Wenn die Vergangenheit zur Gegenwart wird

von Simona Gogeißl (9. November 2016)

 

 

»Das Leben ist nichts, was man planen kann.« Dies bekommt auch die 38-jährige Nicole in Corina Bomanns Roman Das Mohnblütenjahr zu spüren. Ihr Freund David trennt sich von ihr, nachdem sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hat. Kurze Zeit später erfährt die werdende Mutter dann bei einem Arzttermin, dass Unregelmäßigkeiten bei ihrem Kind entdeckt worden seien, es bestehe die Möglichkeit einer Erbkrankheit. In Davids Familie scheint es keine Krankheitsfälle gegeben zu haben und auch Nicoles Mutter Marianne hat nie etwas in dieser Richtung erwähnt. Bleibt also nur noch die Familie ihres Vaters. Der Mensch, den Nicole nie kennengelernt hat, da er angeblich schon vor ihrer Geburt gestorben ist. Marianne hat nie über diesen Mann gesprochen, stets schwieg sie über die Vergangenheit. Aber nach der erschreckenden Vermutung der Ärztin muss Nicole es wissen! Sie fährt zu ihrer Mutter und bohrt erneut nach. Und endlich bricht die Mutter ihr Schweigen…

Die Spuren führen nach Frankreich in das kleine Städtchen Bar-le-Duc. Dorthin reist Marianne im Jahre 1975, um ein Jahr als Lehrerin an der örtlichen Schule zu unterrichten. Von Anfang an begegnen ihr die Einwohner der Stadt mit Misstrauen und Abneigung. Viele haben die Gräueltaten der Deutschen an den Franzosen während des Zweiten Weltkriegs nie überwunden. Es kommt zu Auseinandersetzungen mit Schülern und Eltern. Und dann passiert es: Marianne verliebt sich. Verliebt sich in Michel, einen vergebenen Mann aus Bar-le-Duc. Doch obwohl die Hochzeit kurz bevorsteht, verfällt Michel der deutschen Lehrerin. Nur eine einzige, aber dennoch folgenschwere Nacht verbringen die beiden Verliebten zusammen. Kurz darauf heiratet Michel seine Verlobte und Marianne ist froh, nach Deutschland zurückkehren zu können. Dort bringt sie ein gesundes kleines Mädchen zur Welt und zieht es ohne Vater groß.

Das Sparks-Phänomen

von Simona Gogeißl (8. November 2016)

 

 

Nach Mein Weg zu dir (2011) und Kein Ort ohne dich (2013) jetzt also Wenn du mich siehst. So ähnlich die Titel klingen, so ähnlich die Story. Denkt man zumindest. Ohne zu viel vorweg zu nehmen, kann man auch verraten: Der neue Roman von Erfolgsautor Nicholas Sparks endet vorhersehbar – wie die meisten seiner Vorgänger – mit einem Happy End. Der Weg dorthin unterscheidet sich allerdings immens von den bisherigen Sparks-Werken.

Der US-amerikanische Autor setzt zunächst auf sein bewährtes Schema: Die beiden Protagonisten, ein junges Paar, scheinen auf den ersten Blick überhaupt nicht zueinander zu passen. Sie, die wohlerzogene Tochter mexikanischer Einwanderer, abgeschlossenes Jurastudium, erfolgreicher Job. Er, der Problemjunge mit schwieriger Vergangenheit einschließlich Knasterfahrung und Kampfsport als Hobby. Maria und Colin lernen sich in einer stürmischen Nacht kennen, als er ihr bei einer Reifenpanne hilft. Der junge Mann wirkt beängstigend und Maria fühlt sich mehr als unwohl in der Situation. Doch auch Tage später muss sie immer noch an dieses Zusammentreffen denken. Marias Schwester arrangiert ein scheinbar zufälliges Treffen und nach und nach schwenkt die anfängliche Abneigung in tiefe Zuneigung um. Der geheimnisvolle Colin öffnet sich und erzählt Maria von seiner düsteren Vergangenheit. Eingeschüchtert und doch beeindruckt, lässt sich die hübsche Anwältin auf Colin ein und die beiden verbringen zunächst eine unbeschwerte Zeit.

Ist der Zug jemals abgefahren?

von Jasmin Wieland (3. November 2016)

 

 

Ist die Vergangenheit jemals vergangen? Jemals vergessen? Oder versucht der Mensch nicht ständig zu verdrängen, damit ihm das Leben nicht entgleist? Und was, wenn einen dann, in nur einem Moment, die Vergangenheit wieder einholt? Jean-Philippe Blondel erzählt in 6 Uhr 41 eine Begegnung zweier Menschen, die eine Geschichte miteinander verbindet, die irgendwie nicht mehr war als eine Geschichte, und dennoch Spuren hinterlassen hat.

