Nehmt uns alles, nur nicht unseren Wohlstand!

von Philipp Schlüter (3. Oktober 2015)

Man hat es oft gehört: Wenn es auf einmal nicht mehr so rund läuft wie sonst, dann zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen oder die Qualität einer Beziehung.  Welche Gewichtung misst man dem Beruf und der damit verbundenen finanziellen Sicherheit in einer Partnerschaft bei, wenn der Zeiger sich in Richtung sozialer Abstieg bewegt? Was hat bestand, wenn alles andere wegbricht?  

Die Schriftstellerin Kristine Bilkau spielt dieses Szenario in ihrem Debütroman Die Glücklichen solide durch, indem sie einer jungen Familie eben dieses Schicksal auferlegt. Den zwei Anfang-Vierzigern Georg und Isabell scheint es gut zu gehen: Verheiratet und jeder in seinem Beruf erfolgreich – Isabell ist Cellistin beim Orchester und Georg Journalist bei einer großen Zeitung – befinden sie sich im Zenit des persönlichen Erfolges. Nach der Geburt ihres Sohnes Matti nimmt Isabell sich eine Auszeit, um bei ihrem Kind zu sein. Als sie wieder mit dem Cello-Spielen beginnt, kann sie nicht glauben, dass das ihre Finger sein sollen, die sich beim Vorspielen so unsicher verhalten. Das Zittern der eigenen Hände, das nur bei Auftritten einsetzt, wird sie die Anstellung im Orchester kosten, da ist sie sich sicher. Ein Kreislauf aus Angst und Nervosität entsteht: »Das Zittern steckt in den Gedanken. Von dort wandert es in die Hände.«

And The Wind Cries Lissa

von Tessa Friedrich (1. Oktober 2015)

 

München, 1971. Ein junger Mann zieht von Lübeck nach München, lässt seine Freundin und seine Familie hinter sich, um nicht nur zu studieren, sondern um in ein völlig neues Leben zu starten. Denn: »Mit 21 muß das Leben beginnen. Wie kann es anders sein?«

Wolfgang, genannt Wolf, startet in München ein Studium der Germanistik. Er hat klare Ziele vor Augen, will später Regisseur werden und braucht vor allem erst einmal eine Wohnung. Die ist schnell gefunden, und er wird Teil einer WG. Seine Mitbewohner: Lissa und Andreas, ein verlobtes Paar, das in einer offenen Beziehung zusammen lebt. Diese Offenheit wird für Wolf erst zum Segen, dann zum Fluch, und die drei verstricken sich in ihr persönliches Chaos.

Die>Latelife-Crisis<

von Katharina Voigt

 

Liebe und Sex im Alter – ein heikles Thema, das sich nicht jeder zu Gemüte führen will. Doch Tilo Prückner verarbeitet diese Dinge trotz, oder gerade wegen seiner 73 Jahre mit einem Augenzwinkern, das auch der jüngeren Generation ein erfrischend anderes Leseerlebnis beschert.

Willi Merkatz – 60 Jahre alt, 1,69m groß und Arzt in Berlin, Kreuzberg – steht unter der Dusche und weint bitterlich. So beginnt der Roman über einen gealterten Mann dessen Lebensordnung sich mit seiner Ehe immer mehr auflöst. Seine Frau Katarina will nach 39 Jahren eine Auszeit, was diesen komplett aus der Bahn wirft. So setzt er sich der betont belesene Mann mit Hang zur Kultur in seinen Cadillac und fährt nach Italien. Dort zelebriert er nach Jahren der mehr oder weniger selbst auferlegten Enthaltsamkeit seine Sexualität in Szenen, die irgendwo zwischen Komik, Ekel und Groteske angesiedelt sind.

Bekenntnisse einer Spießbürgerin

von Katharina Voigt

 

Eine Mutter erzählt der eigenen Tochter am Sterbebett ihre Lebensgeschichte bis in die letzte Einzelheit. Aber will man als Kind die dunklen Geheimnisse der eigenen Mutter überhaupt kennen?

Sarah Strickers Erstlingsroman Fünf Kopeken erzählt das Leben einer vom eigenen Vater zum Perfektionismus erzogenen Intelligenzbestie. Und eine Bestie scheint sie wirklich zu sein, denn »Doofsein kannst du dir mit dem Gesicht wenigstens nicht erlauben.« sagt schon in jungen Jahren der Vater zu ihr. So führt sie ihre Hässlichkeit zusammen mit väterlichem Drill in ein weltfremdes Streber-Dasein, in dem allein die Leistung zählt und für Emotionen kein Platz ist. Die einzige Sache, in der sie keinen Erfolg vorweisen kann, ist die Liebe. Zwischenmenschliche Zuneigung macht aus der sonst so perfekt organisierten jungen Frau ein fahriges, hilfloses Wrack.

London’s Calling: Unentdeckte Stadtansichten für Fortgeschrittene

von Dominik Achtermeier (23. Juli 2015)

 

Urlaubszeit ist Reisezeit. Warum also nicht den Koffer packen, einen Flug buchen und der Weltmetropole London einen Besuch abstatten?

Sightseeing-Trips stehen hoch im Kurs und müssen nicht den Charme einer Bildungsreise beanspruchen. Und dennoch will man neue Erfahrungen, Erlebnisse und Entdeckungen machen. London ist geradezu prädestiniert für eine gute Mischung aus Gegensätzen: von Moderne vs. Geschichte über Tradition vs. Multikulturalität bis hin zu Hektik vs. Ruhezonen. Genau davon zeugt das pinke Taschenbuch von John Sykes, wenn er beispielsweise das ehrwürdige Auktionshaus Christie’s als niveauvollere Alternative zu eBay vorstellt. Insgesamt hat der geborene Brite, der heute in seiner Wahlheimat Köln lebt und arbeitet, 111 Orte im und außerhalb des Stadtzentrums von London zusammengetragen, die man auf einem ersten Städtetrip größtenteils übersehen hat. Weder der Buckingham Palast noch die Turmuhr des Parlamentsgebäudes finden sich in diesem Konvolut an sehenswerten Plätzen, sondern Artikel über die römische Stadtmauer, das Büro von James Bond oder den Prototyp der roten Telefonzellen.