Der Gipfel vom Matterhorn – Bärfuss und die Bergpredigt

von Veronika Biederer (05. Mai 2015)

 

 

Kompakter Lesestoff liegt nun vor mir. Der Umschlag in ein zartes Meeresblau getaucht. Darauf abgebildet eine erhabene Engelsfigur, ein Ausschnitt aus Tizians Verkündigung an Maria. Sein Blick ist trüb, gar hypnotisiert. Ein freudiges Ereignis zu überbringen ausgesandt, erscheint er dennoch unter düsteren Schwingen, das Unheil wissend, das den Ungeborenen ereilen soll. Plakative Lettern sagen mir aber, dass es hier nun nicht mehr um die Verkündungen für eine heile Welt gehen soll. Im Mittelpunkt des nun erschienen Essaybandes vom aktuellen Bamberger Poetikdozenten, dem Schweizer Dramatiker, Dramaturg und Romancier Lukas Bärfuss, steht die Frage nach Stil, mehr aber noch die Diskussion um Moral.

In Bärfuss‘ Gedankenwelt einzutauchen ist wie in einen Strom zu springen, der einen mitreißt, von dem man aber nicht weiß, wohin er ihn überhaupt trägt. Am Ende will man aber dennoch freiwillig springen. Wenn man dann nach jedem Wort gründelt, um dann auf einen Ausdruck zu treffen, den man so genial findet, dass man vor Überraschung einen Mund voll Süßwasser bekommt, macht das ebenso süchtig wie das bloße dahingleiten in den literarischen Exkursen, wie über Robert Walsers Räuber-Roman oder Dürrenmatts Das Versprechen.

In seinem Essay über Anton Tschechows Drei Schwestern beschreibt er seine akribische Vorbereitung auf eine aufwändige Inszenierung, die lange Anreise, die teure Unterkunft, die aufmerksame Lektüre, die detailreiche Auseinandersetzung mit der Dramaturgie und wie ihm eine ganz grazile Knoblauchpest alle Mühe zunichtemacht. Und in solchen Momenten fragt man sich ebenso wie der Autor, „welche subtile Perversion bringt einen Menschen dazu (…)“? (Stil und Moral, S. 50)

Was uns das Flusspferd lehrt

von Philipp Schlüter (07. April 2015)

 

 

Nein, die Übergangsphase zwischen der Jugend und dem Erwachsenenalter ist nichts für Weicheier. Wenn es dann auch noch mit der Liebe nicht so recht klappen will, kann man sich schon mal fühlen, wie ein Frosch im Mixer. Oder wie ein Flusspferd in der Großstadt.

In Arno Geigers neuem Roman Selbstporträt mit Flusspferd findet sich der 22-jährige Julian in genau dieser Situation wieder. Die Trennung von seiner Freundin Judith hat er herbeigesehnt, doch als es wirklich dazu kommt, fühlt er sich wie aus Zeit und Welt gefallen. Der Student der Veterinärmedizin wandelt fragenvoll durch Wien und zum Ende des Sommersemesters sieht sein Gemütszustand folgenermaßen aus: »Einsam und verwundet lag ich da inmitten dieser betriebsamen Welt.« Wenn einem selbst die Birne von etwas dröhnt, dann reicht manchmal die Anwesenheit von etwas oder jemandem, der mit diesen Dingen absolut nichts am Hut hat. Solch einen stillen und gleichsam außergewöhnlichen Teilhaber findet Julian in einem Zwergflusspferd. Durch seinen Freund Tibor lernt er Professor Beham kennen, der in seinem Garten, wie Geiger es selbst in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse formulierte, dieses »vollkommen unevolutionäre Wesen« für die Dauer eines Sommers beherbergt.

