Rachsucht und Lesers Spannungsdurst

von Philipp Schlüter (24. Februar 2015)

 

 

Das Unglück schläft bekanntlich nie. Auch wenn diese Floskel zum Glück nicht ganz wahr, tragischerweise aber auch nicht ganz falsch erscheint, so beschreibt sie das Schicksal des Ex-Marines Jack Dana in Louis Begleys neuem Roman Zeig dich, Mörder doch sehr zutreffend.

Als dieser 2008 von seinem siebenjährigen Militärdienst in Afghanistan und im Irak nach New York zurückkehrt, sucht er Ruhe und vor allem Halt. Sein Onkel Harry, für Jack wie ein Vater, ist ein rechtschaffener Typ und herzensguter Mensch. Als sich einige Monate nach Jacks Rückkehr alles wieder langsam einzupendeln scheint und viel darauf hindeutet, dass es nun wieder so wird wie vor dem Anschlag auf die Zwillingstürme, geschieht etwas Schreckliches: Harry soll in seinem Wochenendhaus auf Long Island Selbstmord begangen haben. Das kann Jack nicht glauben, er spürt, dass er sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben muss.

Louis Begley hat einen kriminalistischen Roman geschrieben, der sicherlich in der Beschreibung der New Yorker Upper Class und dem damit verbundenen Lebensgefühl der sozialen Netzwerke zwischen Unternehmen und Anwaltskanzleien, Authentizität beanspruchen darf. Hinzukommend glitzert auch der American way of life nie zu inflationär und überzogen durch. Was jedoch weniger überzeugt, ist die Figur Jack Dana und die damit verbundene Einseitigkeit der Haupthandlung. Es fällt schwer, sich einen Kriegsheimkehrer in der Art eines Jack Dana vorzustellen. Für ihn, so der Eindruck, sind der Tod seines Onkels und die Suche nach dem Mörder nur ein weiteres großes Abenteuer. Seine Gefühle und seine Trauer werden fast komplett ausgespart, stattdessen lässt Begley immer andere Figuren unterstreichen, was für ein toller, wirklich toller Kerl Jacks Onkel doch gewesen ist. Harry selbst arbeitete als erfolgreicher Anwalt in der New Yorker Kanzlei Johnson & Whetstone und war auch sonst eine zufriedene Person, der man nicht im Entferntesten einen Suizid zugetraut hätte. Doch als das „Warum nur?“ immer drückender wird, entdeckt Jack in einer Sofanische im Hause Harrys den entscheidenden Beweis. Jemand hat seinen Onkel tatsächlich in den Selbstmord getrieben.

Haltlos durch Hitlers Europa

von Verena Bauer (05. November 2014)

© Rowohlt Verlag

Welt in Flammen heißt der Wälzer, mit dem Benjamin Monferat seinen Lesern diesen Sommer die Zeit vertreiben konnte. Ein Titel, der Erwartungen hervorruft. Und diese werden zu genüge erfüllt – zumindest größtenteils.

Da ist die jüdische Eva Heilmann, die mit nackten Füßen quer durch Paris um ihre Liebe rennt. Da ist außerdem der König ohne Land, der sich Hals über Kopf aufmacht, um vielleicht doch noch seine Leute zurück zu gewinnen. Da ist die abgehalfterte Schauspielerin, die sich eigentlich nur danach sehnt, noch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Dann ist da noch die russische Großfürstin, deren Augen so viel Kälte ausstrahlen, als wäre der ganze Schnee Sibiriens darin eingeschlossen worden. Daneben ihre Tochter, ein Mädchen, das kaum mehr Zartheit und Weiblichkeit ausstrahlen könnte. Und das frisch verheiratete amerikanische Pärchen. Und der Bolschewik, und, und...

Eine explosive Mischung, die Monferat in seinem Roman zusammen schmeißt. Sie alle befinden sich im letzten Zug, der Europa zu dieser Zeit verlässt. Ein Europa, das unter Hitler und dem Krieg zu zerreißen droht. Ein Europa, das nie mehr dasselbe sein wird, und dessen sind sich alle in diesem Zug, dem Simplon Orient Express nach Istanbul, bewusst. Und sie alle erreichen einen Punkt, an dem sie irgendwie haltlos sind.

Monferat hat ein Gespür für den richtigen Moment, um die Perspektiven zu wechseln. Er schafft es, jeder Charaktergeschichte ihren eigenen Stil zu verleihen, ohne sich zu weit vom Orient Express zu entfernen. Der Leser erfährt so sehr viel über die einzelnen Charaktere, verliert aber nicht den Überblick, da Monferat es schafft, jedem von ihnen ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Daneben behält man die Geschehnisse und die Atmosphäre im Zug aber permanent im Hinterkopf, und das ist dem Autor als beeindruckende Leistung anzurechnen. Der Leser spürt regelrecht, wie sich die Ereignisse im Orient Express verdichten, wie sich die Atmosphäre auflädt. Die Spannung steigt fast ins Unerträgliche und man möchte meinen, dass sie sich mit einem riesigen Knall entlädt, als die Geschehnisse in eine wahre Katastrophe münden. Doch dies geschieht nicht, denn die Spannung hält an, setzt immer wieder neu an und fesselt einen regelrecht ans Buch.

