Auf ein Bier mit Phil Collins: Szenen einer Messe (Teil III)

von Niklas Schmitt (22. März 2015)

(Teil I hier, Teil II hier)

8. Bergfest

Was ich nach der Messe auch anschaltete, immer saß da irgendwann Frau Sibylle Berg. Ob ich mir das Interview dann zu Ende ansah, lag dann nicht mehr an Frau Sibylle, wie sie bei ihrer SPON-Kolumne genannt wird, sondern an den Fragestellern, denn Frau Sibylle sagte im Grunde immer das gleiche. In ihrem persönlichen Umfeld sei ihr aufgefallen, dass sich immer mehr Paare trennten, und das oft nachdem sie sich die Frage gestellt hatten, war es das jetzt, soll ich den Rest meines Lebens nur noch einen Menschen berühren? Eigentlich immer musste sie auch die Unterschiede der beiden Hauptfiguren erklären, die zwar, qua ihrer Geschlechter erstmal verschieden betrachtet werden, aber weil verheiratet, das gleiche Problem haben, ihre Ehe, aber gar nicht so verschieden sind und deshalb eigentlich gar kein richtig großes Problem mit ihrer Ehe haben, eher mit ihrer Liebe, aber selbst damit auch nicht so richtig, es wird halt anders mit der Zeit. Es geht gar nicht um Sex! Skandal. Und das, obwohl die Protagonistin ihren Mann mit einem Masseur betrügt. An wem liegt es nun aber, dass die armen Moderatoren das Buch so falsch verstehen? Am Ende gar noch an...

Auf ein Bier mit Phil Collins: Szenen einer Messe (Teil II)

von Niklas Schmitt (21. März 2015)

(Tut euch selbst einen großen Gefallen und fangt bei 0 an zu lesen!)

4.1

giovanni gnocchi spielt bach, aber bach

spielt auch ihn, läßt seine finger klettern

wie blasse matrosen in der takelage,

während draußen die hitze ist, juli, die stadt.

und alles setzt segel, und alles legt ab.

— aus Jan Wagner "giovanni gnocchi am violoncello"

Leipzig-Logbuch II: Memo an mich selbst – Nicht zu philosophisch werden!

von Philipp Schlüter (21. März 2015)

(Teil I gibt es hier)

Literatur ist Austausch. Hier waren wir stehengeblieben. Ob im Kritikergespräch, der laxen, kameradschaftlichen Bewertung von Büchern beim Bier oder im Rahmen von Lesungen, nach denen sich ja oft auch ein reger Austausch Bahn bricht. Da kommt ein Gedanke aus dem Kopf eines anderen Menschen in Wortform daherspaziert und dringt ins eigene Ohr. Literatur ist auch Lauschen. Das Lauschen kommt vor dem Austauschen, denn wenn ich nicht hinhöre, kann ich nicht mitreden. Hat man ausgelauscht, wird sich ausgetauscht. So einfach ist das, denkt der hier Schreibende grinsend. Wenn um 18.00 Uhr die Pforten der Leipziger Buchmesse schließen, dann dreht die Innenstadt literaturtechnisch richtig auf. In Kneipen, Cafés, Bars, Schulen, Bibliotheken, Ateliers, der Universität kommt es im Rahmen des „Lesefestes“ Leipzig liest zu Begegnungen zwischen AutorInnen und Lesern, Schreibern und Hörern. Die Leipziger Buchmesse feiert den Literaturbetrieb einmal in hochoffizieller Form. Warum sie anderseits auch als Publikumsmesse angepriesen wird, versteht man, wenn man hin- und her, vor und zurück, durch das Programmheft blättert. Immens ist, was dort angeboten wird. Um dem Leser mal eine Zahl zukommen zu lassen: 3801 Veranstaltungen an fünf Tagen.

Doch die Entscheidung fällt auch diesmal nicht schwer. Da das Wetter schneidend kalt ist, wählen wir (ich und ein Kompagnon) die kürzeste Distanz zwischen Dönerladen und nächster Lesung. Im Café Grundmann, man wähnt sich in einem Wiener Kaffeehaus, zwitschert Kristof Magnusson aus seinem neuen Roman Arztroman heiter-seichte Prosapassagen in den prallgefüllten Cafésaal hinein. Genau das Richtige nach einer Literaturpreisverleihung ist, wenn man einfach nur die Bücher selbst zu Wort kommen lässt. Aber dazu von anderer Seite mehr.

Die Leipziger Buchmesse 2015: Der Duft von frischen Büchern

von Verena Bauer (19. März 2015)

Überall Bücher, enge Gänge und kuriose Wesen, die den Weg kreuzen – so manch einer mag sich jetzt an Walter Moers' Romane erinnert fühlen. Ich spreche aber hier von der Leipziger Buchmesse, die am vergangenen Wochenende auf dem Leipziger Messegelände stattgefunden hat. Zwar geht es hier ein wenig geschäftiger und weniger geheimnisvoll zu, als in besagten Romanen, aber alle Bücherwürmer und Leseratten können sich auf der Buchmesse nur wie im Paradies fühlen: Überall neu erschienene Literatur, Gespräche über Bücher und verwandte Themen, Leseecken, Leseproben, Poetry Slams, und auch sonst alles, was nur irgendwie mit Literatur zu tun hat. Sogar das optimale Lese-Möbel kann man hier erwerben (für viel Geld). 