Typisch für das Genre des Adoleszenzromans ist die Oppositionshaltung der Hauptfigur. Dieser Gemütszustand kann sich sowohl nach innen, gegen frühere Einstellungen, als auch nach außen, gegen das Gesellschaftssystem, richten. In Geigers Buch begegnet uns ein Julian der beides vereint: Zerrissen zwischen Innen- und Außenwelt pendelt er zwischen Selbstmitleid und Selbstsicherheit. Bei der Stichwortschmeißerei »Adoleszenzroman« soll es aber nicht bleiben – verrät es doch konkret wenig über diese gelungene Eigenkomposition der Entwicklungsromangattung. Ursula März hat Selbstporträt mit Flusspferd in ihrer Rezension in der der ZEIT dem Genre des Bildungsromans zugeordnet. Doch weder steht die positive Charakterentwicklung des Protagonisten noch die Ausbildung bestimmter geistig-ästhetischer Fähigkeiten im Mittelpunkt des Buches. Julians Entwicklung läuft nicht zwanghaft auf irgendetwas zu. Der Autor gewährt seiner Figur im Bereich der persönlichen Entwicklung völlige Freiheit. Er zeigt, wie es sein könnte, wenn jemand seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat, ohne zu bagatellisieren. Das Ende des Romans lässt maximal eine Ahnung im Leser aufkommen, dass Julian auf einem guten Weg sein könnte: »ich rannte mitten hinein, hinein in dieses Unfassliche, hinein in die sich öffnende Wildnis des Erwachsenenlebens, in die schöne, bedrohliche, mir unbekannte Welt.«

Rachsucht und Lesers Spannungsdurst

von Philipp Schlüter (24. Februar 2015)

 

 

Das Unglück schläft bekanntlich nie. Auch wenn diese Floskel zum Glück nicht ganz wahr, tragischerweise aber auch nicht ganz falsch erscheint, so beschreibt sie das Schicksal des Ex-Marines Jack Dana in Louis Begleys neuem Roman Zeig dich, Mörder doch sehr zutreffend.

Als dieser 2008 von seinem siebenjährigen Militärdienst in Afghanistan und im Irak nach New York zurückkehrt, sucht er Ruhe und vor allem Halt. Sein Onkel Harry, für Jack wie ein Vater, ist ein rechtschaffener Typ und herzensguter Mensch. Als sich einige Monate nach Jacks Rückkehr alles wieder langsam einzupendeln scheint und viel darauf hindeutet, dass es nun wieder so wird wie vor dem Anschlag auf die Zwillingstürme, geschieht etwas Schreckliches: Harry soll in seinem Wochenendhaus auf Long Island Selbstmord begangen haben. Das kann Jack nicht glauben, er spürt, dass er sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben muss.

Louis Begley hat einen kriminalistischen Roman geschrieben, der sicherlich in der Beschreibung der New Yorker Upper Class und dem damit verbundenen Lebensgefühl der sozialen Netzwerke zwischen Unternehmen und Anwaltskanzleien, Authentizität beanspruchen darf. Hinzukommend glitzert auch der American way of life nie zu inflationär und überzogen durch. Was jedoch weniger überzeugt, ist die Figur Jack Dana und die damit verbundene Einseitigkeit der Haupthandlung. Es fällt schwer, sich einen Kriegsheimkehrer in der Art eines Jack Dana vorzustellen. Für ihn, so der Eindruck, sind der Tod seines Onkels und die Suche nach dem Mörder nur ein weiteres großes Abenteuer. Seine Gefühle und seine Trauer werden fast komplett ausgespart, stattdessen lässt Begley immer andere Figuren unterstreichen, was für ein toller, wirklich toller Kerl Jacks Onkel doch gewesen ist. Harry selbst arbeitete als erfolgreicher Anwalt in der New Yorker Kanzlei Johnson & Whetstone und war auch sonst eine zufriedene Person, der man nicht im Entferntesten einen Suizid zugetraut hätte. Doch als das „Warum nur?“ immer drückender wird, entdeckt Jack in einer Sofanische im Hause Harrys den entscheidenden Beweis. Jemand hat seinen Onkel tatsächlich in den Selbstmord getrieben.

Haltlos durch Hitlers Europa

von Verena Bauer (05. November 2014)

© Rowohlt Verlag

Welt in Flammen heißt der Wälzer, mit dem Benjamin Monferat seinen Lesern diesen Sommer die Zeit vertreiben konnte. Ein Titel, der Erwartungen hervorruft. Und diese werden zu genüge erfüllt – zumindest größtenteils.

