Wenn der Zuschauer zum Richter wird

von Dominik Achtermeier (6. November 2016)

 

 

Als Eventprogrammierung strahlte man die TV-Adaption des Theaterstücks Terror von Ferdinand von Schirach unter dem gleichnamigen Titel samt Zusatz Terror – Ihr Urteil Mitte Oktober gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die Zuschauer waren dazu aufgerufen, während des laufenden Filmes für oder gegen die Verurteilung des Angeklagten intermedial abzustimmen und so über die Schlusssequenz zu entscheiden. Wo das Justizdrama versagte und welche Wirkung es im Vergleich zur Lektüre des Lesedramas entfalten konnte.

Ein herausfordernder Stoff

Es war nun fast ein Jahr her. Ende 2015 las ich Ferdinand von Schirachs Theaterstück Terror erstmalig und war bereits von den Vorankündigungen gespannt wie ein Flitzebogen. Und meine Vorfreude bestätigte sich. Die Lektüre fesselte mich nicht nur und ließ mich das Büchlein gleich im Ganzen verschlingen, sondern stellte mich auch auf die Probe. Es forderte mich heraus, im Rahmen des Gerichtsszenarios Partei zu ergreifen. »Dürfen wir Unschuldige töten, um andere Unschuldige zu retten?« Noch konkreter: Darf der Bundeswehrpilot Lars Koch ein von einem Terroristen entführtes Flugzeug, in dem sich 164 Menschen befinden, abschießen, um 70 000 Menschen in der vollbesetzten Allianz Arena das Leben zu retten? Ganz konkret: Kann ich Lars Koch für seine eigenmächtig ausgeführte Heldentat als unschuldig befinden oder sehe ich einem Familienvater in die Augen, der in 164 Fällen Mord begangen hat und dafür lebenslänglich verurteilt werden muss?

»Wir sind es dem Angeklagten und den Opfern schuldig, genauer darüber nachzudenken.«

Sich eine Meinung zu bilden, war schließlich doch kein so leichtes Unterfangen. Ob ich nun mehr der Argumentationskette des Verteidigers oder der Staatsanwältin nachhing, oder wie ich die Aussagen des Beschuldigten Majors, der Frau eines getöteten Passagiers der Lufthansa Maschine oder dem Oberstleutnant der Bundeswehr bewertete. Letzten Endes entschied ich mich nach langem Hadern. Schuldig? Nein, unschuldig. Am Ende las ich beide Urteile und legte die Lektüre beiseite, auch wenn mich und mein Gewissen der Stoff lange noch beschäftigte.

Mein Interesse wurde gleich geweckt, als ich von der TV-Ausstrahlung, die mich zur erneuten Auseinandersetzung mit dem mir bekannten Fall einlud, erfuhr. Große, gefeierte Namen der deutschen Schauspielriege wurden für die Rollen besetzt: Burghart Klaußner als vorsitzender Richter, Florian David Fitz als Angeklagter Lars Koch, Martina Gedeck als Staatsanwältin Nelson, Lars Eidinger als Verteidiger Biegler. Von diesen Vieren gehen aber nur Klaußner und Gedeck in ihren Rollen richtig auf und schaffen es, mich als Zuschauer zu überzeugen. Weder Florian David Fitz, dem ich in der Verkörperung des Protagonisten einen dramatisch-tieferen Spielgeist zugetraut hätte, noch Eidinger, der sich auf den Theaterbühnen des Landes bislang stets besser verkaufen konnte als in dieser Fernsehproduktion, wo er keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, überzeugten so recht. Vielleicht gerade deshalb, weil ein dramatischer Stoff eben ins Theater gehört und dort seine besondere Präsenz – in diesem speziellen Fall von Ferdinand von Schirach angelegt auf ein konsequentes Zusammenspiel und die direkte Bezugnahme jedes Einzelnen im Publikum – entfalten und ausleben kann.

