Wir - Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr

von Sebastian Meisel (30. Juli 2019)

 

Muss ein Kinobesuch immer ein sinnlicher Genuss sein? Wie weit darf ein Film in der Ästhetisierung der Grausamkeit gehen? Fragen, die sich zwangsläufig nach dem Besuch dieses verstörenden und dennoch faszinierenden Films stellen.

Irgendwo im flämisch-niederländischen Grenzgebiet. Es ist Sommer. Einer dieser scheinbar endlosen Sommer, wenn man jung und verliebt ist. Acht Freunde. Vier Jungs, vier Mädchen und ein verlassener, alter Wohnwagen. Was beginnt wie der Plot einer harmlosen Teenie-Komödie, entwickelt sich im Laufe von fast zwei Stunden zu einem wortwörtlichen Trip in die Hölle, die der Mensch selbst ist.

Der Zuschauer erfährt zu Beginn nicht viel. Der englische Originaltitel verspricht eine Handlung in vier Teilen. Die etwas seltsame Übertragung ins Deutsche, die auf dem gleichnamigen Roman des Flamen Elvis Peeters basiert, hat diese sinnvolle Erklärung leider nicht mehr.
Die Handlung startet aus der Sicht von Simon, den man zumindest zu Beginn noch für einigermaßen sympathisch halten kann. Die Freunde, das wird schon zu Beginn klar, haben eine Grenze überschritten, denn der Film beginnt im Grunde mit einer Gerichtsverhandlung. Das Weshalb und Warum bleibt hier noch im Dunkeln und wird erst nach und nach aufgeklärt. Diese Montagetechnik ist ein bekannter Schachzug und hier auch noch nicht sonderlich überraschend. Was vielmehr auffällt ist die ästhetische Wucht, mit der die Landschaft und die Figuren inszeniert werden. Alles strahlt zu Beginn (noch) den Hauch der Schönheit aus: Junge Menschen mit auffallend schönen Körpern, in einer unauffälligen, aber doch irgendwie vertrauten Umgebung, die fast jeder so oder so ähnlich aus seinen Jugendtagen kennt.
Es geschieht das, was gemeinhin passiert, wenn junge Männer und Frauen eine intensive Zeit miteinander verbringen: Sie haben viel, ausdauernd und abwechselnd Sex. Dies erscheint für den Zuschauer zuerst als eine voyeuristische Inszenierung, die aber schon den Grundstein für den Abgrund legt, der sich später auftun wird. Alle Acht sind nicht unbedingt reich, mit Ausnahme von Thomas, dem bösen Genie und späteren Hauptprotagonisten, aber durchaus materiell abgesichert - ein typisches Mittelklasseleben in den einschlägigen kleinen Orten, die es in ganz Europa gibt. Aber auch mit den typischen Folgen: Die Verwahrlosung des eigenen Ichs. Aufgewachsen ohne Eltern, die stets mit der Arbeit beschäftigt sind, sich ihren kleinen und großen Affären hingeben und dabei doch die Fassade einer bürgerlichen Kleinfamilie vorspielen, überschreiten die Teenager Grenzen, die ihnen allerdings gar nicht mehr bewusst sind. Gibt es noch eine dahinterliegende Moral? Einen Ankerpunkt? Beides existiert nicht mehr, nur die blinde Abscheu gegen das Leben, das die Eltern führen. Eins ist sicher: So will man nicht leben, nicht jeden Tag zur Arbeit fahren, eine Familie ernähren und ein kleines Haus im Nirgendwo haben. Folgerichtig beginnt die Geschichte auch mit dem Ausziehen der Mädchen auf einer Autobahnbrücke mit der Folge, die man erwarten kann: Ein grausamer Unfall. Schon zeigt sich die Amoralität aller Figuren. Man lebt einfach weiter, ja, man macht sich gar keine Gedanken um Opfer, um Schuld, um Reue. Man lebt, heißt hier aber: Man konsumiert den Anderen, den Freund. Partnerschaft, gar Liebe, ist ein Relikt, ein Hindernis vor dem nächsten Kick, dem nächsten Sex. Es gibt keine Verantwortung und kein Gefühl. Selbst die emotionale Selbstoffenbarung Simons, dass er die blonde, schöne Femke liebte, ehrlich liebte, erscheint nur aus der Rückschau, und wie glaubwürdig sie ist, wird noch zu besprechen sein.
Die Spirale dreht sich weiter, der Plan, Geld zu verdienen führt direkt in die Eigenproduktion von Pornofilmen, die offenbar so lukrativ ist, dass sich damit große Reisen, teure Hotels und edle Speisen finanzieren lassen. Wo die Eltern hierbei sind? Sie sind typisch modern, das heißt desinteressiert. Natürlich fragen sie hin und wieder nach, natürlich wollen sie darauf achten, dass die Kinder weiterhin gut in der Schule sind, aber sie bleiben Statisten, Randfiguren eines Lebens, das sie (scheinbar) nicht verstehen. Sie setzen keine Grenzen, keine Regeln. So führt eins zum anderen: Aus den Pornofilmen wird Prostitution und schließlich Erpressung, blinde, sinnlose Gewalt.
