Fotos aus Japan

Von Florian Seubert (13. September 2010)

Banana Yoshimoto ist Kult in Japan. Ihre Geschichten und Romane scheinen den Nerv einer ganzen Generation zu treffen. So auch die dreizehn Geschichten, die nun auf Deutsch unter dem Titel Mein Körper weiß alles erschienen sind. Schon 2000 wurden die Erzählschnipsel in Japan veröffentlicht. Liebe, Schmerz, körperliches und seelisches Leid tropfen aus den Geschichten. Darunter mischen sich leicht rührselige Erinnerungen an Kindertage, die Suche nach vergangenem Wohlgefühl. Dazwischen die ein oder andere Lebensweisheit und „munter wie Quellwasser floss die Zeit dahin“.

Von einer, die Hinausschwamm, das Fürchten zu lernen...

oder: Karma hat das Donauweib!

von Nora-Eugenie Gomringer (15. Juli 2009)

Mieze Medusa hat ihr Romandebut im Wiener Melinda-Verlag veröffentlicht und einen sympathischen, leseleichten Text vorgelegt.Nora Klein, seine Protagonistin, ist eine kalte Person, der man das Kalt-Sein erst im Heranlesen an die Story anmerkt. Und es ist nicht ihre Schuld.Zwar ist ihr innerer Monolog eine große Lakonie, Zweckmäßigkeit und augenscheinliche Gerade, doch gibt es im Verlauf einen Charakterbruch, der einen verblüfften Leser einer komplexen Figur auf die Spur kommen lässt.

Mieze Medusa beherrscht ihr Metier. Sie lässt Klein als freie Grafikerin knapp vor der dreißig durch die Jobaquise-Hölle gehen, Logos designen und Absagen erhalten. Dabei schaut Nora ihr verspieltes, außerkörperliches Karma kommentierend über die Schulter und ihr neuer Mitbewohner Seb weckt ihre Neugierde, während die junge Britta anscheinend nur ihre Nähe sucht und ihr Auftraggeber Frank mehr als nur die. Von alldem und all dem anderen hat Nora Klein eigentlich die Nase voll. Wiederholte Male werden neue Ziele im Leben formuliert. Dinge müssen und sollen sich ändern, Zufriendenheit muss her! Einer Spoken Word Künstlerin und Rapperin gelingt hier ein Eingang in die Prosa, indem sie eine erfreulich unverschraubte Sprache und mit ihr einen unkapriziösen Ton treffen kann.

Bahnfahrt in die Hölle

von Kristin Krüger (31. August 2009)

Gejagt von Alpträumen und einer paranoiden Angst zu sterben, reist Ole Reuter mit einer Netzkarte per Bahn quer durch Deutschland. Sein Körper verfällt und ihm ist es unmöglich, Ruhe zu finden. Ein Schreibzwang lässt ihn alle Erlebnisse, Gedanken und Gespräche während seiner Reise zu Papier bringen. Mal schreibt er als Ich – distanzlos und persönlich - und dann wieder als Er – scheinbar objektiv und nüchtern betrachtend. Doch diese Reise, die Entspannung und Genesung von seinen Ängsten mit sich bringen soll, wird eine Bahnfahrt in Oles ganz private Hölle.

Sten Nadolny lässt in Er oder Ich seine bereits aus Netzkarte bekannte Figur Ole Reuter wieder aufleben. Als Junge machte Ole eine Bahnfahrt per Netzkarte durch Deutschland, um den Tod seines Vaters zu verarbeiten. Nun ist er wieder unterwegs. Doch der Leser erfährt nicht genau, wovor Ole davonläuft. Geleitet durch eine Art Schutzengel, der in brieflichen Einschüben zu Wort kommt, stolpert er durch diesen neuen Roman.

Taxi, Taxi

von Daniela Roth (15. September 2009)

Eine Taxifahrerin, die sich keine Straßennamen merken kann – das ist Alex, die Protagonistin in Karen Duves Roman Taxi. Außerdem liebt sie Bücher über Affen, sammelt ihr Geld in Kisten und ist völlig lebensuntüchtig. Den Job als Taxifahrerin hat sie auch nur deshalb bekommen, weil das Unternehmen wirklich jeden nimmt und der Prüfer ein Auge zugedrückt hat. Nun findet sie sich einem Kreis egozentrischer Männer wieder, der sich aus Machos, Studienabbrechern, glücklosen Künstlern und frauenfeindlichen Philosophen zusammensetzt. Alex wird immer mehr in einen Strudel der Lethargie hineingezogen, in dem sie sich selbst zu verlieren droht.

Karen Duves Roman ist trotz der hoffnungslosen Grundstimmung herrlich witzig und packend. Die Handlung ist episodenhaft und hat keinen klassischen Spannungsbogen, deshalb wirkt sie gegen Ende etwas monoton. Doch genau die andauernde Wiederholung des trostlosen Alltags, der in ihrer Depression gefangenen Protagonistin Alex macht den Charme dieses Buches aus. Man kann den Roman kaum aus der Hand legen, da Duve es versteht, mit ihrem lakonischen Ton den Leser völlig in den Bann zu ziehen. Die Welt der Taxifahrer wird authentisch dargestellt, was wohl daran liegt, dass Karen Duve selbst als Taxifahrerin gearbeitet hat und dadurch über Insiderwissen verfügt.

Deutschland – ein Trauermärchen

von Anne Schumacher (29. November 2009)

Heimsuchung ist ein Bündnis von zwölf deutschen Lebensläufen, Geschichten und Schicksalen des 20. Jahrhunderts. Die verschiedenen Zeitzeugen erlebten das Dritte Reich, den 2. Weltkrieg, die DDR und die Wende. Eine Sache verbindet sie alle: Alle Schicksale sind mit einem Grundstück an einem See nahe Berlin verbunden. Mit der Beschreibung der Eiszeit der märkischen Seelandschaften beginnt Jenny Erpenbeck ihre Spurensuche deutscher Geschichte und endet mit dem Abriss jenes Hauses am See. Jede einzelne Episode liefert einen wesentlichen Bestandteil deutscher Vergangenheit und am Ende erwächst eine chronologische Collage deutscher Geschichte, ein Portrait, in dem flüchtiges auf eindringliches Erzählen trifft.