Meine Erinnerungen und Lesevorstellungen bekamen nun ein modernes, beton-architektonisches Setting vorgesetzt und ließen mich über die Richterbank hinaus durch eine Glasfront auf ein staatstragendes Gebäude samt Deutschlandflagge – dem Plot nach in Berlin – blicken. Der Raum wirkte geometrisch, quadratisch und dann wieder eng und eingeschlossen, jedoch bei Weitem eben nicht so, wie man sich ein ehrwürdiges Gericht auf Anhieb vorstellen mag. Und trotzdem gelang es dem Film doch noch, wenigstens eine vorgetäuschte Kammerspiel-Stimmung zu vermitteln, die mich vom Drumherum auf den im Zentrum stehenden verhandelten Fall zurücklenkte.

Wenig Gold, was glänzt

Hervorragend die Eingangsinszenierung des Richters (B. Klaußner), der durch seinen Blick in die Kamera in die Aufgabe des Zuschauers als Schöffe hineinführte, bevor der Ablauf der Verhandlung ins Rollen gebracht wurde und sein Spiel vorhersehbar dahinplätscherte. Anders als bei der Lektüre schaffte es Staatsanwältin Nelson (M. Gedeck), mich mehr und mehr von ihren Positionen – sie argumentiert ja schließlich für die Verurteilung des Angeklagten – überzeugen zu lassen. Ihren eingeschränkten Spielraum, saß sie doch konsequent an ihrem vorgeschriebenen Platz, so wie eben alles im Gericht an Ordnungen gebunden ist, füllte sie durch ein von Mimik getragenes Spiel, das dem Zuschauer intime Einblicke in innere Vorgänge ermöglichte. Überwältigend auch der Auftritt von Nebenklägerin Frau Meiser (Jördis Triebel), die ihr Schicksal so drastisch-persönlich, überaus realistisch schilderte. Unrealistisch dargestellt hingegen die Reaktion des Angeklagten (Florian David Fitz), als er gefragt wird, ob er das Flugzeug auch dann noch abgeschossen hätte, wenn die eigene Frau und das Kind im Passagierraum gesessen hätten. Er hadert mit sich, blickt zu seiner Frau, blickt ins Leere und kann die Frage nicht beantworten. Ein Bruch in der Persönlichkeit der Figur, die sonst so stark hinter ihren Grundsätzen und Überzeugungen für die Tat steht. Schade nur, dass er sich vor der Antwort flüchten kann, wir Zuschauer können es nicht und sind laut Inszenierungsidee letztlich verpflichtet, ja oder nein zu sagen.

Am Ende wollte auch ich mich an der Online-Abstimmung beteiligen, doch die Seite war zusammengebrochen. Da fährt man alles auf, setzt anschließende Sondersendungen zum Thema ins Programm und schafft es 2016 nicht, eine stabile, jedermann zugängliche Plattform aufzubauen und zugreifbar zu machen? Nach 600 000 Klicks war der Stimmapparat zusammengebrochen. Das Urteil fiel für den Angeklagten milde aus, indem er von drei Fernsehnationen freigesprochen wurde. Ein TV-Experiment, welches vielleicht nicht so ganz aufging wie gedacht, aber zum Nach- und Weiterdenken genauso anregt wie die Lektüre oder der Theaterbesuch. Am Ende hat jeder einzelne die Wahl, welches Terror-Format ihm besser schmeckt, dem Urteil kann er sich jedoch nicht entziehen.

 

Terror [2016]
Regisseur: Lars Kraume
Mit: Burghart Klaußner, Florian David Fitz, Martina Gedeck, Lars Eidinger, u.a.
FSK 6

Die DVD ist seit dem 20. Oktober 2016 im Handel erhältlich. Auch Streamingdienste wie Amazon-Video bieten den Film zum Leihen und Kaufen an. Eine Taschenbuchfassung ist im September 2016 im btb Verlag erschienen.