Kein Wunder, dass bei diesem großen Angebot immer mehr Bücher-Liebhaber im März nach Leipzig strömen. In diesem Jahr waren es 251.000, was sage und schreibe 14.000 mehr sind, als im Jahr zuvor. Für so viele Besucher muss natürlich auch etwas geboten werden, und da haben sich die Veranstalter kräftig ins Zeug gelegt: zusammen mit dem Lesefest „Leipzig liest“ fanden auf der Messe selbst und an verschiedenen Orten in der Stadt 3.200 Veranstaltungen statt. Besonders von sich reden machten neben den Gewinnern des Preises der Leipziger Buchmesse (siehe Philipps Beitrag) heuer Kinderbücher, das Thema „Self-Publishing“ und natürlich die Veranstaltungen rund um den diesjährigen Schwerpunkt „1965-2015. Deutschland – Israel“.

„Schaue ich nun selber in die Bücher rein, oder lausche ich lieber Experten, um mir einen Überblick zu verschaffen? Richte ich meine Aufmerksamkeit nun auf die Autoren und Dichter, die ihre Worte verkünden wollen, oder staune ich lieber die ganzen verkleideten Gestalten an?“ - das hat sich vermutlich jeder Besucher der Buchmesse mindestens einmal gefragt. Reizüberflutung, ganz im positiven Sinne, ist auf jeden Fall gegeben. Und das nicht zuletzt wegen der vielen Cosplayer, die zur parallel auf dem Messegelände stattfindenden Manga-Comic-Convention strömen. Da läuft auf einmal eine Gruppe Disney-Prinzessinnen vorbei. Zwei Meter weiter trifft man auf Figuren berühmter Anime-Serien. Dreht man sich um, versperrt einem plötzlich Iron Man den Weg, und ein paar Schritte weiter steht ein ganz in sich versunkener Batman wie eine Statue. Figuren aus Filmen, Serien und Computerspielen aus den unterschiedlichsten Bereichen treffen hier aufeinander. 

Auf ein Bier mit Phil Collins: Szenen einer Messe

von Niklas Schmitt (17. März 2015)

0.

Für das Herz, dem Weh beschieden,

birgt dies Land wohl Trost und Frieden –

für den Geist, der in den Schatten

wandelt, hat es lichte Matten!

Doch wer nur hindurch will streifen,

lasse ja den Blick nicht schweifen;

— aus Edgar Allan Poe Traumland (übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger)

1. Erstkontakt

Zum ersten Mal las ich dieses Jahr von der Leipziger Buchmesse, als ich mal wieder in irgendeinem Zug saß. Ich kann nicht mehr sagen, ob es Kinder, Erwachsene oder ein Rentner-Kegelverein war, der mich von der vorgenommenen Buchlektüre abhielt, jedenfalls blätterte ich lustlos im Bahnmagazin, Ausgabe 02.15, und fand unter der mittlerweile reichlich strapazierten Heine-Überschriftvariation »Deutschland, ein Messe-Märchen« heraus, dass in Deutschland dieses Jahr 447 Messen stattfänden. Außerdem, dass die Messe in Leipzig, die »Mutter aller Messen«, vor 850 Jahren aus einem von der Stadt vor Konkurrenz geschützten Wochenmarkt entstand. Spannend das alles, ich las also weiter: »Die Manga-Comic-Convention in Leipzig kümmert sich um Literatur, die zeichnerisch und im Japan-Youngster-Look ihre Geschichten erzählt. Vom 12. bis 15. März, während nebenan die klassische Frühjahrs-Buchmesse abgehal…« Moment. So ist das also, wusst ich gar nicht, dass die Buchmesse mittlerweile bloß noch Anhängsel der Manga-Convention ist. Na gut, wird wohl so sein, wenns da so steht. In der Wochenendausgabe vom 7./8. März der Süddeutschen schreibt Michael Krüger, 71, von 1986 bis 2013 Chef des Hanser-Verlages und Mitherausgeber der Edition Lyrik Kabinett, »wo früher der Anblick des Minirocks über den sächsischen Schenkeln die Schikanen des Staatsapparats vergessen ließ, ist man heute mit Manga-Kostümen konfrontiert, die jedes noch so schöne Antlitz verhässlichen. Warum diese sonderbaren Gespenster sich ausgerechnet die Buchmesse für ihre sinistren tableaux vivants ausgesucht haben, kann keiner erklären.« Wobei ich das Problem nicht ganz verstehe, ob Minirock oder Sailor Moon-Kostüm die Blöße nur wenig bedecken, ist dem Auge letztlich doch egal. Vielleicht könnte er mal beim Bahnmagazin nachfragen, die scheinen den Durchblick zu haben.