Crime-Time im Kinosessel

von Dominik Achtermeier (27. Dezember 2017)

 

 

Gleich von der ersten Minute an bin ich fasziniert von den Bildern, die sich mir als gespannter Zuschauer präsentieren. Mord im Orient-Express, einer der wohl bekanntesten Titel der Kriminalliteratur von der Königin des Genres höchstpersönlich: Agatha Christie. Und als großer Christie-Fan und in die Geschichte Eingeweihter bin ich bereit, in der wohl nobelsten Dampflock der Welt einer illustren Runde auf den Zahn zu fühlen.

Jerusalem 1933 – Der Vorspann

Hercule Poirot ist nicht nur ein charmanter Belgier, sondern auch abwägender Richter und genau-beobachtender Detektiv. Vor der geschichtsträchtigen Klagemauer und den Augen der einheimischen Bevölkerung stellt er sein Geschick in der detektivischen Aufklärungsarbeit unter Beweis und nimmt den Zuschauer bereits hier mit auf die Aufklärungsreise eines Verbrechens. Diesen Vorspann braucht Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh, um seine Hauptfigur vorzustellen und orientalische Funken zu versprühen, die auch im anschließenden Istanbul-Panorama nochmals auffunkeln und spätestens in diesem Moment ein Abenteuer für die Augen sind. Mit der Abfahrt des Zugs verlässt der Film aber diese äußere Idylle und wird klaustrophobischer.

Götter sind out

von Lucie Homann (9. Juli 2017)

 

 

 

Google ist schneller um Rat gefragt als ein Priester. Karma lässt sich viel leichter durch die Social-Media-App Jodel als durch gute Taten verdienen und Tieropfer für eine erfolgreiche Ernte erscheinen unnötig, wenn der Kühlschrank überquillt. American Gods postuliert genau diese Art des Konflikts zwischen den archaischen und den modernen Göttern. Während die Götter der alten Welt drohen, vergessen zu werden, erheben sich aus den Stromkabeln die neuen Gottheiten der Technologie, des Fernsehens und der Globalisierung.

»Somewhere in America«

Kein Land eignet sich besser als Schauplatz für den Endkampf der Gottheiten als Nordamerika, das Land der Einwanderer. Das Land, in dem erstmals Götter und Fabelwesen verschiedenster Kulturkreise aufeinandertrafen, geeint nur durch den unbändigen Glauben an den American Dream.

»Denn was ist dies anderes als Verstellung?«

von Svenja Schwentker (21. Januar 2017)

 

 

Jane Austen-Verfilmungen? Das sind aufwendige Kostüme, rauschende Feste des britischen Adels und pompöse Landsitze. Aber auch gewitzte Dialoge, charmante Protagonistinnen und ein ironischer Blick auf die Verflechtungen der höheren Gesellschaft zeichnen die Geschichten der britischen Autorin aus. Mit Lady Susan wurde nun unter dem Titel Love & Friendship eines der frühesten Werke Austens verfilmt.

Lady Susan Vernon (Kate Beckinsale) genießt in den gehobenen Kreisen der britischen Gesellschaft keinen guten Ruf. So schön wie gerissen versteht es die frischgebackene Witwe, Junggesellen und verheirateten Männern gleichermaßen den Kopf zu verdrehen. Nach einem Aufenthalt bei Bekannten in Langford, bei dem sie gleich zwei vergebene Männer aus der Fassung bringt und eine Ehe zerstört, zieht es sie zu ihrem Schwager aufs Land. Hier begegnet sie dem jungen Reginald DeCourcy (Xavier Samuel), der sich, anfangs durch die Erzählungen seiner Schwester von der Lasterhaftigkeit der schönen Frau überzeugt, schnell von ihrem Charme überwältigen lässt. Gleichzeitig plant Lady Susan die vorteilhafte Vermählung ihrer Tochter Frederica (Morfydd Clark) mit dem wohlhabenden aber geistlosen Sir James Martin (Tom Bennett). Doch Frederica sträubt sich gegen die ehrgeizigen Pläne ihrer Mutter und Lady Susans charmante Fassade beginnt zu bröckeln.

Kunterbuntes Parfait

von Marlene Hartmann (16. November 2016)

 

 

Noch eine Coming of Age-Geschichte? Noch ein verwirrter Teenager, der Probleme damit hat, seinen Platz in der Welt und vor allem sich selbst zu finden? Die Mitte der Welt mag auf den ersten Blick vielleicht in das Schema eines schon zur Genüge gesehenen Filmgenres passen, doch die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Andreas Steinhöfel ist dabei so wenig klischeebelastet wie einfühlsam und schafft eine Atmosphäre aus Sommergefühl und Kindheitserinnerungen gepaart mit Familiengeheimnissen und einer Menge Vanilleeis.

Als Phil (Louis Hofmann) von seinem Französisch-Camp zurückkehrt, muss er feststellen, dass nicht nur der Garten seines Zuhauses »Visible« von einem Sturm verwüstet wurde, sondern dazu auch noch die Beziehung zwischen seiner Mutter Glass (Sabine Timoteo) – einer selbsternannten Kämpferin – und seiner Zwillingsschwester Dianne (Ada Philine Stappenbeck) einen schweren Schlag erlitten hat. Was genau zwischen den beiden vorgefallen ist, klärt sich erst im Laufe des Films, genau wie die Frage, ob der geheimnisvolle Neue in der Klasse von Phil und seiner besten Freundin Kat (Svenja Jung) sich als bloßer Blender oder als Phils große Liebe entpuppen wird.

Wenn der Zuschauer zum Richter wird

von Dominik Achtermeier (6. November 2016)

 

 

Als Eventprogrammierung strahlte man die TV-Adaption des Theaterstücks Terror von Ferdinand von Schirach unter dem gleichnamigen Titel samt Zusatz Terror – Ihr Urteil Mitte Oktober gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die Zuschauer waren dazu aufgerufen, während des laufenden Filmes für oder gegen die Verurteilung des Angeklagten intermedial abzustimmen und so über die Schlusssequenz zu entscheiden. Wo das Justizdrama versagte und welche Wirkung es im Vergleich zur Lektüre des Lesedramas entfalten konnte.

Ein herausfordernder Stoff

Es war nun fast ein Jahr her. Ende 2015 las ich Ferdinand von Schirachs Theaterstück Terror erstmalig und war bereits von den Vorankündigungen gespannt wie ein Flitzebogen. Und meine Vorfreude bestätigte sich. Die Lektüre fesselte mich nicht nur und ließ mich das Büchlein gleich im Ganzen verschlingen, sondern stellte mich auch auf die Probe. Es forderte mich heraus, im Rahmen des Gerichtsszenarios Partei zu ergreifen. »Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten?« Noch konkreter: Darf der Bundeswehrpilot Lars Koch ein von einem Terroristen entführtes Flugzeug, in dem sich 164 Menschen befinden, abschießen, um 70 000 Menschen in der vollbesetzten Allianz Arena das Leben zu retten? Ganz konkret: Kann ich Lars Koch für seine eigenmächtig ausgeführte Heldentat als unschuldig befinden oder sehe ich einem Familienvater in die Augen, der in 164 Fällen Mord begangen hat und dafür lebenslänglich verurteilt werden muss?