Da ist die jüdische Eva Heilmann, die mit nackten Füßen quer durch Paris um ihre Liebe rennt. Da ist außerdem der König ohne Land, der sich Hals über Kopf aufmacht, um vielleicht doch noch seine Leute zurück zu gewinnen. Da ist die abgehalfterte Schauspielerin, die sich eigentlich nur danach sehnt, noch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Dann ist da noch die russische Großfürstin, deren Augen so viel Kälte ausstrahlen, als wäre der ganze Schnee Sibiriens darin eingeschlossen worden. Daneben ihre Tochter, ein Mädchen, das kaum mehr Zartheit und Weiblichkeit ausstrahlen könnte. Und das frisch verheiratete amerikanische Pärchen. Und der Bolschewik, und, und...

Eine explosive Mischung, die Monferat in seinem Roman zusammen schmeißt. Sie alle befinden sich im letzten Zug, der Europa zu dieser Zeit verlässt. Ein Europa, das unter Hitler und dem Krieg zu zerreißen droht. Ein Europa, das nie mehr dasselbe sein wird, und dessen sind sich alle in diesem Zug, dem Simplon Orient Express nach Istanbul, bewusst. Und sie alle erreichen einen Punkt, an dem sie irgendwie haltlos sind.

Monferat hat ein Gespür für den richtigen Moment, um die Perspektiven zu wechseln. Er schafft es, jeder Charaktergeschichte ihren eigenen Stil zu verleihen, ohne sich zu weit vom Orient Express zu entfernen. Der Leser erfährt so sehr viel über die einzelnen Charaktere, verliert aber nicht den Überblick, da Monferat es schafft, jedem von ihnen ein unverwechselbares Gesicht zu geben. Daneben behält man die Geschehnisse und die Atmosphäre im Zug aber permanent im Hinterkopf, und das ist dem Autor als beeindruckende Leistung anzurechnen. Der Leser spürt regelrecht, wie sich die Ereignisse im Orient Express verdichten, wie sich die Atmosphäre auflädt. Die Spannung steigt fast ins Unerträgliche und man möchte meinen, dass sie sich mit einem riesigen Knall entlädt, als die Geschehnisse in eine wahre Katastrophe münden. Doch dies geschieht nicht, denn die Spannung hält an, setzt immer wieder neu an und fesselt einen regelrecht ans Buch.

Authentischer Mittelalter-Lesespaß

von Verena Bauer (15. Mai 2014)
 
 

Markus Gerwinski hat mit Falkenflug. Die Hörige einen schönen Mittelalter-Roman mit angenehm wenigen Fantasy-Elementen erschaffen. Der Leser findet eine unglaublich kraftvolle, bunte und detailliert beschriebene mittelalterliche Welt sowie authentische Charaktere vor. Eine Zeitreise, von der es sich mitzureißen lohnt.

 

In dem Buch geht es um die Beziehung zwischen der Hörigen Gunid und dem Sohn ihres Lehnsherrn, Ragald. Die beiden freunden sich im Kindesalter an und die etwas ältere Gunid nennt ihren jungen Freund von da an nur ihren „Kleinen“. Die gute Beziehung, die die beiden bis zu ihrer Jugend pflegen, kippt, als Ragald sich zur Ausbildung in einem benachbarten Lehen aufmacht: Beim Abschied merkt Gunid, dass sie doch etwas mehr als Freundschaft empfindet, während Ragald an dergleichen nicht zu denken scheint ... Als dieser nach seiner Ausbildung auch noch Hand in Hand mit einem fremden Mädchen zurückkehrt, kühlt das Verhältnis vollends ab. Doch es herrscht Krieg im Land, die Feinde rücken immer näher. Der ehemals „Kleine“ muss zum Heerlager ziehen, wo er auf eine Mission geschickt wird, von der er nicht mehr zurückkommt. Gunid kann nicht anders und macht sich auf, um ihren geliebten Ragald zu finden.