Crime-Time im Kinosessel

von Dominik Achtermeier (27. Dezember 2017)

 

 

Gleich von der ersten Minute an bin ich fasziniert von den Bildern, die sich mir als gespannter Zuschauer präsentieren. Mord im Orient-Express, einer der wohl bekanntesten Titel der Kriminalliteratur von der Königin des Genres höchstpersönlich: Agatha Christie. Und als großer Christie-Fan und in die Geschichte Eingeweihter bin ich bereit, in der wohl nobelsten Dampflock der Welt einer illustren Runde auf den Zahn zu fühlen.

Jerusalem 1933 – Der Vorspann

Hercule Poirot ist nicht nur ein charmanter Belgier, sondern auch abwägender Richter und genau-beobachtender Detektiv. Vor der geschichtsträchtigen Klagemauer und den Augen der einheimischen Bevölkerung stellt er sein Geschick in der detektivischen Aufklärungsarbeit unter Beweis und nimmt den Zuschauer bereits hier mit auf die Aufklärungsreise eines Verbrechens. Diesen Vorspann braucht Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh, um seine Hauptfigur vorzustellen und orientalische Funken zu versprühen, die auch im anschließenden Istanbul-Panorama nochmals auffunkeln und spätestens in diesem Moment ein Abenteuer für die Augen sind. Mit der Abfahrt des Zugs verlässt der Film aber diese äußere Idylle und wird klaustrophobischer.

In der Enge des Schlafabteils

Im Zug funkeln nur noch die Colliers von Prinzessin Natalia Dragomiroff (unverwechselbar von Dame Judi Dench gespielt, die mich trotz Maskerade heute mehr denn je an ihre Rolle als M in den James-Bond-Filmen erinnert) oder die Kleider der Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer, die nach längerer Abstinenz von der Leinwand ein großartiges Comeback feiert). Der pompös im Stil der 20er Jahre ausgestattete Innenraum wirkt, trotz seiner Großzügigkeiten, eng und gedrungen. Es gibt kein Entkommen von den musternden Blicken der Passagiere. Der dilettantische Kunsthändler Edward Ratchett (Johnny Depp, so wie ich ihn mag, nicht zu überheblich und hinter einer dicken Maske versteckt) vereint dieses negativ-beklemmende Gefühl, welches sich im Essenswagen des Orients-Expresses breitmacht. Noch zugespitzter geht es im Schlafabteil zu. Hier konzentriert man sich auf das Nötigste. Kleine Zellen sind es, die die Luxusklasse vergessen mögen. Geradezu ideal für das Katz-und-Maus-Spiel, welches sich zu nachtschlafender Zeit ereignet.

Jeder hat ein Motiv

Mit Inbrunst erdolcht liegt der ermordete Ratchett auf dem Bett, als eine Lawine den Zug entgleisen lässt und Poirot Zeit verschafft, die Ermittlungen aufzunehmen. Wie auf Da Vincis Letzten Abendmahl sitzen die potenziellen Täter an einer langen Tafel, die man in der Tunneleinfahrt, vor der sich das Zugunglück ereignet hat, aufgebaut hat. Ein eindrückliches Setting für das, was der Christie-Liebhaber schlichtweg ‚den Moment‘ nennt. Poirot zieht seine Schlüsse vor den Augen der Versammelten. Als Detektiv kombiniert und konstruiert er Motiv und Tat. Ein munterer Rätselspaß, doch sein Vortrag wirkt zu inszeniert, reißt mich nicht aus dem Kinosessel und lässt mich nicht im Netz der Spannung hängen bleiben.

Die Figur Poirots ist nicht schlecht, keine Frage, nur muss man sich von den während der Lektüre gewonnenen Bildern teilweise verabschieden. Nebenbei geistert mir der Schauspieler David Suchet, der den Detektiv von 1989 bis 2013 in der britischen Serie Agatha Christie’s Poirot verkörperte durch den Kopf, mit dem Kenneth Branagh so gar nichts gemein haben will, noch nicht mal den Schnurrbart, das poirot‘sche Erkennungszeichen schlechthin. Dennoch bin ich geflasht, als der Titelabspann über die Leinwand zieht. Mehr noch: ich habe Lust auf mehr von dem, was ich gerade 114 Minuten lang konsumiert habe. Und das Ende ist vielversprechend: Poirot wird zum nächsten Fall in Ägypten gerufen. Da kommt mir der Tod auf dem Nil nur recht!

 

Agatha Christie
Mord im Orientexpress
Die Romanvorlage zum Kinofilm von Twentieth Century Fox
Atlantik 2017
255 Seiten
10 Euro