Bester Sommer von allen

von Lisa Strauß (5. November 2016)

 

 

Wenn es mal nicht so läuft? Einfach mit einem »geliehenen« Lada losfahren und gucken, was sich ergibt! Fatih Akins Verfilmung von Tschick bringt das Sommerferiengefühl, das Wolfgang Herrndorfs Roman ausmacht, auf die Kinoleinwand.

Maik Klingenberg alias Psycho ist 14 und wird von keinem in der Klasse ernstgenommen. Für seine Angebetete ist er Luft, die Mutter ist mal wieder in einer Entzugsklinik und der Vater mit einer Geliebten auf Geschäftsreise. Nichts ist so, wie es sein sollte, bis ein Neuer in die Klasse kommt –  Andrej Tschichatschow, den alle nur Tschick nennen. Nach anfänglicher Skepsis finden die beiden einen Draht zueinander und erleben gemeinsam einen unvergesslichen Roadtrip.

Der Film beginnt blutig – und dort, wo die Reise der beiden Protagonisten im Roman endet. Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg) sind auf der Autobahn mit dem Lada in einen Schweinetransporter gerast. Von dort erzählt Maik seine Geschichte: verkorkstes Elternhaus, Außenseiterdasein, einseitige Verliebtheit zu Tatjana Cosic und dem daraus resultierenden Sommererlebnis mit Tschick, der Maik davon überzeugt, einfach in die Walachei zu fahren.

Hineingeworfen in das Erlebte, hat man von Anfang an das Tschick-Gefühl: Man ist mittendrin, wenn die beiden zu Ballade pour Adeline von Richard Clayderman durch ein Maisfeld brettern und dabei versuchen ihre Namen zu fahren, wenn Tschick versucht älter auszusehen, was Maik mit »Du siehst aus wie ein Vierzehnjähriger mit Isolierband in der Fresse« kommentiert oder wenn die beiden auf die glorreiche Idee kommen, Tiefkühlpizzen mit dem Feuerzeug in einen essbaren Zustand zu versetzen.

Maik und Tschick treffen während ihrer Reise auf einige verschrobene, aber auf ihre Art liebenswerte Gestalten, wie eine Gruppe ungewöhnlich gekleideter Radfahrer, die sich »Adel auf dem Radel« nennen. So bizarr die Begegnungen sind, sie vermitteln immer etwas Freundliches.  Ohne kitschig zu sein, verkörpert der Film Zusammenhalt und Selbstverständlichkeit inmitten von Zweifel und Selbstsuche. Auch das Zusammentreffen mit einem Mädchen namens Isa (Nicole Mercedes Müller) hat diesen Unterton – erst beschimpfen sich die drei aufs Derbste, dann begleitet Isa die beiden ein Stück. In diesen Szenen liegt sehr viel Zwischenmenschliches, was Anand Batbileg, Tristan Göbel und Nicole Mercedes Müller großartig umsetzen. Das, was der Roman beschreibt, ist etwas, das nur Jugendliche auf diese Weise erleben, und diese Coming-of-Age-Geschichte zeichnet der Film wunderbar nach, ohne ein bloßer Abklatsch zu sein. Unterstrichen wird das durch den Soundtrack, mit Songs von K.I.Z., den Beginnern oder Bilderbuch. Tschick ist ein Film für alle, die sich für 94 Minuten in der perfekten Mischung aus laut und leise verlieren wollen.

Die Reise ins Überall und Nirgendwo wurde von Fatih Akin sehr bildgewaltig gestaltet, dabei kommt zum Ausdruck, was auch den Roman Herrndorfs einzigartig macht. Der Film zeigt die Suche nach dem eigenen Selbst und vereint dabei Witz, Melancholie und Brutalität zu einem Gesamtkunstwerk – um es mit den Worten von Tschick zu sagen: Superbonfortionös!

 

Tschick [2016]
Regisseur: Fatih Akin
Mit: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller
FSK 12

Weitere Vorstellungen im Odeon: 28., 29. und 30. November
Beginn: 16.30 Uhr