London’s Calling: Unentdeckte Stadtansichten für Fortgeschrittene

von Dominik Achtermeier (23. Juli 2015)

 

Urlaubszeit ist Reisezeit. Warum also nicht den Koffer packen, einen Flug buchen und der Weltmetropole London einen Besuch abstatten?

Sightseeing-Trips stehen hoch im Kurs und müssen nicht den Charme einer Bildungsreise beanspruchen. Und dennoch will man neue Erfahrungen, Erlebnisse und Entdeckungen machen. London ist geradezu prädestiniert für eine gute Mischung aus Gegensätzen: von Moderne vs. Geschichte über Tradition vs. Multikulturalität bis hin zu Hektik vs. Ruhezonen. Genau davon zeugt das pinke Taschenbuch von John Sykes, wenn er beispielsweise das ehrwürdige Auktionshaus Christie’s als niveauvollere Alternative zu eBay vorstellt. Insgesamt hat der geborene Brite, der heute in seiner Wahlheimat Köln lebt und arbeitet, 111 Orte im und außerhalb des Stadtzentrums von London zusammengetragen, die man auf einem ersten Städtetrip größtenteils übersehen hat. Weder der Buckingham Palast noch die Turmuhr des Parlamentsgebäudes finden sich in diesem Konvolut an sehenswerten Plätzen, sondern Artikel über die römische Stadtmauer, das Büro von James Bond oder den Prototyp der roten Telefonzellen.

Schöpfungsgeschichte 2.0

von Verena Bauer (22. Juni 2015)

 

 

»Wenn er zu den Menschen kam, flohen sie vor ihm. Nur die Hunde rannten herbei und verbellten ihn« - so beginnt Das Buch Kain, der Debütroman von Hansjörg Roth. Gemeint ist in diesen beiden ersten Sätzen Kain, der erste Sohn Evas und möglicherweise Adams, »der vielleicht nicht und der vielleicht doch sein Vater war«. Kain ist nach dem Brudermord an Abel nämlich von Gott mit sieben Zeichen bestraft worden; darunter der Fluch, dass alle Menschen ihn meiden sowie ein Horn, das ihm auf der Stirn wächst, und das jedem, der es sieht, ungeheuerlich erscheint. Als wäre dies der Strafe nicht genug, wird Kain von »El-ElohimGott-demHerrn« in die Welt hinausgeschickt, um zusammen zu tragen, was diese noch von Gottes Werk wissen. Denn die Menschen drohen, zu vergessen und beginnen, Götzen anzubeten – und das macht Gott so wütend, dass er bereit ist, das Verderben über sie zu schicken, falls ihm Kains Bericht nicht genügt. So macht sich der inzwischen Jahrhunderte alte Erstgeborene wohl oder übel auf, um weitere Jahrhunderte einsam über die Welt zu streifen, bepackt mit einem Sack voller Rinden und Kerbhölzer, auf denen er die Geschichten über Gott und den Anfang der Welt verewigt, die die Menschen noch zu erzählen wissen.

Weltrettung leicht gemacht! – Markus Orths Apokalypse für Anfänger

von Tina Betz (28. Mai 2015)

 

 

Aus dem Jahr 2525 (525 Jahre nach Omega) stammt sie – die Parodie aus der Zukunft, die den Zeitreisenden Elias Zimmermann in unsere heutige Gegenwart führt. In Markus Orths Alpha und Omega – Apokalypse für Anfänger steht die Welt mal wieder kurz vor ihrem Untergang und braucht dringend einen Helden, der den heranrasenden Meteoriten im letzten Moment aufhalten kann. Was läge da näher als sich die letzte Rettung der Welt noch einmal anzusehen und die Heldin von damals – Omega Sybille Zacharias – genau unter die Lupe zu nehmen. Elias reist in das Jahr 2000 und begleitet Omega, ihre Familie und Freunde bis zur Weltrettung vor einem bedrohlich wachsenden schwarzen Loch. So hofft er die Welt im Jahr 2525 in letzter Sekunde mit dem gewonnen Wissen vor dem drohenden Untergang zu bewahren.

Als Phantom schwebt der Erzähler Elias über dem Geschehen und lernt, während er Omega auf ihrem Weg begleitet, unser Zeitalter der »Barbaren« besser kennen, als ihm lieb ist. Dabei lässt Elias immer wieder Wissen aus der Zeit vor Omega einfließen, das er sich lesend vor seiner Zeitreise angeeignet hat, sowie physikalisches Fachwissen über das Phänomen »Schwarzes Loch«. Der Leser begleitet zusammen mit dem körperlosen Elias Zimmermann nicht nur Omega, sondern auch deren Umfeld, das aus zahlreichen detailreichen und einzigartigen Charakteren besteht. Gusto, Omegas Adoptiv-Großvater und zweite heimliche Hauptfigur, sticht immer wieder heraus, bringt den Leser zum Schmunzeln und treibt die anderen Figuren mit seinen teils wahnwitzigen, teils grandiosen Ideen an den Rand der Verzweiflung. Ebenso ungewöhnlich sind die anderen Charaktere, die von einem schwerreichen Unternehmer mit 720 Identitäten, über eine sexsüchtige Teilchenphysikerin bis hin zu einem schwulen buddhistischen Mönch aus Nepal reichen. Nach dem »small world phenomenon« treffen die Figuren immer wieder aufeinander und agieren miteinander. Sie hängen untrennbar zusammen und stellen auf dem Weg zur Rettung der Welt notwendige Puzzlestücke dar, die am Ende ihren jeweiligen Platz finden.

