Gesichterlesen für Anfänger und Fortgeschrittene

von Saskia Lackner (12. August  2011)

Eine einsame Arbeit.“ Die übliche Arroganz schwand aus seiner Stimme. Der selbstbewusste Professor verwandelte sich auf einmal in eine traurige Gestalt mit Halbglatze. „Sehr einsam. Ja, die Einsamkeit…“, seufzte er, und ich schwöre, ich habe Tränen in seinen Augen gesehen. Lara Cohen hätte nicht schockierter geschaut, wenn er seine Hose heruntergezogen hätte, um ein bisschen mit seinem Penis zu spielen.

 Mit einem nicht-selbstbewussten selbstbewussten Professoren, einem Metzger und Jack (eine Verkörperung von Elvis Presley) hat Edward eine, sagen wir, interessante Kindheit. Trotz eines norwegischen oder schwedischen oder dänischen Vaters namens Sören oder Gören (zu viel Wodka war da im Spiel gewesen) hat er die Nase, den Mund und die Augen seines Großonkels Adam und ist so für den verwirrten Großvater nicht Enkel, sondern meistens eher Bruder. Um die Familienidylle abzurunden gibt es dazu noch eine herrische Großmutter (Lara Cohen) und eine eher gegenteilige Mutter. Erstere mit Schwanenhals, zweitere ohne. Das Figurenensemble in Astrid Rosenfelds Roman „Adams Erbe“ ist bunt.

Mit dem King Jack werden im Zoo Elefanten besungen und allerlei Unsinn angestellt. Irgendwann erwachsen, ist Edward Besitzer einer Modeboutique, in der man sogar plüschige Schafe in Särgen käuflich erwerben kann.

Eines Tages – es kommt, wie es kommen muss – wird Edward von ihr überfallen: Von der große Liebe. Personifiziert durch Amy. Diese verschwindet leider nur allzu schnell wieder und stürzt den doch eigentlich ans Chaos gewöhnten Edward in ein Tief. Auf dem Dachboden, den sein mittlerweile verstorbener Großvater besiedelt hatte, findet er dann ein Tagebuch, Adams Erbe, das ihm die Geschichte hinter seinen Zügen verrät.

A noble story

von Marcel May (24. Februar 2011)

In seinem neuen Roman Solar widmet sich Ian McEwan dem privaten und beruflichen Leben des (fiktiven) Nobelpreisträgers Michael Beard. Durch herausragende physikalische Forschungen über die Einwirkung von Licht auf feste Materie (und die darauf folgende Nobel-Auszeichnung) eine Koryphäe auf seinem Fachgebiet, profitiert Beard den Rest seines Lebens von seinem bekannten Namen. Dementsprechend wenig Anstrengung kostet ihn sein auf Repräsentation ausgelegter Beruf – das Leiten eines Instituts zur Erforschung erneuerbarer Energien – während sein durch zahlreiche, immer wieder scheiternde Ehen und Affären geprägtes Privatleben für Abwechslung sorgt.

Welch fatalen Ereignisse diese Lebensweise provozieren kann, schildert McEwan, als Beards (derzeitige) Frau ihrerseits Beard mit seinem Mitarbeiter Aldous betrügt.

Der Schindermann lässt grüßen

 

von Frederic Heising (23. November 2010)

 

 

Seit Ewigkeiten ist Nick Cave ein Urgestein der Musikszene, obwohl sich der alte Herr nie für den Mainstream hergegeben hat. Der Australier bleibt sich treu – egal ob als Musiker der Bands The Bad Seeds und Grinderman, oder als Autor. Die Wortgewalt seiner Songtexte überträgt er mit Leichtigkeit auf seine Romane, die alles andere als typische Rockstarliteratur sind. Mit Und die Eselin sah den Engel schlägt er sehr epische Töne an und verwandelt die Südstaatenerzählung über den inzestgeschädigten Außenseiter Euchrid Eucrow in eine pervertierte Heilsgeschichte.

 

 

Darkness comes across the land...

von Andrea Zillig (7. Oktober 2010)

Christoph Marzi greift mit seiner Geschichte Helena und die Ratten in den Schatten eine der typischen Ängste von Heranwachsenden auf. Seit Helena und ihre Familie umgezogen sind, hört sie ständig schaurige Geschichten über die in den Schatten lebenden Nagetiere. Alle Katzen der Stadt, der Hund der Windsors und sogar Kinder sind schon in der Finsternis verschwunden. „Sie haben den kleinen Timmie geschnappt, als er im Keller Kartoffeln holen sollte...“ Eines Nachts als auch ihr Stoffäffchen Chico versehentlich vom Fensterbrett fällt, schlägt Helena jede Warnung in den Wind und macht sich auf in die Dunkelheit, um ihren Freund zu retten.

Betriebsanleitung für Deutschland

 

von Anne Schumacher (15. Oktober 2010)

 

„In einem Literaturhaus zu lesen ist, wie einen Autoreifen zu ficken.“ Benjamin von Stuckrad-Barre zieht es vielmehr ins wahre Leben: Wahlkampf, Streik, Demonstrationen, Konsum, Fußball, Kino, Mode, Politik, Gesellschaft. Mit seinen Reportagen, Erzählungen, Porträts und Gesprächen zeichnet er ein Sittengemälde der deutschen Medien-, Staats- und Gesellschaftslandschaft mit teils nichts aussagenden, teils gekonnten Pinselzügen.