscheidenden Damen tatsächlich als einzig sinnvolle Lösung.

Ein Zeichensystem der Räumlichkeit

 von Dominik Achtermeier (11. September 2016)

 

Der Anthropologe Marc Augé reist mit uns zu jenen Plätzen der Kindheit und der modernen Gegenwart. Diesmal steht nicht das Fahrrad (wir erinnern uns an seine jüngste Veröffentlichung Lob des Fahrrads) als Transportmittel auf dem Programm, sondern seine vielbetrachtete Abhandlung Nicht-Orte im Fokus. Was er unter diesem Begriff versteht, erfährt der Leser im Anschluss an eine Menschenkunde aus den Augen der französischen Philosophenschule.

Woher wir kommen und wohin wir reisen

Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Wer sich hinter Namen versteckt, verschleiert seine eigentliche Wirklichkeit, seine eigene Person mit all seinen Eigenschaften. Genau diese Perspektive übersetzt Augé – der vor Exkursen und Abschweifungen nicht scheu ist – auf Raumgestaltung und Orte, in denen wir uns ein ganzes Leben lang bewegen. Aufschlussreich ist seine These, dass ein Ort, den wir im Deutschen etwa durch den exklusiven Begriff der Heimat qualifizieren, immer auf der Grundlage subjektiver Eigenheiten zu dem wird, was er für uns ist. Augé fällt es nicht schwer, vielerlei Beispiele für dieses Phänomen zu geben und Abgrenzungen zu ziehen. »Für uns ist im Begriff des anthropologischen Ortes die Möglichkeit der Wege, die dort hindurchführen, der Diskurse, die dort stattfinden, und der Sprache, die ihn kennzeichnet, enthalten.«

Die Zeit ist aus den Fugen

von Marlene Hartmann (10. September 2016)

 

Eifersucht, verstrickte Beziehungen, Familienkatastrophen und natürlich Liebesverwirrungen en masse – das ist Shakespeare, wie wir ihn kennen und lieben. Seine Plots sind unvergleichlich komisch und auf so vielen Ebenen wahr, dass sie ihre Anziehungskraft selbst nach 400 Jahren nicht verloren haben. Das zeigt »Hogarth Shakespeare« mit den Nacherzählungen unserer liebsten Shakespeare-Stücke aus der Feder von bekannten Autoren unserer Zeit. Mit Der weite Raum der Zeit hat Jeanette Winterson Shakespeares Wintermärchen ein neues Gewand gegeben und einen Roman geschaffen, der nicht nur mit der Zeit spielt, sondern sie zu seiner Basis und einem facettenreichen Faszinosum macht.

In einer regnerischen Nacht stößt Shep mit seinem Sohn Clo auf eine merkwürdige Szenerie: ein Autounfall auf offener Straße und ein Säugling samt Koffer voller Geld in der Babyklappe des nahegelegenen Krankenhauses. Kurzerhand entschließt er sich, dem kleinen Mädchen eine Familie zu bieten und ein neues Leben zu beginnen. Doch woher kommt das Kind? Was hat es mit dem Autounfall auf sich und wird die Zeit etwas Licht ins Dunkel bringen oder doch nur mehr Verwirrung stiften?