Der Gipfel vom Matterhorn – Bärfuss und die Bergpredigt

von Veronika Biederer (05. Mai 2015)

 

 

Kompakter Lesestoff liegt nun vor mir. Der Umschlag in ein zartes Meeresblau getaucht. Darauf abgebildet eine erhabene Engelsfigur, ein Ausschnitt aus Tizians Verkündigung an Maria. Sein Blick ist trüb, gar hypnotisiert. Ein freudiges Ereignis zu überbringen ausgesandt, erscheint er dennoch unter düsteren Schwingen, das Unheil wissend, das den Ungeborenen ereilen soll. Plakative Lettern sagen mir aber, dass es hier nun nicht mehr um die Verkündungen für eine heile Welt gehen soll. Im Mittelpunkt des nun erschienen Essaybandes vom aktuellen Bamberger Poetikdozenten, dem Schweizer Dramatiker, Dramaturg und Romancier Lukas Bärfuss, steht die Frage nach Stil, mehr aber noch die Diskussion um Moral.

In Bärfuss‘ Gedankenwelt einzutauchen ist wie in einen Strom zu springen, der einen mitreißt, von dem man aber nicht weiß, wohin er ihn überhaupt trägt. Am Ende will man aber dennoch freiwillig springen. Wenn man dann nach jedem Wort gründelt, um dann auf einen Ausdruck zu treffen, den man so genial findet, dass man vor Überraschung einen Mund voll Süßwasser bekommt, macht das ebenso süchtig wie das bloße dahingleiten in den literarischen Exkursen, wie über Robert Walsers Räuber-Roman oder Dürrenmatts Das Versprechen.

In seinem Essay über Anton Tschechows Drei Schwestern beschreibt er seine akribische Vorbereitung auf eine aufwändige Inszenierung, die lange Anreise, die teure Unterkunft, die aufmerksame Lektüre, die detailreiche Auseinandersetzung mit der Dramaturgie und wie ihm eine ganz grazile Knoblauchpest alle Mühe zunichtemacht. Und in solchen Momenten fragt man sich ebenso wie der Autor, „welche subtile Perversion bringt einen Menschen dazu (…)“? (Stil und Moral, S. 50)

Was uns das Flusspferd lehrt

von Philipp Schlüter (07. April 2015)

 

 

Nein, die Übergangsphase zwischen der Jugend und dem Erwachsenenalter ist nichts für Weicheier. Wenn es dann auch noch mit der Liebe nicht so recht klappen will, kann man sich schon mal fühlen, wie ein Frosch im Mixer. Oder wie ein Flusspferd in der Großstadt.

In Arno Geigers neuem Roman Selbstporträt mit Flusspferd findet sich der 22-jährige Julian in genau dieser Situation wieder. Die Trennung von seiner Freundin Judith hat er herbeigesehnt, doch als es wirklich dazu kommt, fühlt er sich wie aus Zeit und Welt gefallen. Der Student der Veterinärmedizin wandelt fragenvoll durch Wien und zum Ende des Sommersemesters sieht sein Gemütszustand folgenermaßen aus: »Einsam und verwundet lag ich da inmitten dieser betriebsamen Welt.« Wenn einem selbst die Birne von etwas dröhnt, dann reicht manchmal die Anwesenheit von etwas oder jemandem, der mit diesen Dingen absolut nichts am Hut hat. Solch einen stillen und gleichsam außergewöhnlichen Teilhaber findet Julian in einem Zwergflusspferd. Durch seinen Freund Tibor lernt er Professor Beham kennen, der in seinem Garten, wie Geiger es selbst in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse formulierte, dieses »vollkommen unevolutionäre Wesen« für die Dauer eines Sommers beherbergt.

Typisch für das Genre des Adoleszenzromans ist die Oppositionshaltung der Hauptfigur. Dieser Gemütszustand kann sich sowohl nach innen, gegen frühere Einstellungen, als auch nach außen, gegen das Gesellschaftssystem, richten. In Geigers Buch begegnet uns ein Julian der beides vereint: Zerrissen zwischen Innen- und Außenwelt pendelt er zwischen Selbstmitleid und Selbstsicherheit. Bei der Stichwortschmeißerei »Adoleszenzroman« soll es aber nicht bleiben – verrät es doch konkret wenig über diese gelungene Eigenkomposition der Entwicklungsromangattung. Ursula März hat Selbstporträt mit Flusspferd in ihrer Rezension in der der ZEIT dem Genre des Bildungsromans zugeordnet. Doch weder steht die positive Charakterentwicklung des Protagonisten noch die Ausbildung bestimmter geistig-ästhetischer Fähigkeiten im Mittelpunkt des Buches. Julians Entwicklung läuft nicht zwanghaft auf irgendetwas zu. Der Autor gewährt seiner Figur im Bereich der persönlichen Entwicklung völlige Freiheit. Er zeigt, wie es sein könnte, wenn jemand seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat, ohne zu bagatellisieren. Das Ende des Romans lässt maximal eine Ahnung im Leser aufkommen, dass Julian auf einem guten Weg sein könnte: »ich rannte mitten hinein, hinein in dieses Unfassliche, hinein in die sich öffnende Wildnis des Erwachsenenlebens, in die schöne, bedrohliche, mir unbekannte Welt.«