»Willkommen in der Stadt der Sünde«

von Lucie Homann (18. Februar 2019)

Babylon Berlin - Staffel 1 - Alle Staffeln im Stream ...


Berlin, 1929. Kommissar Gereon Rath wird aus Köln mitten in die Reichshauptstadt versetzt. Doch die Fassade der »Goldenen Zwanziger« beginnt zu bröckeln und bald findet er sich in einem Sündenpfuhl aus Korruption, organisiertem Verbrechen und aufkeimendem Nationalsozialismus wieder. Noch ahnt niemand, wie nah die junge Weimarer Republik bereits am Abgrund steht.

Lange Zeit hieß es, Deutschland könne keine international erfolgreichen Serien produzieren. Nach dem deutschen Netflix-Hit Dark gibt es mit Babylon Berlin, einem 40-Millionen-Euro-Projekt, einen weiteren schlagenden Gegenbeweis. Die Serie wurde bereits in über 90 Länder verkauft, zudem sicherte sich laut The Hollywood Reporter Netflix bereits die US-Ausstrahlungsrechte. Babylon Berlin, das auf Volker Kutschers Roman Der nasse Fisch basiert, widmet sich einem der verruchtesten und gleichsam sehnsuchtsvollsten Jahrzehnte der deutschen Geschichte; den 1920ern. Die Kamera zieht den Zuschauer in die opulent inszenierte Vergangenheit Berlins: von den Straßen, auf denen sich die preußische Polizei und  kommunistische Demonstranten gegenseitig bekämpfen, durch die verfallenen Hinterhöfe, hinein in die Nachtclubs, wo sich verschwitze Körper dem Charleston hingeben. Ganz nach Döblin erinnert die Metropole an die Hure Babylon aus der Bibel, genannt Mutter der Sünden, die Zuschauer und Figuren gleichsam in einen Rausch versetzt, der kein gutes Ende nehmen wird. 

Dieser Tanz auf dem Vulkan wird besonders einprägsam durch den Auftritt der androgynen Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaitė) im Nachtclub Moka Efti dargestellt. Ihr hypnotischer Gesang Zu Asche, zu Staub erinnert an Hildegard Knef und ihr Erscheinungsbild an einen Mann mit dunklem Schnurrbart, der drei Jahre später die Macht ergreifen wird. Nikoros treibt die Masse in Ektase, wie in Trance bewegt sich der ganze Saal im Gleichschritt zu ihrem Chanson. Auch als Zuschauer kann man sich der Bildgewalt dieser Szene nicht entziehen. Doch plötzlich mutiert die Massenchoreographie zu einer Abfolge militärischer Gesten und dann schnellen im Unisono die rechten Arme in die Luft. So wird einem wieder bewusst, dass nur drei Jahren später die Nationalsozialisten gewaltsam die Kontrolle über Deutschland und später auch über weite Teile Europas erlangten. Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage liegt wie ein Grauschleier omnipräsent über der ganzen Serie.

Trotz beeindruckender Bilder und zum Nachdenken anregender Szenen bleiben die Figuren für den Zuschauer kühl und unnahbar. Ob Kriegsflashbacks oder Interaktion mit einem Freier, die Mimik und Gestik der Protagonisten ändert sich kaum. Sie manövrieren sich mit einer stählernen Fassade durch die Berliner Unterwelt, als könne jede ehrliche Emotion ihren Untergang bedeuten. Dadurch findet der Zuschauer keine wirkliche Identifikationsfigur. Man leidet kaum mit, wenn Rath erneut verprügelt wird oder Charlotte sich prostituieren muss. Auch das Umschiffen der Klischees und Überzeichnungen gelingt Babylon Berlin nicht wirklich. In den grotesk eklig gestalteten Hinterhöfen wird Vieh zerlegt, während sich nebenan die massiv übergewichtige Mutter noch kurz mit einem dreckigen Lappen unter dem Rock wäscht, bevor sie bereit für die vom Freier angebotene Faust ist. Zu den typischen Berliner Floskeln wie »icke« und »kieck ma« sollte man kein Trinkspiel veranstalten und die Frage, ob Armut immer gleich dreckig bedeuten muss, stellt sich in beinahe jeder Szene. Die gelebten Gesichter spielen die Unterweltganoven, die schmierigen Politiker (oder Porno-Regisseure) und jeder, der aussieht wie ein Nationalsozialist, entpuppt sich auch als solcher. 

Babylon Berlin gibt uns Sperma, Blut und jede Menge dreckiger Gesichter. Also jedes Klischee, das man erwartet, wenn es heißt, ein Mann kommt in die »Stadt der Sünde«. Aber nur fast alles, denn tiefe Emotionen und Sinnesfreuden bleiben aus. Doch es ist diese stilistische Kälte, die dem Zuschauer die Möglichkeit gibt wie in einer Petrischale zu beobachten, was zu einem der schlimmsten Genozide in der Menschheitsgeschichte führen konnte. Gerade diese Fragestellung macht die Serie heute aktueller denn je: Vertrauensverlust in die Politik, die Bedrohung der Einheit Europas und der Aufstieg des Rechtspopulismus. Worte, die auch heute wieder Dauerthemen in den Nachrichten sind. So hält Babylon Berlin der Gegenwart einen verschärften Spiegel vor. Die Götterdämmerung steht Gereon Rath unausweichlich bevor. Aber der Zuschauer kann sich nicht auf seiner allwissenden Position ausruhen, denn Babylon Berlin reflektiert fesselnd unsere heutige Zeit und mahnt zur Wachsamkeit. 

Erstausstrahlung: 13. Oktober 2017
Ressigeure: Tom Tykwer, Achim von Borries, Hendrik Handloegten
Mit: Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Peter Kurth, u. a.
FSK 12