Götter sind out

von Lucie Homann (9. Juli 2017)

 

 

 

Google ist schneller um Rat gefragt als ein Priester. Karma lässt sich viel leichter durch die Social-Media-App Jodel als durch gute Taten verdienen und Tieropfer für eine erfolgreiche Ernte erscheinen unnötig, wenn der Kühlschrank überquillt. American Gods postuliert genau diese Art des Konflikts zwischen den archaischen und den modernen Göttern. Während die Götter der alten Welt drohen, vergessen zu werden, erheben sich aus den Stromkabeln die neuen Gottheiten der Technologie, des Fernsehens und der Globalisierung.

»Somewhere in America«

Kein Land eignet sich besser als Schauplatz für den Endkampf der Gottheiten als Nordamerika, das Land der Einwanderer. Das Land, in dem erstmals Götter und Fabelwesen verschiedenster Kulturkreise aufeinandertrafen, geeint nur durch den unbändigen Glauben an den American Dream.

Von alledem ahnt der Protagonist und frisch aus der Haft entlassene Shadow Moon (Ricky Whittle) jedoch nichts, als er das weite Land auf dem Weg zur Beerdigung seiner Ehefrau durchquert. Dort begegnet er auch dem geheimnisvollen Mr. Wednesday (Ian McShane), der Shadow als Bodyguard anheuert. Wie die Etymologie seines Namens bereits andeutet, handelt es sich bei dem zwielichtigen Trickbetrüger um niemand geringeren als den Allvater Odin höchstpersönlich. Er will sich dem Streben der neuen Götter nicht unterwerfen und streift nun durch das Land, von Gottheit zu Gottheit, um das zu schaffen, woran der Schmelztiegel Amerika seit der Staatsgründung scheitert: sich im Kampf zu vereinen.

Wie bereits Neil Gaimans Romanvorlage von 2001 schickt die Serie den Zuschauer auf einen mythologischen Road Trip durch die Geschichte der Immigration in Nordamerika. Gerade wegen des bizarren und schwer greifbaren Handlungsverlaufes legt Showrunner Bryan Fuller sehr großen Wert auf eine klare zeitliche und räumliche Verankerung. So muss zum Beispiel Bilquis, die Königin von Saba, in einer Liveübertragung mitansehen, wie ihr antiker Tempel im Jemen durch den IS zerstört wird, während der römische Feuergott Vulcanus sich die Waffenvernarrtheit der Amerikaner zu Nutze gemacht hat und jede Schießerei in einem Kino als ein Gebet in seinem Namen ansieht.

»America is the only country in the world that worries about what it is.«

Neben dem aktualitätsbezogenen Haupterzählstrang um Shadow und Mr. Wednesday nimmt sich die Serie sehr viel Zeit, die Umstände der Einwanderer Amerikas zu erzählen. Von den ersten Wikingern, die lange vor Columbus’ Entdeckung 1492 bereits an den Küsten Nordamerikas landeten, bis hin zu den Mexikanern, die noch heute verzweifelt versuchen, die Grenze illegal zu überqueren. Sie alle träumten von einem besseren Leben, doch John Winthrops Versprechen der »City Upon a Hill« ist längst zum Alptraum geworden.

Die Serie sucht gar nicht erst nach einer gleichgeschalteten Identität des zerrissenen Landes, sondern beleuchtet vielmehr die Gemeinsamkeiten in den Unterschieden. »Everyone looks at Lady Liberty and sees a different face, even if it crumbles under question«, erklärt Wednesday. »People will defend the warm, safe feeling their America gives them.«

American Gods schafft durch die groteske Gegenüberstellung von tiefgehenden Dialogen und karnevalesken Blutfontänen nachdenkliche Momente, die sich durch ihre Absurdität ins Bewusstsein bohren. Jede warme menschliche Interaktion, jeder göttliche Ort wird entheiligt. Salim legt seinen kleinen Teppich fünf Mal am Tag für das Gebet in den Dreck des Straßenrandes, während die Kamera den Leprechaun beim Pinkeln filmt. Ein anderes Mal wird Shadows Trauer am offenen Sarg seiner Frau durch die Worte »she died with my husband's cock in her mouth« entwürdigt. Das Göttliche ist banal geworden. Einstige Gottheiten leben in Plattenbauten und Motels – an heruntergekommenen Übergangsorten, die eines ganz deutlich zeigen: Amerika ist kein Zufluchtsort. Wie auch, wenn das erhoffte Neue Jerusalem auf den Knochen der Unterdrückten und Versklavten erbaut wurde.

American Gods ist keine Serie für jedermann. Sie beschreibt ein zerrissenes Amerika in der Identitätskrise. Gewaltexzesse und Fäkalsprache erinnern nur auf den ersten Blick an Serien wie Game of Thrones oder The Walking Dead. In American Gods kreiert Fuller eine Gewaltdarstellung, die in ihrer Übertreibung künstlerisch wirkt. Das Abtrennen und Herumwirbeln von Gliedmaßen im Einklang mit der Musik zeigt eine Ästhetisierung von Gewalt, die wir bereits aus Fullers früherem Werk, der hochgepriesenen TV Serie Hannibal, kennen. American Gods ist eine brillant inszenierte Serie, die vor allem von der Ernsthaftigkeit der Darsteller inmitten der grotesken Bildgewalt lebt.

Die acht Folgen der ersten Staffel sind auf Amazon Prime erhältlich, eine zweite Staffel ist bereits in Planung.

 

American Gods [2017]
Idee: Bryan Fuller, Michael Green
Mit: Ricky Whittle, Ian McShane, u. a.