Vom Sklavensohn zum US-Marshal

von Maximilian Hetzelein (10. Dezember 2016)

 

 

Joe Landsdale nimmt sich den Mythos um Deadwood Dick zur Brust. Zwischen historischen Anklängen und freien Interpretationen bleibt westlich des Mississippi kein Colt im Holster und kein Verbrechen ungesühnt.

»Scheiß drauf. Geht und macht euren Job. Holt mir bloß meine Kühe wieder!«. Das ist die klare Ansage an US-Marshal Nat Love. Kurz vor dem finalen Showdown mit seinem steckbrieflich gesuchten Widersacher Ruggert hat sich der Cowboy doch tatsächlich noch mit gehörntem Fleckvieh auseinanderzusetzen. Ein treffliches Sinnbild einer mehrjährigen Odyssee mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen rund um verletzten Stolz, Rassismus, Gold und Kautabak.

Von Schinkennudeln und Fußgängerampeln

von Marlene Hartmann (3. Dezember 2016)

 

 

Mit Bov Bjergs Auerhaus erschien 2015 ein Roman ohnegleichen, nun lässt der Autor eine Geschichtensammlung folgen, die ebenso einzigartig und doch nicht vergleichbar mit seinem Erfolgswerk ist. Von Kindern bis »nach-dem-zwölften-Bier-Schwulen«, von Göttingen bis in die Wildnis Nordamerikas: Man findet sich in den unterschiedlichsten Gedanken wieder und wird von Bjerg in alltägliche Momente und schräge Situationen versetzt, die zusammen ein Leben oder das von vielen ergeben könnten.

Die Modernisierung meiner Mutter – ein unruhiges Potpourri aus verschiedenen Lebensschnipseln, die sich vor allem durch Bjergs ganz eigene Art, Geschichten zu erzählen, auszeichnen: Man hat nicht das Gefühl, etwas erzählt zu bekommen. Vielmehr sind es Gedankenfetzen, die auf den Seiten festgehalten werden – manche sind ausgefeilt zu anekdotischen Bildern, andere wirken reduziert auf bloße Ideen und unsauber konstruierte Gebilde aus potenziellen Grundbausteinen einer Erzählung.

BÜCHERWEIHNACHT – TEIL 1/2

Buchempfehlungen für alle, die noch auf der Suche nach den passenden Geschenken für Freunde und Familienmitglieder sind

von Dominik Achtermeier (2. Dezember 2016)

 

 

 

#1 Für politisch-interessierte Menschen

Nicht nur die Welt, Europa oder Deutschland: wir alle sind mit der größten Migrationsbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Jeden Tag aufs Neue begegnen wir neuen Meldungen, die in letzter Zeit vor allem von Hetze und braunem Gedankengut gegen das Fremde in unseren Kommunen berichten. Kein anderer als der engagierte Brite Patrick Kingsley schafft es, einen so realistisch-plastische Schilderung zur europäischen Flüchtlingskrise vorzulegen. Der 27-jährige Auslandskorrespondent des Guardian nimmt uns mit zu den Wurzeln dieser neuen Epoche von Migrationsbewegungen. Mal nah am Menschen, mal politisch-distanziert schafft es Kingsley, vielen Perspektiven einen Raum zu geben und auch die Einstellung seiner britischen Landsmänner, deren politische Reaktionen zeitweise für Verständnislosigkeit seitens der Deutschen sorgten, aufzuschlüsseln. Werte, soziales Handeln und ein ethisches Bewusstsein sind Voraussetzungen für die Bewältigung neuer Anforderungen. Nicht umsonst heißt sein hervorragend recherchiertes Buch Die neue Odyssee – Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise: es gilt, die Dinge zu ordnen, ja in ihrem Kern zu verstehen, um falsche Reaktionen zu vermeiden. Besondere Empfehlung für Väter und Schwiegerväter.

Wiederkehrende Vergangenheit

von Lisa Strauß (30. November 2016)

 

 

Das Erfolgsrezept für einen Spannungsroman à la Charlotte Link funktioniert auch bei Die Betrogene einwandfrei: Schauplatz Nordengland, bestialische Morde, dazu den Wunsch nach Vergeltung nebst menschlicher Abgründe.

Gleich zu Beginn des Kriminalromans wird man Zeuge eines brutalen Mordes: Der Ex-Polizist Richard Linville wurde in seinem Haus in Yorkshire auf brutale Weise gefoltert und dann erstickt. Chief Inspector Caleb Hale leitet die Ermittlungen. Kate Linville, die Tochter des Mordopfers, folgt ihm dabei wie ein Schatten. Sie ist der Inbegriff einer grauen Maus, Polizistin bei Scotland Yard und macht sich selbst an die Aufklärung des Mordfalls, da der Vater einziger Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens war. Caleb Hale ist alkoholabhängig, kommt frisch aus einer Entzugsklinik und das ständige Einmischen der unscheinbaren Scotland Yard-Polizistin nagt an seinem Ego.

Sehen und gesehen werden

von Lisa Strauß (28. November 2016)

 

 

Prominenz. In den Medien ist sie täglich präsent, man wird von Plakaten angelächelt oder liest Interviews. Alles nur Fassade und was ist dahinter? In KL – Gespräch über die Unsterblichkeit nimmt sich John von Düffel genau das zur Vorlage. Der Schriftsteller und Dramaturg ist überzeugt vom philosophischen Potenzial Karl Lagerfelds und entwirft kurzerhand einen fiktiven Doppelgänger des Modezars. Warum nicht mal einen Protagonisten, der sich mit Karl Lagerfeld über Selfies unterhält, mit einer bekannten Fernsehmoderatorin über das Gesehenwerden spricht und glaubt, Heide Simonis zu beobachten?

Der namenlose Ich-Erzähler trifft KL für ein Interview in seinem Atelier in Paris. Dass es sich dabei um keinen geringeren als Karl Lagerfeld handelt, wird schnell ersichtlich. Zuvor verweist dessen Assistent Bertrand auf das Reglement: Verzicht auf das Zitatrecht, keine Fragen zu Gewicht, Diäten oder Magermodels, 30 Minuten Redezeit, maximal, wobei gilt: »Wenn ihn das Gespräch nicht mehr interessiert, c’est fini.« Als »der Meister« endlich erscheint, gibt es statt des geplanten Interviews vielmehr einen schnell gesprochenen Monolog des Modeschöpfers: »Wenn ich mich unterhalten will, führe ich Selbstgespräche, und solange Sie mich dabei nicht stören, dürfen Sie bleiben und mitschreiben.« Im Selbstgespräch philosophiert und schwadroniert KL gleichermaßen – »schwadrosophiert« also – über Katzenvideos, den Geniekult, die Abstinenz, die Wichtigkeit der Contenance und die »Tragödie der totalen Erreichbarkeit«. Überhaupt der gesamte Roman wird von der Wahrnehmung bestimmt – sei es die Selbstwahrnehmung oder die Wirkung auf andere. Das Gespräch zeigt den Modedesigner wie man ihn von Interviews oder Dokumentationen kennt – er ist schwarz-weiß gekleidet, unterbricht, redet unheimlich schnell und trägt eine Sonnenbrille.