Schiller in Hartplastik

von Florian Grobbel (24. Februar 2019)

Gehst du Goethe!

Für viele Schülerinnen und Schüler (und auch einige Studierende) ist Michael Sommer ein Superheld. Wenn die Deutsch-Lehrerin mal wieder eine neue Lektüre für den Unterricht ankündigt, rufen schon die Ersten gedanklich den YouTube-Kanal Sommers auf, um sich die kurzweilige Zusammenfassung von Kabale und Liebe oder Effi Briest anzuschauen, dargestellt durch ein Ensemble von Playmobil-Figuren. Jetzt gibt es einige von Michael Sommers To-Go-Videos auch als Buch unter dem Titel Gehst du Goethe!

Eigentlich ja eine seltsame Idee, Klassiker der Weltliteratur in Videoform herauszubringen, damit man das Lesen vermeiden kann und dann darüber wiederum ein Buch zu schreiben. Doch der studierte Literaturwissenschaftler Michael Sommer lehnt es vehement ab, dass seine Filme als Ersatz zur Lektüre der behandelten Romane gelten, worauf er in der Infobox bei jedem seiner Videos hinweist. Vielleicht war das die Idee; die Zusammenfassungen nun als Buch anzubieten, um seine Zuschauerschaft wieder an das gedruckte Wort heranzuführen.

Kampf um das Überleben in thüringischen Wäldern

von Verena Heber (19. Februar 2019)


Die ehemalige Wanderhure Marie lebt nun friedlich mit ihrem Mann Michel und ihren Kindern auf Burg Kibitzstein. Gemeinsam verwalten sie die dazugehörigen Dörfer. Doch nachdem Michel aufbricht, um König Friedrich im Kampf gegen die Ungarn zu unterstützen, flammen alte Fehden zwischen den Thüringern wieder auf. Marie und ihre Tochter geraten auf einer Feier in einen Hinterhalt und müssen gemeinsam mit der Nonne Ignatia fliehen.

Der historische Roman stammt von einem Autorenehepaar, die unter dem Pseudonym »Iny Lorentz« bekannt sind. Es ist mittlerweile der siebte Band der sehr erfolgreichen Reihe der »Wanderhure«. Einige der ersten Bände, wie auch andere historische Romane von Iny Lorentz, wurden verfilmt, wodurch sie noch bekannter wurden.

Familie muss man hinnehmen, Entscheidungen kann man selbst treffen

von Jana Lickteig (16. Februar 2019)

Die andere Seite der Seele


Erstmals nach 21 Jahren kehrt die gebürtige Chilenin Ana, die als Journalistin in London arbeitet, zurück in ihre Heimat. Dort sieht sie sich nicht nur mit komplizierten Familienverhältnissen konfrontiert, sondern muss auch lernen, dass sie nicht jedem größeren Problem in ihrem Leben einfach davonlaufen kann. In Die andere Seite der Seele gewährt die chilenische Autorin Carla Guelfenbein dem Leser einen Einblick in das Leben der wohlhabenden chilenischen Gesellschaft, in der alles daran gesetzt wird, den Schein einer gut funktionierenden Familie, beziehungsweise Ehe,  nach außen hin aufrechtzuerhalten.

Abwechselnd lässt Guelfenbein die drei Frauen Ana, Daniela und Cata zu Wort kommen und zeigt eindrücklich auf, welche Folgen Schweigen, fehlendes Verständnis, Eifersucht und das erdrückende Gefühl, alles richtig machen zu müssen, in verschiedenen Beziehungskonstellationen nach sich ziehen kann.

Was einmal funktioniert, funktioniert auch ein weiteres Mal

von Janine Vogelsang (03. Februar 2019)



Als 2015 Dörte Hansens Erstling Altes Land erschien, traf er einen Lebensnerv: die Hinwendung zum Land, die Suche nach Sicherheit in unsicheren Zeiten, die Problematik von Flucht und Vertreibung (und wie man mit den Neubürgern denn umgehen sollte), aber auch der Zerfall der Familien und die Zumutungen des modernen Arbeitslebens. Die Kritiker waren begeistert, der Roman führte über Wochen alle Bestsellerlisten an. Für ein Debut ein ungeheurer Erfolg, der aber nicht nur auf der Geschicklichkeit basierte, mit der Hansen schwierigste Themen in kurzen, fast schon lakonischen Sätzen dem Leser nahebrachte. 

Tatsächlich traf man hier auch große Literatur an, großartige Montagen aus Rückblenden und Gegenwartsbetrachtungen, die damit den zeitlichen Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft deutlich machten. Ohne Frage schrieb sich hier eine große Autorin etwas von der Seele, was sie selbst betraf, auch wenn eine autobiographische Deutung mehr als unangemessen wäre für die Weite, die dieser erste Roman behandelte. Schon damals auffällig war die metaphernreiche Sprache, die Schilderung der Landschaft als integralen Bestandteil der Charakterzeichnung, der Zusammenhang von Mensch und Natur. Dass vielleicht nicht jeder narrative Strang ausgereizt war, konnte man aufgrund des Gesamtbildes leicht verschmerzen. Hier ging es nicht um sinnlose Nostalgie, sondern es wurde ein Zeitpanorama entworfen, indem das Landleben als Teil von etwas Großem fungierte. 

Was geschieht aber nun in Hansens neuem Roman Mittagsstunde? Nun, im Wesentlichen dasselbe. Was aber überhaupt kein Urteil über die Qualität des Romans ist.

Der Unheimliche Monsieur Houellebecq

von Janine Vogelsang (28. Januar 2019)



Wieder ging ein Rauschen durch den Blätterwald, Michele Houellebecq hatte sein neues Buch angekündigt. Die professionellen Rezensenten taten daraufhin das, was sie am besten können: sie rührten kräftig die Werbetrommel. Von besorgt-alarmistisch (Die Zeit) bis besorgt-wohlwollend (Die Welt) waren alle Schattierungen vertreten. Weitergehend wurde nicht nur versucht die Krise des modernen Frankreichs mit seinen renitenten Einwohnern anhand des Buches zu erklären, sondern auch den Niedergang des „alten, weißen Mannes“ und des Abendlandes in seiner Gesamtheit. Man sieht also hier schon, dass Houellebecq (vermeintlich) die ganz großen Themen behandelt, die dicken Bretter bohrt. Die Frage ist nur, ob hier einem Roman nicht sehr viel, vielleicht zu viel zugemutet wird.

Denn es scheint vielmehr der Fall zu sein, dass Houellebecq in bester postmoderner Tradition ein Deutungsangebot vorlegt, in welchem sich jeder wiederfindet. Die liberale Feministin ist darin bestätigt, dass Männer ohnehin nur triebgesteuerte Maschinen sind, ohne eigentliche Emotionen und wenn doch, dann artet es in Stalking und Mordversuche aus. Der konservative Kulturkritiker erkennt die Unausweichlichkeit des Untergangs durch die Selbstaufgabe der westlichen Zivilisation. Der besorgte Anhänger der Gelbwesten wird die Vernichtung der Landwirtschaft als großen, sinisteren Plan identifizieren, der die Selbstausbeutung des Menschen vorantreiben will. Kapital vor Menschen, wird er zustimmend sich selbst nach der Lektüre zunicken. Der Literaturkenner wird die ungeheuren Provokationen als interessantes Stilmittel loben oder verdammen, aber sich selbst in der Meinung zustimmen, hier einen großen (oder zumindest interessanten) Roman vor sich zu haben, der Anspruch auf Gesellschaftsgeltung erheben kann.