Freiheit?!

von Anne Schumacher (März 2011)

Es brodelte in den amerikanischen Medien im vergangenen September als Jonathan Franzens neuer Roman Freiheit aus dem Ei schlüpfte. Neun Jahre nach den Korrekturen blickten die Amerikaner und mir ihnen der internationale Buchmarkt auf den angekündigten amerikanischen Jahrhundertroman.

Franzen schildert anhand der Familie Berglund ein zeitdiagnostisches Panorama der letzten dreißig Jahre amerikanischer Geschichte und somit ein Porträt unserer Zeit. Mittels komplexer Biografien legt er uns das soziologisch angehauchte Bild einer amerikanischen Familie, insbesondere nach dem 11. September, und nicht zuletzt das Verhältnis des liberalen Amerikas zur Gewalt dar. Es ist eine Abrechnung mit der Busch-Ära, aufgezeigt an einer demokratisch-liberalen Familie.

»Willkommen in der Mittelschicht.«

Patty und Walther Berglund, die sich seit Collegezeiten kennen, führen auf den ersten Blick ein perfektes Leben: Sie leben im angesagten Mitteklassenviertel »Ramsey Hill« von St. Paul mit ihren zwei Kindern Jessica und Joey. Walther hat einen guten Job, Patty hütet Haus und Heim. Doch beide sind mit ihrem Leben nicht mehr zufrieden. Sie wollen mehr, eine Veränderung muss her. Nachdem beide neue alte Liebschaften eingegangen sind, Walther mit seiner jungen Arbeitskollegin und Patty mit ihrer alten Jugendliebe und sie sechs Jahre nichts voneinander gehört haben, kommt es am Ende des Romans zu einem neuen gemeinsamen Ausbruch aus den alten Gegebenheiten: Sie verlassen ihr trautes Heim und ziehen nach New York City. Parallel zu dieser privaten Selbstreinigung, wird die Wahl Barack Obamas thematisiert. Der Messias ist da. Das mikrokosmische Versöhnungsglück der Berglunds erfährt eine kitschig-angehauchte Montage mit dem makrokosmischen Wandel in der amerikanischen Politik. Ein Roman, der amerikanischer nicht sein könnte.

Ein Mammutprojekt

15 CDs umfasst die bereits gekürzte Lesung des Familienepos’ von Franzen - ein wahres Mammutprojekt. Die Koproduktion von rbb, hr2 und dem Hörverlag ist ein wunderbares Hörereignis. Ulrich Matthes nimmt den Hörer mit auf die Reise durch die amerikanischen Jahrzehnte und weiß Franzens Tonfall glänzend zu treffen. Seine Stimme offenbart die Divergenzen von Tragik und Komik, die das Schicksal der Berglunds immer wieder heimsuchen, auf realistische und beeindruckende Weise zugleich. In der akustischen Lektüre von Freiheit zeigt sich das literarische Handwerk Franzens in seinem ganzen Ausmaß. Dieses Buch muss vorgelesen werden.


Freiheit
Jonathan Franzen
gelesen von Ulrich Matthes
Der Hörverlag 2010
15 CDs
34,95 Euro