Die Geschichte? Alles nur menschlicher „Potenzverschleiß"!

von Philipp Schlüter (22. März 2014)
 

 

Am 1. April wird der deutsche Dramatiker und Schriftsteller Rolf Hochhuth vierundachtzig Jahre alt. Passend zu seinem Geburtstag erscheint zu diesem Frühjahr im Schwabe Verlag eine Anthologie seiner Essays und Gedichte, in deren Zentrum die Frage steht, wie die Geschichte (im Allgemeinen und als Wissenschaft im Besonderen) ein Ratgeber für Gegenwart und Zukunft sein kann. Sein Theaterstück Der Stellvertreter entzündete 1963 eine intensive Debatte über die päpstliche Zurückhaltung und Duldung in Bezug auf den Holocaust und dürfte dem einen oder anderen wohl ein Begriff sein.

Wer nun mit dem Titel des Bändchens Invasionen. Zur Ethologie der Geschichte eine stringente Abhandlung und zugleich theoriegeleitete Offenlegung von Hochhuths Geschichtsverständnis assoziiert, der wird überrascht sein. Die Zusammenstellung ist eine anregende und wissensmächtige Verknüpfung von geschichtlichen Vorgängen mit dem Zweck, so scheint es, dem Leser die Bedeutung der eigenen Meinungsbildung einzuschärfen. Im Fokus der Betrachtung stehen größtenteils historische Persönlichkeiten á la Oswald Spengler, Jacob Burckhardt und Otto von Bismarck. Hochhuth nutzt den Ansatz der Personengeschichte um die damit verbundenen Denkrichtungen zu charakterisieren und auszuwerten. Für diese Publikationsform genau die richtige Entscheidung, da Hochhuth für unser heutiges Geschichtsverständnis wichtige geistige Kehrtwenden,  fast immer bedingt durch Individuen, seziert und dem Leser verständlich vor Augen führt. Erfrischend wirken zwischen den teilweise herausfordernden Texten, einige Gedichte Hochhuths, in denen ebenfalls mit der Thematik der Geschichte literarisch gespielt wird.

Momo zeigt uns den Weg

von Verena Bauer

 

Sei ganz einfach du selbst“ - leichter gesagt als getan! Vor allem heutzutage, wo jeder Mensch so unbedingt individuell sein möchte, dass eben dadurch wiederum alle gleich sind. Wie soll es auch in einer Welt der Massenproduktion Individualität geben? Sabine Hertweck eröffnet einen möglichen Weg – über die Charaktereigenschaften des Mädchens Momo aus Michael Endes Märchenroman Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte aus dem Jahr 1973.

Genauso einfach und doch fast unmöglich umzusetzen in einem Dasein, das schon viel zu sehr von den grauen Männern beherrscht wird, scheinen auch die anderen Ratschläge. „Bewahre dir dein inneres Kind“ - wie denn, fragt man sich, in einem Umfeld, das einen dauernd mit der Schlechtigkeit der Welt konfrontiert und verlangt, „erwachsen“ und „mit dem nötigen Ernst“ den aktuellen Themen zu begegnen. „Lass dir Zeit und sei im Augenblick deines Lebens verwurzelt“ oder „Erfülle deine alltäglichen Aufgaben achtsam und gut“? „Vertraue dem natürlichen Rhythmus des Lebens“? Das alles spricht doch gegen die Prämisse der heutigen Menschheit, alles möglichst schnell, am besten noch mehrere Dinge gleichzeitig und natürlich möglichst effektiv zu erledigen und dabei noch möglichst lange jung zu bleiben. „Begegne anderen Menschen offen, freundlich und gütig“ ist doch in der Hetze des Alltags, in der man aneinander vorbeigeht ohne sich eines Blickes zu würdigen, jeder nur darauf bedacht, möglichst schnell an sein Ziel zu kommen, ein ziemlich einseitiges Unterfangen. Oder?

Ein Schauermärchen aus Zamonien

von Swetlana Fork

 

In diesem fesselnden Roman dreht sich alles nur um eines: Bücher. Ein literaturbesessener Dinosaurier folgt den Spuren eines verschollenen Dichters und stürzt sich dabei in ein ganz und gar nicht fiktionales Abenteuer…

Niemand, der nach der Lektüre von Die Stadt der Träumenden Bücher nachts schweißgebadet aus haarsträubenden Träumen aufschreckt, kann behaupten er sei nicht gewarnt worden: „Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen!“

Mit diesen wenig ermunternden Worten beginnt die abenteuerliche, mal erheiternde, mal erschreckende Erzählung des siebenundsiebzig Jahre jungen Dinosauriers Hildegunst von Mythenmetz. Seine Heimat ist Zamonien, eine Welt, in der Bücher mehr bedeuten als alles andere: Es gibt sie dort wie Sand am Meer und in jeder nur erdenklichen Form: In Buchhaim, der pulsierenden Metropole des Reiches existieren unzählige Antiquariate – doch Bücher sind hier mehr als nur Schmöker zum Zeitvertreib: Im unterirdischen Labyrinth der Stadt verbergen sich seltene, verbotene und lebende Exemplare und solche die den Leser zu Tode erschrecken, in den Wahnsinn treiben oder sogar das Leben kosten können.

Vom Geruch des Abenteuers

von Ramona Löffler

"Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben. Dreizehneinhalb davon werde ich in diesem Buch preisgeben, über die anderen werde ich schweigen. Ein Bär muß seine dunklen Seiten haben, das macht ihn attraktiv und mysteriös."

Mit einem Schmunzeln liest man die die ersten Sätze des Romans Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär von Walter Moers und kann so bald nicht mehr damit aufhören. Mit viel Witz erzählt der sympathische Protagonist, der der Gattung der Buntbären zuzurechnen ist, von vergangenen Abenteuern auf dem phantastischen Kontinent Zamonien.

„Also, los, retten Sie Weihnachten.“

von Marion Dörr

„Wir hätten die Menschen früher sensibilisieren müssen für die Gefahren des Heiligen Abends.“ Eine umsichtige Sensibilisierung darf man von Harald Martensteins unweihnachtlichen Weihnachtsgeschichten nicht erwarten. Versammelt unter dem Titel Freuet Euch, Bernhard kommt bald! legen seine zwölf Geschichten nicht nur die Gefahren des Festes, sondern auch skurrile Wunder, weihnachtsbasierte Geschäftsmodelle, eine alternative Schöpfungsgeschichte sowie eine äußerst ausgefallene Geschenkidee dar.

Geschildert werden sie auf vielfältige Weise von den verschiedensten fiktiven Erzählern, welchen man ihre Lebensumstände deutlich anmerkt – wie etwa dem Ermittler, der den oben zitierten Satz über die Sensibilisierung für die Gefahren des Heiligen Abends äußert.