Über Heimat und In-flight-Riesling

von Sophia Klopf (21. Februar 2017)

 


© Katja Sämann

 

Was wohl passiert wäre, wenn es keiner gehört hätte, als Paul Maar sich vor drei Jahren ein Literaturfestival für Bamberg wünschte? Man sollte darüber lieber nicht nachdenken. Eine der 23 Lesungen im Rahmen des Literaturfestivals war die des Autors Saša Stanišić. Im Wechsel von Diskussion und Lesung sprach er am 15. Februar in der Buchhandlung Hübscher nicht nur über sein neues Werk, Fallensteller, sondern brachte die Zuschauer auch oftmals zum Lachen über persönliche Erlebnisse und interessante Geschichten.

Saša Stanišić flüchtete mit 14 Jahren mit seinen Eltern vor dem Krieg aus Jugoslawien nach Deutschland. Als die Moderatorin Asli Heinzel ihn nach seinen Erinnerungen über diese Zeit fragt, erzählt er, dass das Fußballspielen mit den anderen Kindern ihm über seine Sprachlosigkeit hinweggeholfen hat. Und dass sein damaliger Deutschlehrer, der sein Schreiben unterstützte, ihm die Zuwendung gab, die er nach dem Verlust der Heimat dringend brauchte. Solche Anekdoten hinterlassen zunächst gemischte Gefühle beim Publikum. Dennoch erzählt Saša Stanišić diese Geschichten mit so viel Humor, dass kein bitterer Geschmack den Abend überbleibt. Er verarbeitet seine Vergangenheit literarisch, so zum Beispiel in seinem Erstling Wie der Soldat das Grammophon repariert. Besonders interessieren ihn beim Schreiben Figuren, die etwas verschroben sind. In Fallensteller sind einige von ihnen versammelt.

Die erste Geschichte, die Stanišić zum Besten gibt, handelt beispielsweise von einem Geschäftsmann, der sich in der Businessklasse im Landeanflug nach Rio de Janeiro befindet und sich seinen Gedanken über so manche Krux der Sprache hingibt. Eine typisch schräge Figur des Autors, deren Gedankengänge aber allzu menschlich sind. Wenn sie zum wiederholten Male einen »In-flight-Riesling« bestellt, um die Stewardess nicht zu enttäuschen, oder kritisch das Tun seines asiatischen Sitznachbarn hinterfragt, der geradezu manisch Bonbons in sich hineinstopft und die übrig gebliebenen Einwickelpapiere akribisch zu Rechtecken faltet, lacht die Menge. Das Publikum ist aber auch gebannt von seiner zweiten Erzählung, die die Erinnerungen eines jungen, weltreisenden Mannes mit seiner herausfordernden Vergangenheit im Spiegel des Balkankonflikts verwebt. Das liegt allerdings nicht nur an seinem unvergleichlichen Spiel mit den Worten, sondern vielmehr an der Performance, die Stanišić beim Vorlesen liefert: Er widmet sich mehr dem Publikum als der Lesevorlage zu und erweckt Figuren zum Leben. Monotonie ist ihm ein Fremdwort. Die Zuschauer lauschen seinen Wortspielen, fühlen das, was zwischen den Zeilen steht. Man kann den Blick nicht von Stanišić abwenden, der mit Seele seine Zeilen wiedergibt und die Anwesenden schon längst in seine Geschichte gesogen hat.

Stanišić, 2014 ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, verrät, dass seine ersten deutschen Worte »Lothar Matthäus« waren. Von da aus hat er eine gewaltige Entwicklung hinter sich gebracht, zu einem Schriftsteller, der nicht nur eloquent, sondern auch ein großartiger Entertainer ist. Für alle, die Lust auf eine abwechslungsreiche Sprache haben, in der Humor nicht zu kurz kommt, ist Saša Stanišić ein Muss.