Kunterbuntes Parfait

von Marlene Hartmann (16. November 2016)

 

 

Noch eine Coming of Age-Geschichte? Noch ein verwirrter Teenager, der Probleme damit hat, seinen Platz in der Welt und vor allem sich selbst zu finden? Die Mitte der Welt mag auf den ersten Blick vielleicht in das Schema eines schon zur Genüge gesehenen Filmgenres passen, doch die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Andreas Steinhöfel ist dabei so wenig klischeebelastet wie einfühlsam und schafft eine Atmosphäre aus Sommergefühl und Kindheitserinnerungen gepaart mit Familiengeheimnissen und einer Menge Vanilleeis.

Als Phil (Louis Hofmann) von seinem Französisch-Camp zurückkehrt, muss er feststellen, dass nicht nur der Garten seines Zuhauses »Visible« von einem Sturm verwüstet wurde, sondern dazu auch noch die Beziehung zwischen seiner Mutter Glass (Sabine Timoteo) – einer selbsternannten Kämpferin – und seiner Zwillingsschwester Dianne (Ada Philine Stappenbeck) einen schweren Schlag erlitten hat. Was genau zwischen den beiden vorgefallen ist, klärt sich erst im Laufe des Films, genau wie die Frage, ob der geheimnisvolle Neue in der Klasse von Phil und seiner besten Freundin Kat (Svenja Jung) sich als bloßer Blender oder als Phils große Liebe entpuppen wird.

Was mit Szenen von durch eine Blumenwiese rennenden Kindern beginnt, wechselt von kurzatmigen Collagen über ausgiebige Rückblenden bis hin zu faszinierenden Slow-Motion-Aufnahmen und kann dabei auch die intimsten Momente einfangen, ohne voyeuristisch daherzukommen. Jakob M. Erwa inszeniert Die Mitte der Welt in einem ganz eigenen Look aus farbenfroher Szenerie, wunderbar leichtem Soundtrack und Momenten zwischen Finsternis und Sommer. Es wird schnell klar, dass man sich mit der Atmosphäre im Film von jener der Romanvorlage distanziert hat, um dem emotional schweren Stoff eine gewisse Leichtigkeit zu geben – eine berechtigte Entscheidung, um sich von allzu pathetischen Untertönen fernzuhalten. Wo der Roman seinen Charme und seine Einfühlsamkeit noch in ausschweifenden Gedankengängen und reflektierenden Erinnerungen schafft, tragen im Film die Hauptdarsteller diese Aufgabe. Einzig die immer wiederkehrenden Rückblenden, die Konflikte und Szenen der Gegenwart erst ihre Tragweite geben, sind geblieben.

Während Louis Hofmann in der Rolle des Protagonisten faszinierend überzeugen kann und auch die drei weiblichen Hauptrollen ihre komplexen Figuren einnehmend verkörpern, kann Nicholas – gespielt von Jannik Schümann – seinem Ruf als mysteriöser Neuer nicht wirklich gerecht werden. Es ist ein schwieriges Unterfangen, eine Figur, die nur von den Projektionen des Protagonisten lebt, auch für den Zuschauer als ein solches Faszinosum erscheinen zu lassen. Den magischen Moment der ersten Begegnung konnte der Film leider auch nicht als solchen einfangen, wirkte er doch durch die stereotype Zeitlupenaufnahme inklusive rosaroter Filterfärbung und einem riesigen »YES«, welches als T-Shirt-Aufdruck dem Zuschauer direkt ins Auge springt, überladen, fast schon parodistisch. Überhaupt sind sie auffallend: die wenigen Störmomente, in denen alles etwas »too much« ist, eine Gratwanderung zwischen Kitsch und Ironie. Dennoch können sie das Gesamtwerk nicht trüben, das doch von der Dynamik zwischen den Figuren lebt, die im einen Moment zueinander finden, um sich im nächsten wieder zu distanzieren.

Zwischen eindrucksvoll außergewöhnlichen Figuren wie der freiheitsliebenden Glass, die doch auch ihre verletzliche Seite nicht immer verbergen kann, der beinahe wunderlichen Dianne, die sich immer mehr zurückzuziehen scheint, und der aufgedrehten Kat stolpert Phil zeitweise wirklich wie ein »unbeteiligter Zuschauer« durch sein Leben. Man kann sich seiner emotionalen Entwicklung nicht entziehen, kann nur mitfühlen, wenn er schmerzvolle Entscheidungen treffen und bedeutungsschwere Entdeckungen machen muss. Zwar mussten einige Erzählstränge aus der Buchvorlage weichen, dennoch kann die Geschichte ihre beeindruckende Landschaft des Zwischenmenschlichen auf faszinierende Weise entfalten.

Die Mitte der Welt zeigt einmal mehr, dass eine Buchverfilmung kein bloßer Abklatsch der Vorlage sein muss, sondern sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie eine eigene Dynamik entwickelt, um den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Es ist eine Geschichte von Familie und Freundschaft, zwischen bunten Streuseln und Tränen, die nicht nur mit wunderschönen Bildern, sondern auch mit dem gewissen Fünkchen Magie im Kopf bleibt.


Die Mitte der Welt [2016]
Regisseur: Jakob M. Erwa
Mit: Louis Hofmann, Jannik Schümann, Sabine Timoteo, Svenja Jung, Ada Philine StappelbeckFSK 12

nach dem Roman Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel
Die Filmausgabe ist im Carlsen Verlag für 9,99€ erhältlich.