Auf ein Bier mit Phil Collins: Szenen einer Messe (Teil III)

von Niklas Schmitt (22. März 2015)

(Teil I hier, Teil II hier)

8. Bergfest

Was ich nach der Messe auch anschaltete, immer saß da irgendwann Frau Sibylle Berg. Ob ich mir das Interview dann zu Ende ansah, lag dann nicht mehr an Frau Sibylle, wie sie bei ihrer SPON-Kolumne genannt wird, sondern an den Fragestellern, denn Frau Sibylle sagte im Grunde immer das gleiche. In ihrem persönlichen Umfeld sei ihr aufgefallen, dass sich immer mehr Paare trennten, und das oft nachdem sie sich die Frage gestellt hatten, war es das jetzt, soll ich den Rest meines Lebens nur noch einen Menschen berühren? Eigentlich immer musste sie auch die Unterschiede der beiden Hauptfiguren erklären, die zwar, qua ihrer Geschlechter erstmal verschieden betrachtet werden, aber weil verheiratet, das gleiche Problem haben, ihre Ehe, aber gar nicht so verschieden sind und deshalb eigentlich gar kein richtig großes Problem mit ihrer Ehe haben, eher mit ihrer Liebe, aber selbst damit auch nicht so richtig, es wird halt anders mit der Zeit. Es geht gar nicht um Sex! Skandal. Und das, obwohl die Protagonistin ihren Mann mit einem Masseur betrügt. An wem liegt es nun aber, dass die armen Moderatoren das Buch so falsch verstehen? Am Ende gar noch an...

...dem Buch selbst? Aber nein, Denis Scheck findet es ganz fabelhaft und macht es sich erklärtermaßen zur Aufgabe, es mit Hilfe von Frau Sibylle auf die Bestsellerlisten des Landes zu heben. Dabei tut Frau Sibylle schon alles, was in ihrer Macht steht. Sie hat ihren Text auswendig gelernt und sagt ihn in jedes Mikrophon, was sich in ihrer Nähe aufbaut, zuletzt sogar in Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale für die junge Zielgruppe. Sie ist durch die Landen getourt, getingelt darf man sagen, hat sie gesagt, bei Luzia Braun auf dem blauen Sofa, aus ihrem Buch in verteilten Rollen gelesen, dabei waren Jan Böhmermann (welch Zufall), Dirk Stermann, Christian Ulmen und Matthias Brandt, der auch in dem Trailer zum Buch mitspielte, wo auch Olli Schulz auftritt. Mit Luzia Braun duzt sich Frau Sibylle, hier dann wohl nur Sibylle, schon. Die beiden kennen sich von früheren Interviews, sagte Luzia noch bevor das Interview losging, damit keiner der Zuschauer ob der Vertrautheit der beiden auf einmal verwirrt ist. Danke schön für die kritische Berichterstattung! Abgeschaltet. Nina Mavis Brunner ist so sichtlich überfordert mit der Aufgabe, ein interessantes Gespräch zu führen, dass sie sich ins Persönliche flüchtet und allen Ernstes fragt, ob Frau Berg von den Problemen im Buch auch selbst betroffen sei. Kurze Pause, dann holt Frau Berg aus, muss sie aber gar nicht, weil Frau Brunner ihre doofe Frage gleich weglacht wie einen ironischen Witz, von dem man sich offenhalten will, ob man ihn nicht doch ernst meint. Zack, abgeschaltet. Da hatte ich wirklich Glück, dass ich bei Denis Scheck live dabei sein durfte, irgendwo hinten stehend, den Kopf gereckt bei dem Versuch, zwischen fremden Schultern einen Blick auf die schöne Sibylle zu werfen. Denn Scheck ist vielleicht der einzige, der mit ihr auf Augenhöhe spricht, der auf ihren etwas kruden Witz eingehen und ihn weiterführen kann, und trotzdem noch das ein oder andere taugliche Wort aus ihr herausbekommt, die sonst mit »hyperbolischem Umschlag« (stand so in der ZEIT) versucht auszuweichen, wenn eine ernste Frage auf sie zukommt, deren Antwort sie vorher nicht auswendig gelernt hat. Das ist unterhaltsam und klingt ein wenig nach ihren Kolumnen und deshalb auch nach ihrem Buch, was einem gefallen kann, wo man sich doch schon an den täglichen Zynismus als Weltbild gewöhnt hat, aber nicht muss, aber genau deswegen tatsächlich eine gar keine so schlechte Werbung für ihr Buch ist. Das Scheckinterview steht noch nicht im Netz.

