Die Wahrheit des Löwens

von Philipp Schlüter (17.10.2012)

Sibylle Lewitscharoffs Roman „Blumenberg“ ist im Kern eine Hommage an den verstorbenen Münsteraner Philosophen Blumenberg, welchem eines Nachts das Wunder in Form eines Panthera Leo erscheint. Im Großen und Ganzen stellt dieses Buch jedoch die enigmatische Verknüpfung verschiedener Figurenschicksale dar, die sich alle im unmittelbaren Wirkungskreis Blumensbergs aufhalten.

Unterricht im sibirischen Kriminellenkodex

von Marcel May (16. August 2011)

Mit dem Begriff des Kriminellen verbindet der westliche, justiznahe Leser auf Anhieb wenig positives, bedeutet er doch einen eindeutigen Gesetzesbruch und damit unkorrektes, falsches Verhalten. Ein Beispiel, wie der Aufbau eines ungewöhnlichen (und dennoch glaubwürdigen) Verbrecher-Images funktioniert, ist Nicolai Lilins autobiographisch motivierter Roman Sibirische Erziehung (2009 veröffentlicht). Der Erzähler, dessen Übereinstimmung mit dem Autor von Lilin selbst autorisiert wird, schildert das Aufwachsen und Leben Kolimas (so der Spitzname Lilins) in einer sibirischen Kriminellenfamilie der Ukri. Er endet vorläufig mit der zwischenzeitlichen Inhaftierung des erst 18jährigen, auf die im Nachfolgeband Freier Fall (Juni 2011) u.a. Kolimas Einsatz im Tschetschenienkrieg folgt.

Von Anfang an muss sich der Leser an erhebliche Grausamkeiten gewöhnen, denen der junge Kolima in seinem Umfeld begegnet – und an denen er teilnimmt – und die konkret, aber nie martialisch oder effektheischend beschrieben werden. Dank des Rückblicks sind alle Gewaltepisoden kommentiert und obwohl sich der Autor nicht von der Ehrauffassung der Ukri-Gemeinde, der Selbstverständlichkeit seiner Familie, Kriminelle zu sein, distanziert, reflektiert der erwachsene Lilin selbst vieles kritisch und verweist auf die prinzipielle Möglichkeit abweichender Perspektiven als der eigenen.

Aber ein derartig persönliches Buch kann nicht unparteiisch sein. Trotz Lilins angedeuteter Distanz fügt sich der Großteil der in der eigenen Familie begangenen Verbrechen passend in das Konzept von Ehre und prinzipientreuem kriminellem Verhalten. Selbst die Jagd und Erschießung mehrerer Vergewaltiger wirkt stimmig innerhalb des Kriminellensystems.

Wie ein Counterpart zur freiheitlich-individualistischen Gesellschaft erscheint der strenge Regelkodex, die Verachtung für alles dekadente, „widernatürlich“, in die Kolima hineingeboren wird. Teilweise entwickelt der Roman daher den Eindruck, ein Handbuch für die kriminelle Gesellschaftsordnung zu sein: „‘Pika‘, so heißt die traditionelle Waffe der sibirischen Kriminellen […]. Eine Pika kann man nicht kaufen, man kriegt sie auch nicht, weil’s einem so passt: Man muss sie sich verdienen. Ein junger Krimineller kann die Pika von jedem beliebigen erwachsenen Kriminellen bekommen, solange es kein Verwandter ist.“ Der „wohlerzogene sibirische Kriminelle“ ist dabei die Entsprechung des „ehrbaren Mafiosi“.

Gesichterlesen für Anfänger und Fortgeschrittene

von Saskia Lackner (12. August  2011)

Eine einsame Arbeit.“ Die übliche Arroganz schwand aus seiner Stimme. Der selbstbewusste Professor verwandelte sich auf einmal in eine traurige Gestalt mit Halbglatze. „Sehr einsam. Ja, die Einsamkeit…“, seufzte er, und ich schwöre, ich habe Tränen in seinen Augen gesehen. Lara Cohen hätte nicht schockierter geschaut, wenn er seine Hose heruntergezogen hätte, um ein bisschen mit seinem Penis zu spielen.

 Mit einem nicht-selbstbewussten selbstbewussten Professoren, einem Metzger und Jack (eine Verkörperung von Elvis Presley) hat Edward eine, sagen wir, interessante Kindheit. Trotz eines norwegischen oder schwedischen oder dänischen Vaters namens Sören oder Gören (zu viel Wodka war da im Spiel gewesen) hat er die Nase, den Mund und die Augen seines Großonkels Adam und ist so für den verwirrten Großvater nicht Enkel, sondern meistens eher Bruder. Um die Familienidylle abzurunden gibt es dazu noch eine herrische Großmutter (Lara Cohen) und eine eher gegenteilige Mutter. Erstere mit Schwanenhals, zweitere ohne. Das Figurenensemble in Astrid Rosenfelds Roman „Adams Erbe“ ist bunt.

Mit dem King Jack werden im Zoo Elefanten besungen und allerlei Unsinn angestellt. Irgendwann erwachsen, ist Edward Besitzer einer Modeboutique, in der man sogar plüschige Schafe in Särgen käuflich erwerben kann.

Eines Tages – es kommt, wie es kommen muss – wird Edward von ihr überfallen: Von der große Liebe. Personifiziert durch Amy. Diese verschwindet leider nur allzu schnell wieder und stürzt den doch eigentlich ans Chaos gewöhnten Edward in ein Tief. Auf dem Dachboden, den sein mittlerweile verstorbener Großvater besiedelt hatte, findet er dann ein Tagebuch, Adams Erbe, das ihm die Geschichte hinter seinen Zügen verrät.

A noble story

von Marcel May (24. Februar 2011)

In seinem neuen Roman Solar widmet sich Ian McEwan dem privaten und beruflichen Leben des (fiktiven) Nobelpreisträgers Michael Beard. Durch herausragende physikalische Forschungen über die Einwirkung von Licht auf feste Materie (und die darauf folgende Nobel-Auszeichnung) eine Koryphäe auf seinem Fachgebiet, profitiert Beard den Rest seines Lebens von seinem bekannten Namen. Dementsprechend wenig Anstrengung kostet ihn sein auf Repräsentation ausgelegter Beruf – das Leiten eines Instituts zur Erforschung erneuerbarer Energien – während sein durch zahlreiche, immer wieder scheiternde Ehen und Affären geprägtes Privatleben für Abwechslung sorgt.

Welch fatalen Ereignisse diese Lebensweise provozieren kann, schildert McEwan, als Beards (derzeitige) Frau ihrerseits Beard mit seinem Mitarbeiter Aldous betrügt.

Der Schindermann lässt grüßen

 

von Frederic Heising (23. November 2010)

 

 

Seit Ewigkeiten ist Nick Cave ein Urgestein der Musikszene, obwohl sich der alte Herr nie für den Mainstream hergegeben hat. Der Australier bleibt sich treu – egal ob als Musiker der Bands The Bad Seeds und Grinderman, oder als Autor. Die Wortgewalt seiner Songtexte überträgt er mit Leichtigkeit auf seine Romane, die alles andere als typische Rockstarliteratur sind. Mit Und die Eselin sah den Engel schlägt er sehr epische Töne an und verwandelt die Südstaatenerzählung über den inzestgeschädigten Außenseiter Euchrid Eucrow in eine pervertierte Heilsgeschichte.