Schmil Grigorewitsch und seine Söhne

von Friederike Klett (24. Oktober 2018)

Maxim Biller ist der Meister der konzentrischen Kreise, die schöner nicht formuliert sein könnten. Dafür feiert man ihn als einen der besten Literaten der deutschen Gegenwart oder ist genervt von der Egomanie des rücksichts-, gnaden- und kompromisslosen Scheinbar-Bad-Boys. Die Wahrheit ist natürlich, dass man ihn für diese Egomanie feiern sollte, dafür dass es durchzieht nur über ich selbst zu schreiben und zu reden und sich fragen sollte, warum das eigentlich auffällt im deutschen Literaturbetrieb. Selbstverständlich auch für die Sätze in denen nie ein Wort falsch zu sein scheint und deren Melodie sich beim Lesen so schnell verselbstständigt wie verflüchtigt. 

Der neue Roman von Biller ist eine Familiengeschichte, die sich um den Tod von Schmil Grigorewitsch dreht, der im Russland der Fünfzigerjahre für illegale Geschäfte hingerichtet wurde. Fest steht für den Ich-Erzähler, der der Enkelsohn des Ermordeten ist, dass dies aufgrund eines Verrates innerhalb der Familie geschehen sein muss, die Frage, um die sich der Plot dreht ist bloß: Wer hat den Patriarchen verraten? Im Fokus stehen immer wieder die vier Söhne Schmils und zwischendurch seine Schwiegertochter, die erst mit dem einen Sohn, dem Vater des Ich-Erzählers, zusammen war, später dessen Bruder geheiratet hat und sich dann auch von diesem scheiden ließ. Der Roman springt zwischen verschieden Zeitebenen hin und her, von Kindheitserinnerungen bis ins Jetzt. 

Von Pendler-Geistern und sprechenden Füchsen

von Hannah Deininger (18. Oktober 2018)



Die Fans des Polizisten und Zauberlehrling Peter Grant dürfen sich freuen: Erstmals ist eine Kurzgeschichte um den humorvollen Kommissar aus London von Ben Aaronovitch erschienen. In Geister auf der Metropolitan Line geht Peter Grant auf knappen 171 Seiten auf Geisterjagd. Mit dabei sind die aus den vorherigen Fällen bekannten Gehilfen: sein Chef und voll ausgebildeter Zauberer Nightingale, seine Cousine Abigail (ebenfalls angehender Zauberlehrling) sowie der Magieschnüffelhund Toby.

Peter Grant wird zu Hilfe gerufen, da es in der letzten Zeit gehäuft zu seltsamen Zusammenstößen zu Stoßzeiten in der U-Bahn gekommen ist. Alle Vorfälle haben gemeinsam, dass ein Fahrgast belästigt wird, sich aber nach wenigen Minuten nicht mehr an den Vorfall erinnern kann. Das schreit geradezu nach „abstrusem Scheiß“, wie alles im Zuständigkeitsbereich von Grant von der Londoner Polizei genannt wird. Der Polizist legt sich auf die Lauer und schnell wird klar: Aus den Vororten nach London pendelnde Geister sind das Problem. Als einer der Geister vor den Augen der Ermittler in seine Einzelteile zerfällt (ein höchst ungewöhnliches Verhalten für Geister, müssen Sie wissen), wird Handlungsbedarf durch den Arm des Gesetzes endgültig klar.

Ein Kampf zwischen Gut und Böse – für junge Leser

von Ines Reckziegel (27. September 2018)



England 1577. Auf dem Thron sitzt zur Zeit Königin Elisabeth I., die in einen Streit mit Maria Stuart verwickelt ist. Von diesem Zwist bekommt Alyce kaum etwas mit. Sie ist 14 Jahre alt und lebt zusammen mit ihrer Mutter fern ab vom normalen Leben und der Gemeinschaft der Dorfbewohner. Der Grund für ihr verborgenes Leben – Alyces Mutter verfügt über magische Kräfte und ist eine echte Hexe.

Als eines Tages jedoch ein Hexenjäger an der Tür ihres Hauses klopft und Alyces Mutter kurzerhand der Hexerei anklagt und umbringt, beginnt für das Mädchen ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie muss nach London fliehen, bevor die Hexenjäger auch sie finden. Als wäre ihr Leben nicht schon schwer genug, wird sie auch noch in Bedlam, der berüchtigten Nervenheilanstalt, eingesperrt. Wie durch ein Wunder gelingt ihr die Flucht. Doch die Straßen von London sind unbarmherzig und gefährlich und Alyce ist nicht an die große Stadt mit den vielen Menschen gewöhnt. In Salomon, einem Schauspieler, findet sie jedoch einen Freund und als Alyce dann in eine Verschwörung verwickelt wird, decken die zwei ein Geheimnis auf, welches das ganze Land verändern könnte.

Traue niemals deinen Nachbarn

von Franziska Schleicher (18. September 2018)

 

 

New York City, ein Wohnblock des oberen Mittelstands. Rote Backsteinhäuser, hübsche Dachgärten, kleine Parks. Der ideale Ort für einen gemütlichen Spaziergang in der Abendsonne. Doch nicht für Anna Fox.

Die Psychologin leidet an Agoraphobie, sie kann ihr Haus nicht verlassen ohne ohnmächtig zusammenzubrechen. Seit fast einem Jahr ist sie in ihren vier Wänden gefangen und vertreibt sich die Zeit mit Schwarz-Weiß-Filmen, Online-Pokerrunden, Selbsthilfe-Chats – und damit, ihre Nachbarn zu stalken. Aus Mangel an einem eigenen Leben, dringt sie bis in die hinterste Ecke der Privatsphäre der Leute ein, die sich in ihren Häusern in Sicherheit wiegen. Keiner weiß, was sie da tut, mit der Kamera, hinter ihren Fenstern. 

Lieben und Leben zwischen Cholera, Wundbrand und Syphilis

von Ines Reckziegel (1. September 2018)

 

Als 1831 die Cholera Berlin in Atem hält, beschließt Elisabeth, Wärterin an der Charité, dem berühmtesten Krankenhaus seiner Zeit, zu werden. Zwar verdient sie dort nicht wirklich viel, aber sie hat eine Aufgabe, der sie mit Hingabe nachgeht. Bald schon genießt Elisabeth unter den Patienten und Ärzten einen guten Ruf, und auch Subchirurg Alexander Heydecker ist von der jungen Frau angetan.

Doch eine Liebschaft zwischen einem jungen Arzt und einer Krankenschwester wäre niemals denkbar, oder doch? Während Elisabeth von der Medizin fasziniert ist, wendet sich Martha Vogelsang von ihrer Profession ab. Die Hebamme trifft nach zwei folgenschweren Geburten eine Entscheidung, die ihr Leben und das ihres Sohnes August für immer verändern wird und arbeitet von da an im Totenhaus der Charité. Im Gegensatz zur Geschäftigkeit in der Charité, der nun Elisabeth und Martha angehören, könnte das Leben der Gräfin Ludovica nicht langweiliger sein. Ihr Mann bildet sich dauernd irgendwelche Krankheiten ein und lässt seine Frau die meiste Zeit links liegen. Gut, dass wenigstens Professor Dieffenbach regelmäßig zum Grafen gerufen wird, der Ludovica etwas Trost spendet und von der Schönheit und Intelligenz der Gräfin angetan ist. In einer Zeit in der Hygiene noch nicht oben auf der Tagesordnung steht, man noch ohne Narkose operiert und viele neue Erkenntnisse in der Medizin gewonnen werden entfaltet und verstrickt sich das Leben von Elisabeth, Martha und Ludovica auf wundersame Weise.