Silberhochzeit alla veneziana

von Dominik Achtermeier (4. Juli 2016) Korruptionen, Menschenhandel, Tierversuche: Guido hat schon viel gesehen in seinem Amt als Commissario di Polizia in der Lagunenstadt Venedig. Seit dem ersten Band, der 1992 erstmals im HarperCollins Verlag unter dem Titel Death at La Fenice und 1995 bei Diogenes als Venezianisches Finale erschien und auch im deutschsprachigen Raum feierte Erfolge feierte, wuchs er, der italienische Ermittler Guido Brunetti, den Lesern mehr und mehr ans Herz. Nicht jedoch den italienischen Lesern, da die inzwischen allseits bekannte Donna Leon davon Abstand nahm, ihre in englischer Sprache verfassten Romane im Land des schönen Lebens und der ewigen Heiterkeit in italienischer Übersetzung zu veröffentlichen. Eine ungewöhnliche, aber vorsorgliche Form der Deeskalation, nimmt Leon doch kein Blatt vor den Mund und macht politische Missstände gerne zum Thema ihrer Fälle.

Keine andere amerikanische Autorin war so lange, so erfolgreich, so beliebt wie Donna Leon mit ihrem Guido Brunetti und ich verrate Ihnen auch warum: Es sind nicht allein die mal mehr, mal weniger spannenden Fälle, die Brunetti am Ende schon verlässlich zu lösen weiß. Nein, es sind die Figuren, ihre verlässlichen Charakterzüge und der Hauch von Venedig, einem Sehnsuchtsort, der zu versinken zu zu vermüllen droht. Und doch bleibt das Stammpersonal – Guido seine Frau und die Kinder, Vice-Questore Patta, Vianello und last-but-not-least Signorina Elettra – ein diszipliniertes bis aufbrausendes, ironisches bis lakonisches, kurzum eine liebenswerte Ansammlung an Figuren, die in Erinnerung bleiben.

Zwischen weiblichen Welten

von Marlene Hartmann (4. Juli 2016)

 

 

»Sind wir das, was wir machen?« Sind wir die bloße Erinnerung, die von uns bleibt, wenn wir diese Welt verlassen haben? Wo sind die Grenzen zwischen dem Augenblick und der Vergangenheit, zwischen Leben und Tod, zwischen Frau und Mann? Oder gibt es letztendlich keine Grenzen, weil wir Menschen, Zeiten und Gedanken im Innersten verbunden sind, sodass alles zu etwas Unbegreiflichem verschwimmt?

Ali Smith beherrscht die Kunst des Sagenwebens ebenso sehr wie die des außergewöhnlichen Textbildes. Was zunächst etwas befremdlich daherkommt, entwickelt sich schnell zu einem für Ali Smith so typischen originellen Sprachsystem. Es bereitet Raum und Grundlage für zwei Figuren, die gleichermaßen einzigartig und authentisch sind.

Von Eis, Familie, Tradition und einer ungewöhnlichen Bitte

von Tanja Schlaifer (21. Juni 2016)

 

 

An einem perfekten Sommertag darf ein leckeres Eis natürlich nicht fehlen. Doch nicht jeder kann draußen in der Sonne sitzen und Eis schlecken, vor allem nicht Die Eismacher, die anderen diese Freude erst möglich machen, indem sie auf ihren Sommer komplett verzichten.

Die italienische Familie Talamini ist seit Generationen im Eisgeschäft tätig. Im Winter sind sie zu Hause in Italien, aber jeden Sommer geht es für sie nach Rotterdam, um dort ihr Eiscafé zu bewirtschaften. Dabei müssen auch die beiden Söhne Giovanni und Luca in den Sommerferien helfen. Doch mit 18 entscheidet sich Giovanni, dass er sein Leben nicht dem Eismachen, sondern der Poesie widmen möchte, sodass Luca keine andere Wahl hat, als das Eiscafé zu übernehmen. Während Giovanni also durch die Welt reist, Gedichte liest und neue Leute trifft, steht Luca zusammen mit seiner Frau Sommer für Sommer im Eiscafé und redet jahrelang nicht mehr mit seinem Bruder, bis er auf einmal eine ungewöhnliche Bitte an ihn hat.

Eine europäische Geschichte

von Anna-Lena Oldenburg (11. Juni 2016)

 

 

Man könnte meinen, isländische Literatur, die es in die deutsche Übersetzung schafft, ist vorzugsweise Krisenliteratur, denn so wie Gudmundur Óskarssons Bankster ein Produkt der Finanzkrise war, so ist auch Böse eine Aufarbeitung der Renaissance des ultranationalistischen Gedankengutes, das in letzter Zeit so vielfältige Triebe wie UKIP, Front National, FPÖ oder AFD ausgeschlagen hat.

Eiríkur Örn Norðdahls Böse ist ein extrem zeitgemäßes Buch über den europäischen Nationalismus und Rechtspopulismus im Aufschwung, ausgehend von einer Erkundung von Island als exotischem Sehnsuchtsort (die weiten Landschaften! die wilden Pferde! die sprudelnden Geysire! modern und exzentrisch wie Björk! ich wollte schon immer mal die Nordlichter sehen!) und Lebensrealität (die Isolation und Einsamkeit! die chauvinistische Wikingerrhetorik und mythologisierende Volkstümelei! der schwere Stand der Ausländer! die aufoktroyierte Amerikanität mit Shopping Malls und Glaspalästen!). Norðdahl schreibt mit unglaublicher Energie, in kurzen Abschnitten, die wie Geysirfontänen hervorschießen und abwechselnd Figuren- und Autorenperspektive einnehmen, wenn nicht immer wieder Teile von dem eingeschoben werden, was wohl die Masterarbeit der Protagonistin Agnes ist. Agnes, Nachfahrin litauischer Einwanderer, will mit ihrer Arbeit über den Rechtsradikalismus sowohl ihre eigene Familiengeschichte verarbeiten, als auch eine gesamteuropäische Xenophobie, die innerhalb des Buches ausgebreitet wird.

Die Sünden des Fleisches

von Anna-Lena Oldenburg (11. Juni 2016)

 

 

„Stop eating meat, and the world will devour you whole.“

So wie Bartleby Geist am Kapitalismus zerschellte, verzweifelt Yeong-He, als sie anfängt Visionen zu haben, von Morden an Tieren. Antwortet Bartleby auf Bitten um Produktivität in einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder zugrunde richtet und in die Gier oder Sucht treibt, dass er an dieser lieber nicht teilnehmen möchte, ist Yeong-Hes Verzicht vor allem eine Absage an Ehemann und Familie, die versuchen, über sie zu bestimmen – und dabei sogar so weit gehen, zu versuchen, ihr ein Stück Schweinefleisch beherzt in die Kehle zu stopfen oder ihr ein Tonikum, gewonnen aus den Säften einer lebendig gekochten Ziege, als Kräuterheilmittel zu verkaufen. Brutale Akte gegen Körper bleiben verborgen unter köstlichen Namen –  duftender, karamellisierter, satt ausgebackener Schweinebauch, hauchdünne Rindfleischscheiben, gewürzt mit schwarzem Pfeffer und Sesamöl, getaucht in brodelnde Shabu-Shabu-Fleischbrühe, »familiäre Fürsorge«, erteilt durch die harte Hand des Vaters.