How to: Human.

von Tessa Friedrich (25. März 2019)


Wer Eva Menasses Roman Quasikristalle kennt, der ist sich ihrer Kunstfertigkeit, eine Figur analytisch zu konstruieren, bewusst: Im Fokus stand eine Frau, deren Leben in Abschnitten aus dreizehn verschiedenen Perspektiven erzählt wurde. Bei ihrer aktuellen Veröffentlichung Tiere für Fortgeschrittene handelt es sich ebenfalls um eine anthropologische Studie, diesmal allerdings in Form von umgekehrten Fabeln. Über Jahre hinweg sammelte Menasse skurrile und außergewöhnliche Meldungen über Tiere, die sie als Spiegelung menschlicher Verhaltensweisen sah. Aus dieser Idee entstanden acht Erzählungen – acht Konstellationen aus Figuren, die uns die Antwort auf die Frage, was das Menschsein ausmacht, etwas näherzubringen scheinen.

Unterschiedlicher könnten Lebensentwürfe nicht sein: Ein alter Mann, der sich durch seine demente Ehefrau überfordert und alleingelassen fühlt. Eine Gruppe von Akademikern und Künstlern, die sich zu einer Revolte zusammenschließen.  Ein erfolgreicher Regisseur, der sein scheinbar perfektes Leben durch einen Fehltritt zusammenbrechen sieht. Der Zugang zu diesen und den anderen Momenten dieses Buchs ist jedoch stets ähnlich. Der Leser wird mal mehr, mal weniger direkt und unvermittelt in das Leben hineingeworfen, wodurch man die Figuren kennenlernt wie Fremde, denen man zufällig begegnet, sie für eine kurze Zeit ein Stück begleitet, um dann wieder getrennte Wege zu gehen.

Wenig Noir, mehr Scandic

von Dominik Achtermeier (am 11. März 2019)

Das Label »Scandic-Noir« ist seit einigen Jahren der Renner in der Unterhaltungslandschaft. Norwegen, Schweden und Dänemark sind die angesagten Länder für die Verbrechen unserer Zeit. Die Ermittler sind meist verschrobene Typen und die Fälle gespickt von nordischer Kühle und falscher Vertrautheit. Frida Gronover liefert mit ihrem neusten Kriminalroman Ein dänisches Verbrechen aber zu viel Urlaubsstimmung.

Die 34-jährige Protagonistin Gitte Madsen ist nicht nur Bestatterin, sondern trägt auch zur Völkerverständigung zwischen Deutschland und Dänemark bei. Sie ist Halbdänin und findet sich nach ihrer Flucht aus dem Münsterland in ihrem neuen Domizil in Süddänemark gleich zurecht. Sie ist ortskundig, kennt Land und Bräuche – nur mit einer Leiche vor der Haustüre hat sie nicht gerechnet.

Das Zusammenspiel vom Leben und lügen

von Lisanne Dehnbostel (am 8. März 2019)


Nach dem Erfolg seines Bestsellers Vom Ende der Einsamkeit veröffentlicht Benedict Wells jetzt Die Wahrheit über das Lügen. Einen Band mit zehn fantasievollen Kurzgeschichten, deren Handlungen kaum unterschiedlicher sein könnten: es geht um Zeitreisen, Ehekrisen, Star Wars und vieles mehr. Im Kern jedoch behandelt Wells die Frage, inwieweit unser aller Leben auf einer Lüge beruht.  

Ein Familienvater wandert auf einen Berg. Als er zurück nach Hause kehrt, sind er und seine Familie plötzlich um Jahre gealtert. Fassungslos betrachtet er seine faltigen Hände. Ein Pizzabote hingegen fährt mit einem Fahrstuhl in die Vergangenheit.

Schluss mit dem Konventionellen

von Dominik Achtermeier (4. März 2019)

Gleich vorweg: Dieser Krimi erfindet das Genre des Regionalkrimis neu und gewinnt auf einer Tour durch Deutschland rasant an Fahrt. Am Steuer sitzt Tausendsassa Leo Donat, eine privat wie beruflich gescheiterte Existenz, die auf der Suche nach dem nächsten Aushilfsjob, der den Geldbeutel zu füllen vermag, ist.

Seine Therapeutin ist sich beim Anblick des neuerdings selbstberufenen Privatdetektivs sicher, dass Leo seiner Rolle im Leben bislang nicht gefunden haben kann. Das Zitat »Zu Hause konnte Leo tagelang nichts tun, ohne dass ihm langweilig wurde. In diesem Bus war er nach einer Stunde mit den Nerven am Ende« beschreibt ihn als Charakter ziemlich gut.

»Die Wirklichkeit eines Atems« - Der Kosmos der Pflanzen

von Jasmin Wieland (1. März 2019)


Was die Welt ist, müssen wir von den Pflanzen erfragen – denn eben sie »machen Welt«. Sie wird unterschätzt, die Pflanzenwelt. Doch wie sagte bereits Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau? »In wildness is the preservation of the world.« Und nun ist es Emanuele Coccia, der in Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen eben jene Bedeutung der Natur bzw. der Pflanzen unterstreicht. Es ist ein Buch mit Tiefe, viel Tiefe, vielschichtig und verzweigt, wie die Wurzeln der Pflanzen.

Angefangen bei der Eingliederung der Pflanzen im Bereich der Wissenschaft, über das zentrale Moment des Stoffwechsels beziehungsweise des Atmens, und über die unsichtbare, unterirdische Kraft der Wurzeln hinweg, bis hin zum Anziehungspunkt Blüte, die die Pflanze mit der Welt verbindet, reist Coccia durch alle Partien der Pflanze und beschreibt dabei keinesfalls etwas Dingliches. Er lässt die Pflanze lebendig werden, indem er auch ihr Körper, Geist und Seele zuschreibt. Dabei bringt er fachsprachliche und zentrale Begriffe wie etwa den »tierische[n] Chauvinismus« oder das »vegetative Leben« bzw. die »Nährseele« an, und kritisiert mitunter deutlich, etwa wenn er sich gleich zu Beginn gegen den eben genannten »tierische[n] Chauvinismus« verschreibt.