Die Welt ist eine Opernbühne

von Anja Hedrich (24. Juni 2009)

»Worte eines solchen Abschieds haben wir nicht in unserem Repertoire.« Die Sprachlosigkeit einer unsagbar schweren Trennung steht zwar am Anfang des Hörbuchs, für die Geschichte jedoch, die dieser vorausgeht, findet Pascal Mercier eine Fülle von wunderschönen Worten, die er seinen Figuren behutsam in den Mund legt.

Nach sechs Jahren begegnen sich die Zwillinge Patricia und Patrice in ihrem Elternhaus wieder, nachdem ihr Vater wegen Mordes ins Gefängnis gekommen ist. Das Opfer ist ein berühmter Opernsänger, der tödliche Schuss hat ihn auf der Bühne getroffen und der Klavierstimmer Frédéric Delacroix ist sofort festgenommen worden. Wechselnd legen nun die Hauptfiguren ihre Gefühle und Erlebnisse offen und geben tiefe Einblicke in die Geschichte einer Familie – um Inzest, Mord und die Liebe zur Musik. Im Zentrum steht die komplizierte Beziehung der Geschwister, die beschlossen haben, endgültig Abschied voneinander zu nehmen. Zwar erreichen all die Bekenntnisse den Hörer, zur Aussprache der Protagonisten kommt es aber nie, denn: »Es ist anstrengend, die eigenen Gedanken mit anderen zu teilen, vielleicht sogar unmöglich, wer weiß.«

Dabei ist jede Begebenheit, jede Geste, jedes Wort mit Bedeutung aufgeladen, sodass der Hörer Stück für Stück das Puzzle zusammensetzen und hinter all dem Schein die wahren Beweggründe der Tat nachvollziehen kann.

In Sätzen wie »Was du suchtest, war das Gefühl, angenommen zu sein, aufgehoben im Wohlwollen der anderen« zeigt sich die psychologische Feinfühligkeit, mit der der 65-jährige Autor des Bestsellers Nachtzug nach Lissabon (2004) scharf konturierte Figuren mit glaubwürdigen Motiven entstehen lässt. Zudem verleihen die Sprecher den Charakteren Leben und Tiefe durch das Gefühl, das sie in ihre Stimmen legen und das beim Zuhören Gänsehaut verursacht. Die Melancholie der Geschichte wird sofort greifbar, zumal auf den Punkt gesetzte Pausen Zeit lassen, die ausdrucksstarke Sprache Merciers sowie seine treffenden Beobachtungen auf sich wirken zu lassen. Leider erklingt in den knapp acht Stunden, die das Hörspiel dauert, kein einziger Ton der Opern, über die so viel gesprochen wird. Allerdings bilden sie auch nur die Folie, vor der das Eigentliche verhandelt wird: Menschliches.


Der Klavierstimmer
Pascal Mercier
Hörbuch Hamburg 2009
6 CDs, 478 Minuten
29,95 Euro