9. Werthers Echte

Junge Menschen verkleiden sich. Sie tragen blaue Jacken und gelbe Hemden, einen Filzhut und braune Stiefel. Ganz wie es das Buch vorschreibt. Mehr noch, sie fühlen sich wie ihr Idol, eifern ihm nach, tun, was er getan hat, verlieben sich und leiden ungemein an der unglücklichen Liebe. So geschehen vor etwa 240 Jahren, kurz nachdem ein junger aufstrebender Dichter 1774 seine Leiden des jungen Werther veröffentlicht hat. Dass die Identifikation manch einen damals in den Suizid trieb, ist die denkbar schlechteste Wirkung, die Literatur nach sich ziehen kann. Es zeigt aber auch die Kraft, die in der Literatur steckt, zumal, wenn die Leser sich in ihr und ihren Protagonisten wiedererkennen. Und machen das nicht auch der an der Welt leidende Möchtegernkünstler, der politisch interessierte, der Verliebte, der Ekel, nur sieht man es eben nicht, weil die Melancholie kein Kostüm hat wie Sailor Moon. Was sie alle vereint, ist die Begeisterung für das, was sich zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt. Gibt es denn was Großartigeres als dieses in die Welt holen von sterilen Zeichenfolgen?

10. Auf ein Bier mit Phil Collins

Spätshoppen hatten sie es genannt. Thomas Kapielski und Jürgen Roth luden in die Galerie ARTAe zu Obazda, Brezn und fränkischem Bier. Also eine Veranstaltung eigens für mich, den Wahlbamberger und, zumindest in Leipzig, Pseudoschriftsteller. Da fühlt man sich gleich wie zu Hause. Jedenfalls habe ich mich an einer der zwischen Ausstellungsobjekten und Gemälden aufgestellten Biertischgarnituren wieder erinnert, warum ich nach Leipzig gekommen war, nämlich der Literatur wegen. Die Galeristin begrüßte jeden Gast persönlich mit Handschlag, das Geld für das Bier legte man auf freiwilliger Basis in das Körbchen neben den Flaschen und der Obazda war von Jürgen Roth selbst gemacht. An den Tischen saßen etwa 20 Leutchen und unterhielten sich nett als die beiden Literaten sich an den Tisch setzten, der quer zu den unsrigen am Kopf stand. Mehr hob sie nicht von den übrigen ab. Dann wurde etwa zwei Stunden Humorvolles und Ernstes über das Leben und das Bier gelesen. Da gab es keine lästige Fragerunde, keine literarischen Eitelkeiten, denn alle waren gekommen, um ein wenig Freude an der Literatur und ihren Auswüchsen zu haben. Die beiden da vorne hatten sichtlich Spaß, machten Witze und lasen so ernst es ihnen eben möglich war aus neuen und alten Büchern, zuweilen so alten, dass sie schon vergriffen sind. Aber was macht das schon bei einer Lesung, die keine Verkaufsveranstaltung, sondern eine Lesung ist? Eben. Man ließ sich gehen und Zeit, biss hier und da in eine Brezel und konnte ausnahmsweise mal alleine dem Vortrag ohne Hintergrundrauschen lauschen. Das tat am Ende nochmal richtig gut. Und während ich mir den Herrn Kapielski da vorne so ansehe mit seinen grauen Haarstoppeln im Gesicht und auf dem Rest des noch nicht von der erweiterten Stirn eingenommenen Kopfes, der dunkel umrandeten Brille und meine Gedanken so schweifen lasse, fällt mir auf, dass der Kerl doch eigentlich eine frappierende Ähnlichkeit mit Phil Collins hat.