Alles neu und gar nichts anders

von Florian Grobbel (15. Oktober 2018)


       

Es wurde mal wieder Zeit. Einer der populärsten Stoffe der Kinderliteratur bekam seine Neuverfilmung. Besonders die Bücher Erich Kästners scheinen einen ganz besonderen Reiz für stetig neue Filme zu haben. Jeder seiner bekannten Kinderromane wurde mittlerweile mindestens zwei Mal verfilmt. Nach dem ersten Kinoerfolg aus dem Jahr 1950, einer sehr kitschigen 90er-Version und vielen mehr oder weniger geglückten US-Adaptionen, wurde im vergangenen Jahr Das doppelte Lottchen für den SWR wieder einmal neu produziert.

Dass sogar Disney einen seiner Filme der Verwechslungsgeschichte widmete, zeugt von der Genialität und Einfachheit des Stoffes. In einem Feriencamp laufen sich aus Zufall zwei Mädchen über den Weg, die sich bis aufs Haar gleichen. Lotte und Luise finden schnell heraus, dass sie Zwillinge sind und als Kleinkinder getrennt wurden. Luise lebt bei ihrem Vater – im Falle der Neuverfilmung in Salzburg – Lotte bleibt bei ihrer Mutter in Frankfurt. Sie entschließen sich, die Rollen zu tauschen und ihr jeweils anderes Elternteil kennenzulernen. Nach einigen Katastrophen, die das Leben des Anderen mit sich bringt, klärt sich die Verlade auf und die geschiedenen Eltern kommen wieder zusammen.

Die Gefahr der Gegenwart

Romanverfilmungen haben es generell nie leicht. Neuverfilmungen schon gar nicht und handelt es sich um einen Kinderklassiker, zu dem viele eine emotionale Bindung aufgebaut haben, kann man es eigentlich gleich vergessen. Und somit wird Lancelot von Nasos Inszenierung oft sofort verurteil und als unstimmig bewertet. Ein großer Fehler.

Der Regisseur scheut sich nicht davor, die Geschichte ohne Kompromisse im 21. Jahrhundert spielen zu lassen. So verbringen die Zwillinge ihre Ferien nicht im Mädchenheim, sondern in einem coolen Camp am Wolfgangsee mit Surfen und Badminton. Der Vater der beiden Mädchen ist ein beliebter Popmusiker, der sein halbes Leben durch Afrika gereist ist und nun in Salzburg Hänsel und Gretel modern inszenieren soll. Und natürlich besitzen Luise und Lotte ein Smartphone, was vielleicht der größte Kritikpunkt einiger Miesmacher des Films sein dürfte – nicht zuletzt, da die beiden gefühlt die Hälfte des Filmes darauf rumtippen, um sich auf dem neuesten Stand zu halten. Stören tut das gar nicht. Vielmehr ist es eine logische Schlussfolgerung, die in einer modernen Inszenierung nicht fehlen darf. Nur wenige Ausnahmen lassen den Gedanken erwecken, dass es ein bisschen zu viel des Modernen ist, wenn beispielsweise ein völlig unbedeutender Koch mit lila Punk-Frisur auftaucht, bloß um noch einmal den modernen Touch klarzustellen.

Alle Achtung!

Die meisten Schlüsselszenen der Geschichte funktionieren ohne Makel. Die Erkenntnis der Schwestern, dass es sich ihnen um Zwillinge handelt, kommt ziemlich schnell und unüberrascht, wird im Buch aber genauso zügig abgehakt. Dafür wirkt der zentrale Handlungspunkt, als die Mädchen völlig gleichaussehend und Hand in Hand die lange Treppe des Ferienhorts herunterstolzieren, um ihre Freunde auf die Probe zu stellen, wirklich gut. Das breite Grinsen von Luise und Lotte überträgt sich sofort auf den Zuschauer.

Allgemein ist der Look des Films einfach großartig. Sowohl die Drehorte am Wolfgangsee, in Frankfurt und Salzburg sind weise gewählt und bieten eine tolle Grundlage für die Entfaltung der Geschichte und auch die Kostüme spiegeln Lottes Anstand und Introvertiertheit genauso gut dar wie das Wilde und Ausgelassene von Luise.

Wo wir gerade dabei sind, kommen wir doch zu den Schauspielerinnen der Zwillinge: Alle Achtung, spielen die gut! Die Schwestern Delphine und Mia Lohmann geben mit Das doppelte Lottchen ihr Filmdebüt. Ob große Wiedersehensfreude, Ärger oder Trauer über die neue Beziehung des Vaters. In jeder Szene vermitteln die Mädchen exakt das Richtige. Da keine der beiden je eine Schauspielausbildung hatte, wirkt es so, als ob sie einfach natürlich wissen, was sie durch Sprache, Mimik und Gestik darstellen müssen. Aus Interviews lässt sich erahnen, dass es wohl nicht immer einfach war, mit den quirligen Mädels zu drehen, doch das Endergebnis zeugt nur davon, dass Regisseur Lancelot von Naso genau das richtige Händchen für die Kinder hatte. Aber natürlich auch die erwachsenen Schauspieler, allen voran Alwara Höfels und Florian Stetter, zeigen, dass sie auch neben Kindern großartig spielen können und Mina Tander als neue Verehrerin des Vaters wird ohne viel Spielzeit als perfekte grässliche Hexe dargestellt, die man einfach nur hassen kann.

All das zusammen erschafft einen wunderbaren Familienfilm, der völlig ohne platten oder peinlichen Humor auskommt, welcher sich mittlerweile in so vielen Kinderproduktionen eingenistet hat. Der Fernsehfilm bleibt sehr stark an der Romanvorlage und weicht nie so stark ab, wie beispielsweise die Verfilmung von Das fliegende Klassenzimmer von 2003. Dieser jedoch hat mittlerweile eine Art Kultstatus erreicht. Es ist zu hoffen, dass dies auch irgendwann für Das doppelte Lottchen aus dem Jahr 2017 gilt.

Übrigens: Bis zum 2. November 2018 steht der Film kostenlos und in voller Länge auf dem YouTube-Kanal von „SWR Kindernetz“ zum Anschauen bereit.