Auf ein Bier mit Phil Collins: Szenen einer Messe (Teil II)

von Niklas Schmitt (21. März 2015)

(Tut euch selbst einen großen Gefallen und fangt bei 0 an zu lesen!)

4.1

giovanni gnocchi spielt bach, aber bach

spielt auch ihn, läßt seine finger klettern

wie blasse matrosen in der takelage,

während draußen die hitze ist, juli, die stadt.

und alles setzt segel, und alles legt ab.

— aus Jan Wagner "giovanni gnocchi am violoncello"

5. Arztroman

Ausgeschenkt wurde Bayreuther Bier im Café Grundmann in Connewitz. Einem klassischem Kaffeehaus nach Wiener Art: Eingangsbereich mit Theke, wo die abwechselnd freundlich und grantigen Bedienungen hin und her hetzen, dazu dann ein großer Gastraum mit hoher Decke und kleinen Tischen mit marmornen Platten. Ein Ort, an dem man sich nach langer Wanderschaft zwischen Bücherwelten gleich wohl fühlt, weil keine Dynamik darinnen ist, vermutlich seit den 70ern nicht mehr, sondern endlich Ruhe herrscht. Nachdem um 18 Uhr die Tore der Messe schlossen, verlagerte sich das Geschehen in die Stadt. Gelesen wurde in Cafés, Gerichten, Clubs und anderen angemessen erscheinenden Orten. Man entscheidet sich nicht nur für eine Lesung, das wäre noch zu ertragen, sondern gleichzeitig auch gegen mindestens vier oder fünf andere. Das macht einem dann den Weg schwer durch den kalten Leipziger Abend. In den Hallen merkt man gar nicht, was draußen so alles mit dem Wetter passiert und auf einmal steht man da, hastet in die volle Straßenbahn, lauscht fremden Fahrgästen ihre Messeerlebnisse ab, steigt um und aus und versucht mit Karte in der Hand so schnell wie möglich den Ort der Lesung zu finden, den man sich vorher mühsam abgerungen hat. Wenn man aber sitzt und wartet, warm wartet, dann ist alles gut, dann weiß man, wie richtig man sitzt. Natürlich kam ich kurz vor knapp an und mir konnte kein Sitzplatz mehr zugewiesen werden. Das machte nichts, denn an der Theke sitzt man immer an der Quelle mit ausreichend Arm- und Beinfreiheit. Kristof Magnusson las aus seinem neuesten Buch Arztroman. Er wollte mal das klassische Genre des Arztromans aufnehmen und es mit Fachwissen und richtiger Liebe aufpäppeln. Was er denn vorlas, waren einige solide erzählte Passagen über eine alleinerziehende Rettungswagenfahrerin, die mit ihrem pubertierenden Sohn zu kämpfen hat und noch durch einen zufällig wiedergetroffenen ehemaligen Fahrgast die späte Liebe kennenlernt. Das Ganze in hübschem, leicht drapiertem Ironiekleid, fester Stimme und augenzwinkerndem Humor vorgetragen. Für mich noch ein Bier, bitte. Aber das Buch kauf ich nicht. Nach der Lesung kam auch die Stammkundschaft. Die wollte gleich wissen, ob ich wegen der Messe da sei und ob ich Schriftsteller sei. Ja, wegen der Messe, erwidere ich, Schriftsteller auch, weil: könnte ein interessantes Gespräch ergeben, denke ich mir. Die meiste Zeit redete dann aber doch der Ingenieur. Von seiner Arbeit, von Leipzig und der ehemaligen DDR. Es war nicht alles schlecht, denn wenn man nichts hat, wenn man alles bekommt, festgelegter Beruf, Geld und Wohnung, dann muss man sich nicht entscheiden, kann sich nicht vergleichen und strebt nicht nach mehr als dem, was man hat, das Glück läge damit für jeden gleichsam auf der Straße. Aber warum fragt er mich dann, ob ich als Schriftsteller denn auch auf die Verkaufbarkeit meiner Werke schauen würde und versteht nicht so recht meine vielleicht naive, aber doch notwendige Haltung, die der von Jan Wagner recht nahe kommt, der in einem Interview auf der Buchmesse sagte: »Wer anfängt, Gedichte zu schreiben, der macht das nicht, weil er Preise gewinnen will, sondern der macht das, weil er die Lyrik liebt.« Das ist die Schwierigkeit der Messe, die auf der einen Seite für den Verkauf sorgen will, wo Tische für den Vertrieb reserviert sind, Verleger, Lektoren, Schriftsteller und andere in Kontakt miteinander treten, auf der anderen Seite aber auch dem lesebegeisterten Publikum entgegentreten, um beides anzufachen, die Liebe zur Literatur und den Verkauf. Wenn man aber abends an der Theke sitzt und spontan mit anderen ins Gespräch kommt, dann sind die Fragen ganz vergessen, dann erörtert man gemeinsam Fragen der Heimat, der Schönheit diverser Städte, dem Zweck von Literatur und welche Buchmesse eigentlich zuerst da war, Leipzig oder Frankfurt, und welche wichtiger ist. Wenn ich tatsächlich Schriftsteller wäre, hätte ich alleine nach diesem Abend ausreichend Stoff für eine Erzählung. Bin ich nicht, deswegen: go ahead!

