Aus den Schubladen zum ersten »Buchstabenblickkontakt«

von Lisa Strauß und Sandra Kolbinger (17. Dezember 2015)

 

© Ann-Charlott Stegbauer 

 

Mit Spannung haben wir sie erwartet, verfolgten jeden Schritt und dann war es endlich so weit: Am Abend des 15.12. wurde die erste Ausgabe von fortississimo, der Bamberger Edition junger Texte,  im Rahmen eines fulminanten Events gefeiert. Das Rezensöhnchen feierte mit.

Kurz vor Acht im Gemeindesaal von St. Stephan fand man kaum noch eine Sitzgelegenheit. Man musste schon Glück oder wenigstens jemanden vor Ort haben, der einen Platz besetzte. Selbst die Stehfläche wurde immer knapper. Aber für die Literatur nimmt man ja gerne so manches in Kauf und es lohnte sich. Das erkannte man schon beim ersten Blick auf die verteilten fortississimi, die auf jeden Besucher warteten. Die edle Aufmachung stach sofort ins Auge. Das zurückhaltende und stilsichere Design schafft es, die Literatur in den Vordergrund zu rücken, ohne aber selbst dabei an Präsenz zu verlieren. Das Zusammenspiel von Literatur, Musik und bildender Kunst (von Bernd Wagenhäuser stammend) wurde von Christine Mitru vortrefflich in Szene gesetzt. Dieses Zusammenspiel fand Widerklang während der gesamten Abendgestaltung. In das allgemeine Stimmengemurmel mischte sich plötzlich die eindringliche Musik von Dawn On Mars. Das Duo, bestehend aus Barbara Kotschenreuther und Diego Sabatino, verstand es, das Publikum in seinen Bann zu ziehen und zauberte Gänsehautmomente. Eine bessere Einstimmung für den Abend hätte es nicht geben können.

  

© Ann-Charlott Stegbauer | Dawn On Mars (Diego Sabatino, Barbara Kotschenreuther)

 

Zunächst bedankten sich die beiden Herausgeber Timotheus Riedel und Niklas Schmitt bei allen (unterstützend) Mitwirkenden der Bamberger Edition, wie beispielsweise Bernd Goldmann. Nach der Einführung mit der Frage »Was ist Gegenwartsliteratur heute?«, fand man sich schon inmitten der Textvielfalt der jungen Literatinnen und Literaten. Den Auftakt machte kein Geringerer als Gott, mit Tom Waitsˈ Stimme. Oder besser mit Manuel Paßˈ Stimme, der der erste Leser war, »denn Großspurigkeit ist das Privileg der Studierenden«. Beim anschließenden dadaistisch angehauchten Gedicht WG-Casting blieb kaum ein Auge trocken. Leider ist es nicht in der ersten Ausgabe von fortississimo abgedruckt, was zeigt, dass es sich absolut lohnt, auch den zukünftigen Lesungen beizuwohnen, da nicht alle Highlights nachzulesen sind. Vielleicht auch, weil sie vorgetragen ihre Wirkung erst in Gänze entfalten.

 

© Ann-Charlott Stegbauer | Die Herausgeber: Timotheus Riedel, Niklas Schmitt

 

Der Abend gliederte sich in drei Leseblöcke von jeweils zwei AutorInnen, die mehrere Texte aus ihrem (Schubladen-)Repertoire vortrugen. Ein wenig schade war, dass man nicht allen gleichermaßen gerecht werden konnte. Häufig hing man gedanklich noch einem Text nach, weshalb man dem folgenden nicht die Aufmerksamkeit schenken konnte, die man wollte – wie es die Texte auch verdient hätten. So war es zum Beispiel schwierig, den englischen Text von Simone Schiller angemessen zu erfassen. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, nicht gleich beide Lesenden auf einmal vorzustellen oder bereits bei der Vorstellung die dazugehörigen Personen auf der Bühne zu sehen. Auf diese Weise hätte eine Zusammengehörigkeit von AutorIn und Text hergestellt werden können und die Gedanken wären frei gewesen für die vielen zu bewältigenden literarischen Sinneseindrücke: Gegeben wurde beispielsweise lyrische Prosa vs. freie Lyrik: Franziska Wotzinger las über das Zerbrechen und das Neue, was danach über das Alte wächst, ohne es je völlig zu überdecken. Bei Isabel Bederna war Synästhesie Programm. Ihre Texte, die zwischen Lyrik und Prosa changierten, rückten einen durchfeierten Discobesuch wortgewaltig und plastisch in den Fokus. Vor dem letzten Leseblock konnte man noch einmal Dawn On Mars lauschen und dabei gedanklich den leisen Zwischentönen der vorgetragenen Texte nachhängen. Die charakterisierten auch Mirjam Stumpfs Texte: Sie ermöglichten unter anderem »Buchstabenblickkontakte« mit ihrem Lieblingsmonat Dezember, in dem die Schneeflocken tanzen und das Jahr seine letzten Tage hat. Abschließend trug Leah Hentschel Eine U-Bahn Geschichte vor. Ihre Protagonistin durchlebt darin einen Drogentrip auf der Rolltreppe »mit dem Kopf voller Liebe und einem hungernden Herz« – dann spielte Dawn On Mars nochmal drei, den literarischen Abend abrundende Songs, während derer man langsam wieder mental in den Alltag hinübergleiten konnte. Ein wenig getrübt wurde das durch eine allgemein herrschende Aufbruchstimmung, die aber sicherlich der Euphorie einer gelungenen Veröffentlichung geschuldet und deswegen auch zu verschmerzen war.

 

© Ann-Charlott Stegbauer | Autorin Franziska Wotzinger

 

Vielleicht trägt der abschließende Verweis der beiden Herausgeber auf die Spendenbox ja dazu bei, dass sich bei der nächsten Lesung keine Probleme in Sachen »Sitzplatzlogistik« mehr ergeben, aber wir rücken auch gerne bei der nächsten Lesung wieder, im Dienste der Literatur, näher zusammen, denn:

Gerade heute
braucht es
mehr Leute
die mehr sind
wie die Leute
die gerade heute
zu wenig sind

- Felix Gerhard