Er, 20, gutaussehend. Einer, den auf dem Gymnasium jeder kannte. Sie, 20, unauffällig. Eine, deren Namen man nicht kannte. Die beiden, ein Paar für 4 Monate. Oder zumindest so etwas wie ein Paar, denn es hat sich eben so ergeben, auf einer Party, der Sex, die Verabredungen und London. All das liegt in der Vergangenheit. Philippe Leduc und Cécile Duffaut sitzen im Zug nach Paris. Er, 47, mit Bauch, Fernsehverkäufer, zweimaliger Vater, geschieden und auf dem Weg, seinen im Sterben liegenden Freund zu besuchen. Sie, 47, attraktiv, erfolgreiche Unternehmerin, auf dem Rückweg von ihren in die Jahre gekommenen Eltern, die siebzehnjährige Tochter so gut wie ausgezogen, und nun? Wie wird nun wohl der Alltag werden, mit ihrem Mann, alleine? 6 Uhr 41. Philippe und Cécile sitzen stillschweigend nebeneinander. Der Zufall will es so. Oder das Schicksal.

Katastrophen einer Familie

Von Marlene Hartmann (31. Oktober 2016)

 

© Piper Verlag

 

»Alles beginnt und alles endet, und Bücher fangen oft mit dem Ende an.« So auch Joel Dickers Familiengeschichte Die Geschichte der Baltimores. Was als Memoire des Schriftstellers Marcus Goldman beginnt, entwickelt sich schnell zu einer rasanten und liebenswerten Biografie einer gespaltenen Familie mit allen Berg- und Talfahrten, die man sich ausmalen kann.

Marcus Goldman lebt seit kurzem in Boca Raton, Florida, wo er zurückgezogen versucht, einen Roman zu schreiben. Doch die große Ablenkung lässt nicht lange auf sich warten: seine längst vergangene Liebe Alexandra – oder vielmehr deren Hund – läuft ihm über den Weg und lässt alte Wunden und Erinnerungen wieder aufbrechen. So macht er sich daran, seine Familiengeschichte niederzuschreiben, während sein eigenes Leben langsam neue Wege geht. In immer wieder eingeschobenen Kapiteln erfährt der Leser mehr über Marcus‘ Kindheit, die sich zwischen Baltimore, dem Wohnort von Onkel, Tante und Cousins, und seiner eigenen Heimat Montclair abspielte. Stets fasziniert vom Leben seiner Baltimore-Familie berichtet er von der besonderen Freundschaft zwischen seinen Cousins Woody und Hillel, den gemeinsam verbrachten Sommern und all den anderen zwischenmenschlichen Beziehungen. Dass hierbei nicht alles Gold ist, was glänzt, wird schnell klar: Die Katastrophen lauern hinter jeder Ecke und Streit und Zwietracht hinterlassen Spuren im Buch der Baltimores.

Flämisch-niederländischer Literaturpop

Zur Eröffnung der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (Gastland 2016: Flandern und die Niederlande)

von Dominik Achtermeier (19. Oktober 2016)

 

 

Für Holland habe ich ja schon immer geschwärmt. Seit ich denken kann. Die grenznahen Städte wurden am Wochenende zu meinem zweiten Zuhause, schließlich war es ja nicht weit vom Rheinland aus. Auch Buchhandlungen standen auf meiner Liste, da sie mich magisch anlockten, auch wenn ich nicht viele Wörter zwischen den Buchdeckeln in meinen Händen verstand. Und nun ist etwas ganz Besonderes passiert, ein regelrechter Akt der Völkerverständigung. Junge, realitätsnahe und extrovertierte Texte aus Flandern und den Niederlanden lassen uns, die deutschen Nachbarn, erstmals hinter die Niederländischen Gardinen blicken, eröffnen literarische Welten, die nicht nur Postkartenlandschaften kopieren, sondern zum Weiterdenken anregen. Eine Gratwanderung zwischen philosophischen Strömen und angerauten Freundschaften.

Durch das Kaleidoskop

Das Mag heißt das Magazin, welches sich in den Niederlanden bereits zum Erfolg entpuppte und nun ‒ zunächst einmalig ‒ vom Hamburger Mairisch-Verlag übersetzt und als Best-Of herausgegeben wurde. Es präsentiert mit 19 Kurzgeschichten, Essays und Gedichten die Bandbreite des literarischen Schaffens einer neuen Autorengeneration. Sie sind kontrovers, heben sich mit ihrer Stimme vom ständigen Strom ab und scheuen nicht davor zurück, zu konfrontieren und für eine neue Sicht auf die Lebensdinge ‒ denen wir alle ausgesetzt sind, ob nun in den Niederlanden, Belgien oder hier bei uns in Deutschland ‒ zu sorgen, Monokultur auszuleben, Altlasten auszustellen und Gewöhnliches zu hinterfragen. Bunt wie die Welt, wie Amsterdam oder Brüssel, kommt Das Mag daher, versäumt es nicht, als Magazin neben Texten auch mit Illustrationen und einfallsreichen Themen und Kapiteln zu überraschen. Herman Koch schreibt eine Flaschenpost von seiner kameraüberwachten Enklave aus, Bregje Hofsted nimmt in ihrem Essay Blaue Flecken an den Knien kein einziges Blatt vor den Mund und die Lyrik von Maud Vanhauwaert ist nichts für unaufgeklärte Leser. Der Geheimtipp Vanhauwaert findet einen Sound zwischen Offenherzigkeit und Intimität.