Wie viel Liebe kann ein Mensch geben?

von Martje Kuhr (12. August 2020)


Yale Tishman, ein Kunstexperte, versucht eine ganz besondere Sammlung für seine Stiftung zu gewinnen. Seine Arbeit ist eine gute und auch seine einzige Ablenkung, während seine Beziehung zerbricht und sein Freundeskreis von einer Epidemie ausgedünnt wird. 1985 wird Chicago von Aids heimgesucht. Von ihren Familien allein gelassen sitzen, die Freunde gegenseitig an ihren Krankenbetten, damit niemand allein sterben muss. Mitten im Geschehen steht Fiona, die gar nicht weiß, um wen sie sich zuerst kümmern sollte. 30 Jahre später sucht sie in Paris nach ihrer Tochter, welche schon seit Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Hat Fiona all ihre Zuneigung bereits für ihre kranken Freunde verbraucht, sodass für ihre Tochter nicht mehr genug übrig war? Als sie bei einem alten Freund aus Chicago unterkommt, wird sie brutal mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. 

Unterhaltsame Bilderbuchgeschichten, aber ohne großen Überraschungseffekt.

von Jasmin Wieland (10. August 2020)


„Vom Autor von Der kleine Drache Kokosnuss“, wirbt der Sticker rechts oben auf dem Cover. Die Rede ist vom gefeierten Ingo Siegner. Und nun? Um ein wenig vom Dauerstempel „Drache Kokosnuss“ abzulenken und zu zeigen, dass Siegner auch noch mehr kann als Drache – oder einfach, um eine programmatische Lücke zu schließen und die Kurzabenteuer rund um Erdmännchen Gustav in einem Sammelband zu veröffentlichen – erscheint Erdmännchen Gustav und seine lustigen Abenteuer nach dem Hörbuch nun auch in gedruckter Fassung. Strategisch eine nachvollziehbare und für die kleinen und großen Leser gute Entscheidung, lassen sich die Geschichten doch wunderbar in einem Büchlein bündeln, mit Erdmännchen Gustav und dem Ausgangspunkt und Lebensraum Zoo als Drehscheibe. 

Eine Familie am Abgrund

von Paulina Lemke (9. August 2020)


Katya Apekina scheut sich in ihrem Debütroman nicht. Im Gegenteil, ungeschönt und mit entblößender Klarheit erzählt sie von den Kräften, die in einer Familie wirken können, von emotionaler Abhängigkeit und Verlust. Je tiefer das Wasser streift daher nicht nur die heile Oberfläche, sondern sinkt hinab zum sprichwörtlichen Morast. 

Im Westen nichts Neues

von Sebastian Meisel (9. August 2020)


Téa Obreht vereint alles, was nötig ist, um zum Olymp der Schriftstellerinnen aufzusteigen: Sie ist jung, Feministin, hat eine Migrationsgeschichte. Und sie hat ein nicht zu leugnendes Talent fürs Schreiben. Man muss annehmen, dass dieser Aufstieg sehr bald der Fall sein wird, wenn man die begeisterten Kritiken zu ihrem neuen Roman Herzland intensiv gelesen hat.
Aber der Reihe nach: Téa Obreht stellt in ihrem zweiten Roman eine Welt vor, die den meisten schon bekannt sein dürfte: Sie spielt im so genannten „Wilden Westen“, jener archaischen, mythisch verklärten Zeit ohne Gesetze, der Pioniere und der Schuld. Hauptspielort der Handlung ist Amargo, ein fiktives Städtchen im Jahre 1893. Die Verfallserscheinungen des Wilden Westens zeigen sich hier schon: Längst geht es nicht mehr um romantische Aneignung eines unbeherrschten Landstriches, um Gold und Pelze, sondern um den Anschluss an Eisenbahnstrecken und an die Industrie. Es ist eine Zeit des Zwischens, eingeklemmt zwischen archaischer Besiedlung und der beginnenden Moderne. Alles ist im Fluss, Gewissheiten existieren nicht, existierten vielleicht nie. 

Die Hölle, das ist der Alltag

von Sebastian Meisel (5. August 2020)

 


„Die Welt war aus den Fugen und voller Erbärmlichkeit, voll widerwärtiger und komplizierter Geschichten“. Ein Satz wie ein Hammerschlag. Etwas stimmt nicht. Mit der Gegenwart, der Zeit, dem Menschen. Marion Messinas Debüt Fehlstart schleudert solche Sätze wie Anklagepunkte in die Welt heraus – an den besten Stellen. Und gleichzeitig ist es eine erschreckend banale, ja manchmal peinliche Liebesgeschichte – an den schlechtesten Stellen.