6. Möglichkeiten, Freitag, 13.3., 13.30 Uhr

Train Kids. In einem Auge die Hoffnung, im anderen die Angst, H.2S.E304; Bilderbuchlesung: Peter Engel. Riesenkrach unterm Blätterdach H.2S.307; Vortrag: Patricia Liebscher-Schebiella. Fokus Kind – Impulse für gelingendes Lernen H.2S.A401/B400; Lisa Brokemper. Regenzeitversuchung, H.2S.G401; Lesung und Gespräch: Jenny-Mai Nuyen. Nacht ohne Namen, H.2H.309; Michael Bienert. Kästners Berlin: Literarische Schauplätze, H.5S.A401; Gespräch: Marie Jaell, die große Unbekannte, H.4S.A401; Lesung und Gespräch: Ricardo Macnack. Ein Surinamer in der DDR, H.3S.H202; Leipzig liest kriminalistisch: Hughes Schlueter, Michael Kibler, Eva Lirot. Drückermorde – Haustürgeschäfte, die böse ausgehen, H.4S.E101; Gespräch: Christoph Kähler, Hans-Werner Schmidt. Reformation – Bild und Bibel, H.3S.A200; Lesung und Gespräch: Ein bisschen gleich ist nicht genug! H.3S.E401; Lesung und Gespräch: Kjell Westö. Das Trugbild, H.4S.D300; Lesung und Gespräch: Ost-Erfahrung – Mit dem Rad zum Baikal, H.3S.E211; Lesung auf Deutsch und Rumänisch. Life begins on Friday, H.4S.E406; Anne Goldmann. Lichtschacht, H.5S.C404; Lesung und Gespräch: Tobias Weger. Pilsen. Kleine Stadtgeschichte, H.4S.B600; Autorengespräch: Slavoj Žižek. Blasphemische Gedanken. Islam und Moderne, GlashalleS.04; Gespräch: Petra Polk. Like! – So netzwerken Sie sich an die Spitze, H.4S.D213/E210; Filmvorführung: Z Kiew redt me Mundaart – Albert Bächtolds phantastische Reise, H.3S.G603; Lesung und Gespräch: Wirtschaft trifft Literatur – Teil 1, H.3S.G603; Leipziger Verlage stellen sich vor: Verlag J.G. Seume, Buchhandlung Hugendubel; Gespräch: Sibylle Berg. Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand, H.3S.C500/501; LVZ-Autoren-Arena: Bernd-Lutz Lange. Zeitensprünge: Kreuz und quer durch mein Leben, H.5S.A100; Leipziger Buchmesse und literaturcafe.de präsentieren: Leif Randt. Planet Magnon, H.5S.B600; Lesung und Gespräch: Gottlose Type, H.5S.D410.

