Die Welt ist eine Opernbühne

von Anja Hedrich (24. Juni 2009)

»Worte eines solchen Abschieds haben wir nicht in unserem Repertoire.« Die Sprachlosigkeit einer unsagbar schweren Trennung steht zwar am Anfang des Hörbuchs, für die Geschichte jedoch, die dieser vorausgeht, findet Pascal Mercier eine Fülle von wunderschönen Worten, die er seinen Figuren behutsam in den Mund legt.

Nach sechs Jahren begegnen sich die Zwillinge Patricia und Patrice in ihrem Elternhaus wieder, nachdem ihr Vater wegen Mordes ins Gefängnis gekommen ist. Das Opfer ist ein berühmter Opernsänger, der tödliche Schuss hat ihn auf der Bühne getroffen und der Klavierstimmer Frédéric Delacroix ist sofort festgenommen worden. Wechselnd legen nun die Hauptfiguren ihre Gefühle und Erlebnisse offen und geben tiefe Einblicke in die Geschichte einer Familie – um Inzest, Mord und die Liebe zur Musik. Im Zentrum steht die komplizierte Beziehung der Geschwister, die beschlossen haben, endgültig Abschied voneinander zu nehmen. Zwar erreichen all die Bekenntnisse den Hörer, zur Aussprache der Protagonisten kommt es aber nie, denn: »Es ist anstrengend, die eigenen Gedanken mit anderen zu teilen, vielleicht sogar unmöglich, wer weiß.«

Frische Kleider für alle Lebenslagen

von Julia Schmidt (24. Juni 2009)

»Ich stelle mir vor, mein Name sei Gantenbein ...« Und der Erzähler, dessen Identität dem Leser – nein, ich stelle mir vor: dem Hörer, bis zum Schluss verborgen bleiben wird, lässt in seiner Phantasie eine Figur namens Gantenbein aufsteigen, für die er wie ein Marionettenspieler mehrere Geschichten erfindet. Warum hat ihn seine Frau verlassen? Was wäre gewesen, wenn …? Um diesen Fragen nachzugehen, schlüpft sein Protagonist in mehrere Rollen, wechselt diese wie Kleider und variiert sie je nach Belieben des Erzählers. Durch jene ungehemmt durchgespielten Möglichkeiten entstehen drei unterschiedliche Lebensläufe, denen jedoch allen gemein ist, dass eine bekannte Schauspielerin mit dem erblindeten Gantenbein verheiratet ist. Dient ihm die Blindheit zunächst als Maske, um hinter das wahre Wesen der Menschen zu blicken, bringt sie ihn jedoch bald in unvorhergesehene innere Konflikte.

 

Ich weiß nicht was ich bin.

Ich schreibe das gleich hin.

Da ham´ wir den Salat,

Ich bin ein Literat!

F.W. Bernstein

Der Großvater und der Streber

von Michael Stöhr (7. Juli 2009)

Wie heißen die drei dünnsten Bücher der Welt? Antwort: 1.Italienische Heldentaten, 2. Britische Köstlichkeiten und 3. Tausend Jahre deutscher Humor. Die deutsche Literatur und Lyrik ist in der Welt nicht gerade für ihren Humor bekannt.

Harry Rowohlt (als Vortragskünstler) und Christian Maintz (als Autor und Kommentator) treten nun an, das Gegenteil zu beweisen. Nachzuhören ist das ganze auf der Audio-CD Lieber Gott, du bist der Boss, Amen. Dein Rhinozeros.

Freiheit?!

von Anne Schumacher (März 2011)

Es brodelte in den amerikanischen Medien im vergangenen September als Jonathan Franzens neuer Roman Freiheit aus dem Ei schlüpfte. Neun Jahre nach den Korrekturen blickten die Amerikaner und mir ihnen der internationale Buchmarkt auf den angekündigten amerikanischen Jahrhundertroman.

Franzen schildert anhand der Familie Berglund ein zeitdiagnostisches Panorama der letzten dreißig Jahre amerikanischer Geschichte und somit ein Porträt unserer Zeit. Mittels komplexer Biografien legt er uns das soziologisch angehauchte Bild einer amerikanischen Familie, insbesondere nach dem 11. September, und nicht zuletzt das Verhältnis des liberalen Amerikas zur Gewalt dar. Es ist eine Abrechnung mit der Busch-Ära, aufgezeigt an einer demokratisch-liberalen Familie.

Ehrlich währt am längsten

von Anne Schumacher (1. Oktober 2010)

Autobiographische Schriften gehören zu den zwiespältigsten Gattungen der Literatur. Auf der einen Seite möchten sie das Leben einer Person offen und ehrlich darstellen, auf der anderen Seite ist ihre Authentizität und Ehrlichkeit nicht immer eindeutig nachweisbar. Was ist so geschehen, wie es aufgeschrieben wurde und wann wird etwas hinzugedichtet, ein Ereignis durch den professionellen Umgang mit Worten schlichtweg zu einem anderen Ereignis geworden, das sich nie so abgespielt hat? Deswegen gilt Aufrichtigkeit als der Grundsatz, den ein Autobiograph einzuhalten hat. Und genau diesem Grundsatz folgt Thomas Bernhard (1931-1989) in seinen fünf Autobiographischen Schriften (Die Ursache / Der Keller / Der Atem / Die Kälte / Ein Kind), die am 25. September als Lesungen beim Audio Verlag erscheinen.

Unmenschlich schildert Bernhard seine teils traumatischen Kindheits- und Jugenderzählungen, die er zwischen 1975 und 1982 schrieb, in gar keinem Fall. Sie sind der Schlüssel zu seinem Werk. Sie kehren sein Innerstes nach außen. Auf intime und berührende Weise legt der Georg-Büchner-Preisträger seine Vergangenheit den Lesern dar. In gnadenloser Diktion erzählt er von der Schande seiner unehelichen Geburt, vom Verstoß durch die Mutter und von Aufenthalten in nationalsozialistischen Erziehungsheimen. Seine schwere Tuberkuloseerkrankung bringt ihn an den Rand des Todes. Doch Bernhard entscheidet sich für das Leben.