Ehrlich währt am längsten

von Anne Schumacher (1. Oktober 2010)

Autobiographische Schriften gehören zu den zwiespältigsten Gattungen der Literatur. Auf der einen Seite möchten sie das Leben einer Person offen und ehrlich darstellen, auf der anderen Seite ist ihre Authentizität und Ehrlichkeit nicht immer eindeutig nachweisbar. Was ist so geschehen, wie es aufgeschrieben wurde und wann wird etwas hinzugedichtet, ein Ereignis durch den professionellen Umgang mit Worten schlichtweg zu einem anderen Ereignis geworden, das sich nie so abgespielt hat? Deswegen gilt Aufrichtigkeit als der Grundsatz, den ein Autobiograph einzuhalten hat. Und genau diesem Grundsatz folgt Thomas Bernhard (1931-1989) in seinen fünf Autobiographischen Schriften (Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind), die am 25. September als Lesungen beim Audio Verlag erscheinen.

Unmenschlich schildert Bernhard seine teils traumatischen Kindheits- und Jugenderzählungen, die er zwischen 1975 und 1982 schrieb, in gar keinem Fall. Sie sind der Schlüssel zu seinem Werk. Sie kehren sein Innerstes nach außen. Auf intime und berührende Weise legt der Georg-Büchner-Preisträger seine Vergangenheit den Lesern dar. In gnadenloser Diktion erzählt er von der Schande seiner unehelichen Geburt, vom Verstoß durch die Mutter und von Aufenthalten in nationalsozialistischen Erziehungsheimen. Seine schwere Tuberkuloseerkrankung bringt ihn an den Rand des Todes. Doch Bernhard entscheidet sich für das Leben.

Mit einer Komplettlesung dieser autobiographischen Quellen ist dem DAV ein wahres Meisterwerk gelungen. Wolfram Berger, Peter Simonschek, Burghart Klaußner, Ulrich Matthes und Gert Voss verleihen Bernhards Worten fünf verschiedene Stimmen, wodurch die unterschiedlichen Phasen im Leben des berühmten Erzählers des 20. Jahrhunderts wunderbar veranschaulicht werden. Die Hörbuchfassungen potenzieren um ein Vielfaches die Traurigkeit, Intimität, Glaubhaftigkeit und Offenheit, die Bernhard in seiner Vergangenheitsbewältigung an den Tag legt. Der literarische Rebell Österreichs übt auch in seinen autobiographischen Schriften stets Kritik an seinem Heimatland und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Das Suchen nach einer Versöhnung mit dem »stumpfsinnigen« Staat ist vergeblich, gegen den sich Bernhard in seinem Künstlerdasein immer stellte.

Neben seiner Mutter, seinem Vormund, seinen Lehrern und Ausbildern, kommt besonders den Großeltern ein großer Teil der Schriften zu. Großmutter und vor allem der Großvater waren für Bernhard wichtige Bezugspersonen, die erheblichen Einfluss auf Bernhards Charakter und Eigensinn hatten. Kritik und Liebeserklärung sind immer wieder antithetisch in seinen Ausdrücken zu finden, was Bernhards Texte gerade glaubwürdig und aufrichtig machen. Allen fünf Sprechern, die seine Texte ganz unterschiedlich interpretieren, gelingt es Bernhards Gedanken, die meist in endlos verschachtelten Sätzen zum Ausdruck kommen, eindrucksvoll zu lesen. Somit ist die Hörbuchfassung auch etwas für Leser, die mit Bernhard sonst weniger anfangen können. Dieser liefert mit den Autobiographischen Schriften den Schlüssel zu seinem Werk und die Sprecher machen nun Gebrauch von diesem Schlüssel, um endlich die Türen zu öffnen. Und so traurig, ernst und ehrlich es hinter diesen Türen aussieht, bei Bernhard ist ein Hauch von Komik und ein Lachen auch dann nie ausgeschlossen.


Autobiographische Schriften
Thomas Bernhard
Der Audio Verlag 2010
15 CDs, 69,99 Euro oder einzeln à 3 CDs für je 19,99 Euro