7. Gänseblümchensamen

Was mache ich hier eigentlich? Wie angeschossen renne ich durch die Hallen, bleibe an Ständen stehen, schaue mir ein paar Bücher an und gehe dann weiter. Habe ein paar Termine von Autorengesprächen im Kopf, die ich mir unbedingt ansehen will, ansonsten bekomme ich nichts mit außer Menschen, die um mich herumströmen und anscheinend Ziele haben, zufrieden sind. Mache ich was falsch? Mir bringt das alles nichts. Ich lerne keine Bücher kennen, ich lerne gar nichts auf dieser Messe. Schon zum zweiten Mal komme ich am DuMont-Stand vorbei, schon wieder oder immernoch sitzt diese Frau da und liest in einem Buch. Ein Drittel hat sie schon gelesen. So kann man es auch machen, man sucht sich unter all den Büchern eins raus, und liest bis die Messe vorbei ist. Ich bin schon zufrieden, wenn ich vom Gang einen Blick auf die vielen Cover werfen kann. Ich will gar nicht anfangen zu lesen, ich weiß nicht, was mir das bringen soll. Zum Lesen brauche ich Ruhe. Und dafür sind hier eindeutig zu viele Leute. Was mache ich dann hier? Bücher kaufen kann ich auch zu Hause in der Buchhandlung! Ich sammle Verlagsprogramme und kostenlose Zeitungen, die ich dann zu Hause durcharbeite. Die Literaturbeilage der Jungen Welt schreibt viel über Houellebecq, außerdem sind zum ersten Mal Briefe von Hunter S. Thompson auf Deutsch erschienen. Das weiß ich nur wegen der Beilage, auf der Messe hat mir das keiner gesteckt. Aber ich musste auf die Messe fahren, um an die Beilage zu kommen. Ganz viel gibt es zu Amos Oz zu lesen, die Literarische Welt titelt: »›Als Kind wollte ich ein Buch sein‹« Bei den ganzen Berichten über das Buch brauche ich das gar nicht mehr lesen, ich bekomme sowieso alles gesagt: Zionismus, Kammerspiel, Intellektueller. Eigentlich bin ich auf dieser Messe nur wegen der kostenlosen Heftchen. Alles, was man von hier mitnimmt, findet man in der medialen Aufbereitung. 3Sat sendet 1,5 Stunden das Beste aus den Interviews, Titel Thesen Temperamente machen eine Sondersendung, ich kann mir alle Gespräche auf dem blauen Sofa nochmal in Ruhe zu Hause anschauen, während ich nebenher im Netz die unterschiedlichsten Rückblicke auf die paar Tage durchackere. Dann komme ich am Stand der Arno Schmidt Stiftung vorbei. Da sitzen vier ältere Herren an einem runden Tisch und trinken Wein aus Plastikbechern. Ist mir gleich sympathisch, wie die sich mit dem Rücken zum Publikum mit sich selbst beschäftigen. Wie soll das aber auch anders sein, bei einer Stiftung, die sich einzig einem toten Einzelgänger widmet. Halt, stimmt gar nicht, den Nachlass von Peter Rühmkorf verwaltet sie auch, aber davon bekommt man an dem Stand nichts mit. Zum 100. Geburtstag ihres Meisters gibt es Gänseblümchensamen. Auf dem Poster, was der Broschüre der lieferbaren Bücher 2014 beiliegt, steht folgendes Zitat: »Es ist nichts Kleines, jahraus jahrein den worst=seller zu liefern!« Schön, wie sehr einem alles auf dieser Messe egal sein kann. Also bin ich zur Entspannung zu den antiquarischen Büchern gegangen und habe mir was von Poe gekauft.