Leipzig-Logbuch II: Memo an mich selbst – Nicht zu philosophisch werden!

von Philipp Schlüter (21. März 2015)

(Teil I gibt es hier)

Literatur ist Austausch. Hier waren wir stehengeblieben. Ob im Kritikergespräch, der laxen, kameradschaftlichen Bewertung von Büchern beim Bier oder im Rahmen von Lesungen, nach denen sich ja oft auch ein reger Austausch Bahn bricht. Da kommt ein Gedanke aus dem Kopf eines anderen Menschen in Wortform daherspaziert und dringt ins eigene Ohr. Literatur ist auch Lauschen. Das Lauschen kommt vor dem Austauschen, denn wenn ich nicht hinhöre, kann ich nicht mitreden. Hat man ausgelauscht, wird sich ausgetauscht. So einfach ist das, denkt der hier Schreibende grinsend. Wenn um 18.00 Uhr die Pforten der Leipziger Buchmesse schließen, dann dreht die Innenstadt literaturtechnisch richtig auf. In Kneipen, Cafés, Bars, Schulen, Bibliotheken, Ateliers, der Universität kommt es im Rahmen des „Lesefestes“ Leipzig liest zu Begegnungen zwischen AutorInnen und Lesern, Schreibern und Hörern. Die Leipziger Buchmesse feiert den Literaturbetrieb einmal in hochoffizieller Form. Warum sie anderseits auch als Publikumsmesse angepriesen wird, versteht man, wenn man hin- und her, vor und zurück, durch das Programmheft blättert. Immens ist, was dort angeboten wird. Um dem Leser mal eine Zahl zukommen zu lassen: 3801 Veranstaltungen an fünf Tagen.

Doch die Entscheidung fällt auch diesmal nicht schwer. Da das Wetter schneidend kalt ist, wählen wir (ich und ein Kompagnon) die kürzeste Distanz zwischen Dönerladen und nächster Lesung. Im Café Grundmann, man wähnt sich in einem Wiener Kaffeehaus, zwitschert Kristof Magnusson aus seinem neuen Roman Arztroman heiter-seichte Prosapassagen in den prallgefüllten Cafésaal hinein. Genau das Richtige nach einer Literaturpreisverleihung ist, wenn man einfach nur die Bücher selbst zu Wort kommen lässt. Aber dazu von anderer Seite mehr.

Am Freitag gegen Mittag schlagen wir wieder auf der Buchmesse auf. Von halb zwei bis zwei ist ein Gespräch zwischen Druckfrisch-Denis (Scheck) und Sibylle Berg über ihren neuen Roman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand angesetzt. Frei nach Schecks Motto „Vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue“ begeben wir uns zum ARD-TV-Forum in Halle 3. Dort angekommen werde ich augenblicklich der Stimme Gregor Gysis (Die Linke) gewahr, der mit Friedrich Schorlemmer (SPD) zusammen ein Buch herausgegeben hat, das den Titel Was bleiben wird. Ein Gespräch über Herkunft und Zukunft trägt. In der Schlusssequenz des Gesprächs, die ich noch mitbekomme, geht es nicht mehr um die deutsche Geschichte und Politik, sondern um den christlichen Glauben und wie Gysi selbst dazu steht. Wenn man mit dem Theologen und Ex-Oppositionellen Schorlemmer über die DDR-Vergangenheit spricht, dann reißt man auch solche Themen an. Besonders, weil die Kirche in der DDR für die Opposition eine wichtige Rolle spielte. Gysi und Schorlemmer, die vor 1989 in komplett anderen gesellschaftlichen und politischen Lagern standen, haben sich mit Rückblick auf die Geschichte der DDR darüber ausgetauscht „was Bestand haben wird“ und „was auf den Müll der Geschichte gehört.“ Diese Frage ist…(soll man es so hart sagen? Doch, man muss!) auch für die Literaturkritik keine ganz unwichtige. Welche Bücher werden auch in der Zukunft noch zu überzeugen wissen? Zugegeben: Der Ausdruck „Müll“ ist allem gegenüber, was der Mensch unter Aufbringung seiner Kräfte und durch seine individuelle Überzeugung kreiert, fehl am Platz. Denn er weist in diesem Fall auf einen Mangel an Respekt vor dem Geleisteten hin. Niemand schreibt wohl absichtlich schlechte Bücher, wohingegen der Mensch im Laufe der Geschichte oft absichtlich schlecht oder falsch gehandelt hat. Welche Bücher aber sind von Inhalt und Sprache so solide, dass sie heute und auch in Zukunft noch viele Leser finden werden (der Schreibende bewegt sich gedanklich immer noch in der Belletristik)? Es werden Bücher sein, die durch ihre gestellten Fragen eine allzeitige Aktualität aufweisen. Es werden Bücher sein, welche die kleinen und großen Probleme der Menschen in den Mittelpunkt des Geschriebenen stellen. Zu dieser Gruppe gehört auch Sibylle Bergs neuer Roman Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand. Die zentralen Fragen ihres Romans, ob die Sexualität für eine Ehe/Beziehung elementar ist oder ob der Sex in unserer Zeit überbewertet wird, man also auch unter Verzicht auf die beidseitige Sexualität eine erfüllte und glückliche Beziehung führen kann. Es sind Gedanken, die gerade in unserer postmodernen Gesellschaft durch die Erweiterung von individueller Freiheit nicht an Brisanz verlieren werden. Wegen so etwas bin ich hier, denke ich. Ich möchte zwar auch sprachlich schöne Literatur lesen, doch tritt dieser Aspekt hinter der Verhandlung von Fragen, die das Leben aufwirft, zurück. Ein Stoff muss nah am Puls der Zeit sein und nahm am Menschen. Rem tene, verba sequentur!

Eine Stunde später nehme ich wiederholt Stellung am ARD-TV-Forum ein. Der österreichische Autor Arno Geiger antwortet auf Fragen zu seinem neuen Buch Selbstporträt mit Flusspferd. Schon der Titel gefällt mir. Auch das Factum, dass ich den Namen des Autors schon zigmal gehört habe, führt mich letztendlich zu ihm und seinem Roman. Seine Art und die Topoi seines Romans, die Liebe zwischen zwei Studenten und das Erwachsenwerden, überzeugen mich. Auch wie er ein Zwergflusspferd anekdotenartig als Gegenbild zu unserem heutigen Optimierungswahn aufbaut. Als letztes Ereignis dieses Buchmessetages wird lokalpatriotisch gehandelt. Nora Gomringer liest aus ihrem ebenfalls neuen Gedichtband Morbus, den Reimar Limmer mit kunstvollen Grafiken veredelt hat. Es geht um 25 Krankheiten, die Nora Gomringer in 25 Gedichten verarbeitet hat und dichterisch aufbricht. Die Autorin und der Illustrator „fühlen Puls, wiegen, vermessen und schieben ein paar Zäpfchen nach. Und wieder bricht dabei Sprache auf, Bild zu werden und Bild bricht auf, sich in Sprache zu übersetzen.“ Als ostwestfälischer Bamberg-Liebhaber und Villa Concordia-Freund ist diese Lesung eine Pflichtveranstaltung. In Slammer-Manier, aufbrausend und herausfordernd, spielt Nora Gomringer mit der Sprache und bietet einen Ansatz, künstlerisch-spielend mit allerlei Krankheiten umzugehen. Eine erfrischende Idee, dessen Ansatz sicherlich nicht für jeden Leser/Hörer taugt.