Die>Latelife-Crisis<

von Katharina Voigt

 

Liebe und Sex im Alter – ein heikles Thema, das sich nicht jeder zu Gemüte führen will. Doch Tilo Prückner verarbeitet diese Dinge trotz, oder gerade wegen seiner 73 Jahre mit einem Augenzwinkern, das auch der jüngeren Generation ein erfrischend anderes Leseerlebnis beschert.

Willi Merkatz – 60 Jahre alt, 1,69m groß und Arzt in Berlin, Kreuzberg – steht unter der Dusche und weint bitterlich. So beginnt der Roman über einen gealterten Mann dessen Lebensordnung sich mit seiner Ehe immer mehr auflöst. Seine Frau Katarina will nach 39 Jahren eine Auszeit, was diesen komplett aus der Bahn wirft. So setzt er sich der betont belesene Mann mit Hang zur Kultur in seinen Cadillac und fährt nach Italien. Dort zelebriert er nach Jahren der mehr oder weniger selbst auferlegten Enthaltsamkeit seine Sexualität in Szenen, die irgendwo zwischen Komik, Ekel und Groteske angesiedelt sind.

Bekenntnisse einer Spießbürgerin

von Katharina Voigt

 

Eine Mutter erzählt der eigenen Tochter am Sterbebett ihre Lebensgeschichte bis in die letzte Einzelheit. Aber will man als Kind die dunklen Geheimnisse der eigenen Mutter überhaupt kennen?

Sarah Strickers Erstlingsroman Fünf Kopeken erzählt das Leben einer vom eigenen Vater zum Perfektionismus erzogenen Intelligenzbestie. Und eine Bestie scheint sie wirklich zu sein, denn »Doofsein kannst du dir mit dem Gesicht wenigstens nicht erlauben.« sagt schon in jungen Jahren der Vater zu ihr. So führt sie ihre Hässlichkeit zusammen mit väterlichem Drill in ein weltfremdes Streber-Dasein, in dem allein die Leistung zählt und für Emotionen kein Platz ist. Die einzige Sache, in der sie keinen Erfolg vorweisen kann, ist die Liebe. Zwischenmenschliche Zuneigung macht aus der sonst so perfekt organisierten jungen Frau ein fahriges, hilfloses Wrack.

London’s Calling: Unentdeckte Stadtansichten für Fortgeschrittene

von Dominik Achtermeier (23. Juli 2015)

 

Urlaubszeit ist Reisezeit. Warum also nicht den Koffer packen, einen Flug buchen und der Weltmetropole London einen Besuch abstatten?

Sightseeing-Trips stehen hoch im Kurs und müssen nicht den Charme einer Bildungsreise beanspruchen. Und dennoch will man neue Erfahrungen, Erlebnisse und Entdeckungen machen. London ist geradezu prädestiniert für eine gute Mischung aus Gegensätzen: von Moderne vs. Geschichte über Tradition vs. Multikulturalität bis hin zu Hektik vs. Ruhezonen. Genau davon zeugt das pinke Taschenbuch von John Sykes, wenn er beispielsweise das ehrwürdige Auktionshaus Christie’s als niveauvollere Alternative zu eBay vorstellt. Insgesamt hat der geborene Brite, der heute in seiner Wahlheimat Köln lebt und arbeitet, 111 Orte im und außerhalb des Stadtzentrums von London zusammengetragen, die man auf einem ersten Städtetrip größtenteils übersehen hat. Weder der Buckingham Palast noch die Turmuhr des Parlamentsgebäudes finden sich in diesem Konvolut an sehenswerten Plätzen, sondern Artikel über die römische Stadtmauer, das Büro von James Bond oder den Prototyp der roten Telefonzellen.