Authentischer Mittelalter-Lesespaß

von Verena Bauer (15. Mai 2014)
 
 

Markus Gerwinski hat mit Falkenflug. Die Hörige einen schönen Mittelalter-Roman mit angenehm wenigen Fantasy-Elementen erschaffen. Der Leser findet eine unglaublich kraftvolle, bunte und detailliert beschriebene mittelalterliche Welt sowie authentische Charaktere vor. Eine Zeitreise, von der es sich mitzureißen lohnt.

 

In dem Buch geht es um die Beziehung zwischen der Hörigen Gunid und dem Sohn ihres Lehnsherrn, Ragald. Die beiden freunden sich im Kindesalter an und die etwas ältere Gunid nennt ihren jungen Freund von da an nur ihren „Kleinen“. Die gute Beziehung, die die beiden bis zu ihrer Jugend pflegen, kippt, als Ragald sich zur Ausbildung in einem benachbarten Lehen aufmacht: Beim Abschied merkt Gunid, dass sie doch etwas mehr als Freundschaft empfindet, während Ragald an dergleichen nicht zu denken scheint ... Als dieser nach seiner Ausbildung auch noch Hand in Hand mit einem fremden Mädchen zurückkehrt, kühlt das Verhältnis vollends ab. Doch es herrscht Krieg im Land, die Feinde rücken immer näher. Der ehemals „Kleine“ muss zum Heerlager ziehen, wo er auf eine Mission geschickt wird, von der er nicht mehr zurückkommt. Gunid kann nicht anders und macht sich auf, um ihren geliebten Ragald zu finden.

Die Geschichte? Alles nur menschlicher „Potenzverschleiß"!

von Philipp Schlüter (22. März 2014)
 

 

Am 1. April wird der deutsche Dramatiker und Schriftsteller Rolf Hochhuth vierundachtzig Jahre alt. Passend zu seinem Geburtstag erscheint zu diesem Frühjahr im Schwabe Verlag eine Anthologie seiner Essays und Gedichte, in deren Zentrum die Frage steht, wie die Geschichte (im Allgemeinen und als Wissenschaft im Besonderen) ein Ratgeber für Gegenwart und Zukunft sein kann. Sein Theaterstück Der Stellvertreter entzündete 1963 eine intensive Debatte über die päpstliche Zurückhaltung und Duldung in Bezug auf den Holocaust und dürfte dem einen oder anderen wohl ein Begriff sein.

Wer nun mit dem Titel des Bändchens Invasionen. Zur Ethologie der Geschichte eine stringente Abhandlung und zugleich theoriegeleitete Offenlegung von Hochhuths Geschichtsverständnis assoziiert, der wird überrascht sein. Die Zusammenstellung ist eine anregende und wissensmächtige Verknüpfung von geschichtlichen Vorgängen mit dem Zweck, so scheint es, dem Leser die Bedeutung der eigenen Meinungsbildung einzuschärfen. Im Fokus der Betrachtung stehen größtenteils historische Persönlichkeiten á la Oswald Spengler, Jacob Burckhardt und Otto von Bismarck. Hochhuth nutzt den Ansatz der Personengeschichte um die damit verbundenen Denkrichtungen zu charakterisieren und auszuwerten. Für diese Publikationsform genau die richtige Entscheidung, da Hochhuth für unser heutiges Geschichtsverständnis wichtige geistige Kehrtwenden,  fast immer bedingt durch Individuen, seziert und dem Leser verständlich vor Augen führt. Erfrischend wirken zwischen den teilweise herausfordernden Texten, einige Gedichte Hochhuths, in denen ebenfalls mit der Thematik der Geschichte literarisch gespielt wird.

Momo zeigt uns den Weg

von Verena Bauer

 

Sei ganz einfach du selbst“ - leichter gesagt als getan! Vor allem heutzutage, wo jeder Mensch so unbedingt individuell sein möchte, dass eben dadurch wiederum alle gleich sind. Wie soll es auch in einer Welt der Massenproduktion Individualität geben? Sabine Hertweck eröffnet einen möglichen Weg – über die Charaktereigenschaften des Mädchens Momo aus Michael Endes Märchenroman Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte aus dem Jahr 1973.

Genauso einfach und doch fast unmöglich umzusetzen in einem Dasein, das schon viel zu sehr von den grauen Männern beherrscht wird, scheinen auch die anderen Ratschläge. „Bewahre dir dein inneres Kind“ - wie denn, fragt man sich, in einem Umfeld, das einen dauernd mit der Schlechtigkeit der Welt konfrontiert und verlangt, „erwachsen“ und „mit dem nötigen Ernst“ den aktuellen Themen zu begegnen. „Lass dir Zeit und sei im Augenblick deines Lebens verwurzelt“ oder „Erfülle deine alltäglichen Aufgaben achtsam und gut“? „Vertraue dem natürlichen Rhythmus des Lebens“? Das alles spricht doch gegen die Prämisse der heutigen Menschheit, alles möglichst schnell, am besten noch mehrere Dinge gleichzeitig und natürlich möglichst effektiv zu erledigen und dabei noch möglichst lange jung zu bleiben. „Begegne anderen Menschen offen, freundlich und gütig“ ist doch in der Hetze des Alltags, in der man aneinander vorbeigeht ohne sich eines Blickes zu würdigen, jeder nur darauf bedacht, möglichst schnell an sein Ziel zu kommen, ein ziemlich einseitiges Unterfangen. Oder?