Taxi, Taxi

von Daniela Roth (15. September 2009)

Eine Taxifahrerin, die sich keine Straßennamen merken kann – das ist Alex, die Protagonistin in Karen Duves Roman Taxi. Außerdem liebt sie Bücher über Affen, sammelt ihr Geld in Kisten und ist völlig lebensuntüchtig. Den Job als Taxifahrerin hat sie auch nur deshalb bekommen, weil das Unternehmen wirklich jeden nimmt und der Prüfer ein Auge zugedrückt hat. Nun findet sie sich einem Kreis egozentrischer Männer wieder, der sich aus Machos, Studienabbrechern, glücklosen Künstlern und frauenfeindlichen Philosophen zusammensetzt. Alex wird immer mehr in einen Strudel der Lethargie hineingezogen, in dem sie sich selbst zu verlieren droht.

Karen Duves Roman ist trotz der hoffnungslosen Grundstimmung herrlich witzig und packend. Die Handlung ist episodenhaft und hat keinen klassischen Spannungsbogen, deshalb wirkt sie gegen Ende etwas monoton. Doch genau die andauernde Wiederholung des trostlosen Alltags, der in ihrer Depression gefangenen Protagonistin Alex macht den Charme dieses Buches aus. Man kann den Roman kaum aus der Hand legen, da Duve es versteht, mit ihrem lakonischen Ton den Leser völlig in den Bann zu ziehen. Die Welt der Taxifahrer wird authentisch dargestellt, was wohl daran liegt, dass Karen Duve selbst als Taxifahrerin gearbeitet hat und dadurch über Insiderwissen verfügt.

Deutschland – ein Trauermärchen

von Anne Schumacher (29. November 2009)

Heimsuchung ist ein Bündnis von zwölf deutschen Lebensläufen, Geschichten und Schicksalen des 20. Jahrhunderts. Die verschiedenen Zeitzeugen erlebten das Dritte Reich, den 2. Weltkrieg, die DDR und die Wende. Eine Sache verbindet sie alle: Alle Schicksale sind mit einem Grundstück an einem See nahe Berlin verbunden. Mit der Beschreibung der Eiszeit der märkischen Seelandschaften beginnt Jenny Erpenbeck ihre Spurensuche deutscher Geschichte und endet mit dem Abriss jenes Hauses am See. Jede einzelne Episode liefert einen wesentlichen Bestandteil deutscher Vergangenheit und am Ende erwächst eine chronologische Collage deutscher Geschichte, ein Portrait, in dem flüchtiges auf eindringliches Erzählen trifft.

Eine schonungslose Generationencollage

von Maximilian Wick (4. Juni 2010)

Als seine Mutter Grethe im Sterben liegt, zieht der pensionierte Ingenieur Jürgen wieder bei seinem Vater ein, der in den letzten Jahren immer unselbstständiger geworden ist. Nach Grethes Tod ist Jürgen klar, dass er den barschen Walther, der als Kriegsgefangener die ersten zehn Lebensjahre seines Sohnes verpasst hat und zu dem er nie eine Bindung aufbauen konnte, pflegen wird. Sein eigener Sohn Nicki lebt mit Freundin Ruth in München und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Doch auch er ist Teil der Familie und muss sich nun damit auseinandersetzen: Die vererbte Rationalität und das gelernte Verschweigen von Gefühlen stellen seine Beziehung auf die Probe.

Die Kunst der Illusion

von Tobias Illing (4. Juni 2010)

William Wilson ist, was man einen Zauberkünstler nennen würde. Vielleicht auch einen Scharlatan oder Betrüger. So genau lassen sich die Grenzen zwischen Illusion und Magie einfach nicht ziehen. Und ein bisschen Aberglaube gehört schon dazu, wenn man Freude an der Zauberei haben möchte. Wer den nicht hat, den verblüfft William mit seinen scheinbaren hellseherischen Fähigkeiten, die er aus den heimlich entwendeten Brieftaschen seiner Zuhörer zieht.

Im Augenblick jedoch ist er vor allem eines: arbeitslos. Seine großen Tage sind längst vorbei und auch sein Agent will nur noch widerwillig etwas von ihm wissen. Mit dessen Sekretärin ließ sich auch schon besser flirten. Doch dann bekommt er unvermittelt ein Angebot, im »Schall und Rauch« in Berlin aufzutreten. Eine willkommene Abwechslung zum regengrauen Glasgow – neues Publikum, eine neue Show und eine gute Gelegenheit, endlich die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Pimmel ohne Hut

Von Kathrin Oberle (28. Mai 2010)

»Meine Mutter hatte zur Abwesenheit meines Vaters stets erklärt, er säße im Gefängnis, weil er gegen General Zias Militärdiktatur in Pakistan gekämpft hatte. Die fehlende Vorhaut hatte sie bisher noch nie erwähnt.«

Der Tag, an dem Aatish Taseer erstmals das Gefühl beschleicht, ein Moslem und somit anders als die religiöse Mehrheit auf dem indischen Subkontinent zu sein, hätte sich nicht klischeehafter abspielen können. Das Gefühl, ein Muslim zu sein, ist für ihn Zeit seines Lebens eng mit der Abwesenheit des Vaters verbunden - beides zu Beginn der Geschichte »eine große Leerstelle« für ihn.