Schöpfungsgeschichte 2.0

von Verena Bauer (22. Juni 2015)

 

 

»Wenn er zu den Menschen kam, flohen sie vor ihm. Nur die Hunde rannten herbei und verbellten ihn« - so beginnt Das Buch Kain, der Debütroman von Hansjörg Roth. Gemeint ist in diesen beiden ersten Sätzen Kain, der erste Sohn Evas und möglicherweise Adams, »der vielleicht nicht und der vielleicht doch sein Vater war«. Kain ist nach dem Brudermord an Abel nämlich von Gott mit sieben Zeichen bestraft worden; darunter der Fluch, dass alle Menschen ihn meiden sowie ein Horn, das ihm auf der Stirn wächst, und das jedem, der es sieht, ungeheuerlich erscheint. Als wäre dies der Strafe nicht genug, wird Kain von »El-ElohimGott-demHerrn« in die Welt hinausgeschickt, um zusammen zu tragen, was diese noch von Gottes Werk wissen. Denn die Menschen drohen, zu vergessen und beginnen, Götzen anzubeten – und das macht Gott so wütend, dass er bereit ist, das Verderben über sie zu schicken, falls ihm Kains Bericht nicht genügt. So macht sich der inzwischen Jahrhunderte alte Erstgeborene wohl oder übel auf, um weitere Jahrhunderte einsam über die Welt zu streifen, bepackt mit einem Sack voller Rinden und Kerbhölzer, auf denen er die Geschichten über Gott und den Anfang der Welt verewigt, die die Menschen noch zu erzählen wissen.

Weltrettung leicht gemacht! – Markus Orths Apokalypse für Anfänger

von Tina Betz (28. Mai 2015)

 

 

Aus dem Jahr 2525 (525 Jahre nach Omega) stammt sie – die Parodie aus der Zukunft, die den Zeitreisenden Elias Zimmermann in unsere heutige Gegenwart führt. In Markus Orths Alpha und Omega – Apokalypse für Anfänger steht die Welt mal wieder kurz vor ihrem Untergang und braucht dringend einen Helden, der den heranrasenden Meteoriten im letzten Moment aufhalten kann. Was läge da näher als sich die letzte Rettung der Welt noch einmal anzusehen und die Heldin von damals – Omega Sybille Zacharias – genau unter die Lupe zu nehmen. Elias reist in das Jahr 2000 und begleitet Omega, ihre Familie und Freunde bis zur Weltrettung vor einem bedrohlich wachsenden schwarzen Loch. So hofft er die Welt im Jahr 2525 in letzter Sekunde mit dem gewonnen Wissen vor dem drohenden Untergang zu bewahren.

Als Phantom schwebt der Erzähler Elias über dem Geschehen und lernt, während er Omega auf ihrem Weg begleitet, unser Zeitalter der »Barbaren« besser kennen, als ihm lieb ist. Dabei lässt Elias immer wieder Wissen aus der Zeit vor Omega einfließen, das er sich lesend vor seiner Zeitreise angeeignet hat, sowie physikalisches Fachwissen über das Phänomen »Schwarzes Loch«. Der Leser begleitet zusammen mit dem körperlosen Elias Zimmermann nicht nur Omega, sondern auch deren Umfeld, das aus zahlreichen detailreichen und einzigartigen Charakteren besteht. Gusto, Omegas Adoptiv-Großvater und zweite heimliche Hauptfigur, sticht immer wieder heraus, bringt den Leser zum Schmunzeln und treibt die anderen Figuren mit seinen teils wahnwitzigen, teils grandiosen Ideen an den Rand der Verzweiflung. Ebenso ungewöhnlich sind die anderen Charaktere, die von einem schwerreichen Unternehmer mit 720 Identitäten, über eine sexsüchtige Teilchenphysikerin bis hin zu einem schwulen buddhistischen Mönch aus Nepal reichen. Nach dem »small world phenomenon« treffen die Figuren immer wieder aufeinander und agieren miteinander. Sie hängen untrennbar zusammen und stellen auf dem Weg zur Rettung der Welt notwendige Puzzlestücke dar, die am Ende ihren jeweiligen Platz finden.