Man kennt solche Storys durchaus aus anderen Filmen und Büchern, erwähnt seien nur das Debut von Bret Easton Ellis Below Zero oder der deutsche Film Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot. Mit all diesen Vorgängern teilt der Film wesentliche Elemente. Das Grauen wird als notwendige Folge einer immanenten Langeweile vorgeführt, basierend auf der Herzlosigkeit und dem Desinteresse der Eltern. Die Mittelstandsverwahrlosung ist hier mit Händen zu greifen. Aber was macht den Film dennoch sehenswert und gleichzeitig abstoßend? Es ist die Atmosphäre, die in der Handlung selbst erzeugt wird. Die vier Teile ergeben kein Ganzes mehr, sondern sie brechen die einzelnen Perspektiven wiederum auf. Diese Auflösung wird damit auf verschiedenen Ebenen präsent: In der Handlung selbst, indem die Figuren auf ihre tierischen Instinkte reduziert werden und in der übergreifenden Perspektive, indem nicht mehr ersichtlich wird, was wahr, was falsch ist. Der Betrachter nimmt damit teil am erdrückenden Verwirrspiel rund um Eros und Thanatos. Die Atmosphäre des Films nimmt ihn damit auch in Geiselhaft, was ganz wortwörtlich gemeint ist. Man empfindet sich fast als Mitschuldiger, spürt eine Form des körperlichen Unwohlseins.
Was am Ende wirklich geschieht, bleibt für den Zuschauer unklar. Wie Femke stirbt, wer daran schuld ist, wie es mit der Prostitution wirklich vor sich geht - all dies bleibt unsicher, und innerhalb dieser gebrochenen Narration wird die eigentümliche Stärke, aber auch die Schwäche des Films sichtbar.
Alle acht Charaktere, von denen allerdings nur vier tatsächlich wichtig werden, sind in der Anlage (gar) nicht besonders überzeugend. Vor allem Simon bleibt merkwürdig blass, aber auch die beiden Frauen, Ruth und Liesel, sind keine starken Figuren mit eigenständiger Anlage. Vielmehr werden sie alle durch Thomas, den narzisstischen Manipulator und krankhaften Egomanen, beleuchtet. Er ist es, der allen anderen Figuren ihre Tiefe verleiht, denn er ist auch derjenige, der die Ideen hat. Thomas ist das Raubtier, das schon Nietzsche beschrieb, die blonde Bestie, nur mit schwarzen Haaren. Interessant ist dabei schließlich nur die Haltung der Anderen zu ihm. Denn sie machen alles mit. Anflüge von moralischem Verhalten  werden sofort durch die Gruppe selbst unterdrückt. Aber selbst die Brüche, die zwischen  den "Freunden" geschehen, werden insoweit relativiert, dass sie doch immer irgendwie in Kontakt bleiben. Selbst vor Gericht sagen sie füreinander aus. Die unsichtbare Bande, die alle vereint, bleibt in diesem Sinne intakt. Als Komplizen im vermeintlichen Aufstand gegen die vermeintliche Ordnung bleiben sie eins. Aber die gebrochene Perspektivität, die der Film vorführt, ist auch eine Gebrochenheit im Inneren. Die Hölle, das sind nicht nur die anderen, um Sartre zu paraphrasieren, sondern das ist das eigene Ich. Die Figuren bleiben vielleicht auch deshalb so inhaltsleer, weil sie als Archetypen einer ganzen Generation dienen. Und diese Generation ist die heutige.
Es geht dabei weniger darum, ob und wie man Grenzen überschreitet, sondern vielmehr, ob diese Anlage nicht in uns allen, die dieser Generation angehören, innewohnt. Die Sehnsucht nach Freiheit, die immer wieder nur Bindungslosigkeit bedeutet, mag stärker und schwächer im Einzelnen ausgeprägt sein, aber sie ist doch konstitutiver Bestandteil jener Generation Y und Z, die Liebe mit Konsum, Sex mit Zuneigung, Freiheit mit (gesicherter) Anarchie verwechselt. Denn dies gilt eben auch: Egal, was geschieht, die Freiheit ist kein Wagnis. Immer wieder kann man in den materiell sicheren Schoß der Familie zurückkehren, die man eigentlich so verachtet. Man kann hierbei auch sicher sein, dass niemand fragt, niemand zweifelt. Die Schrecknisse, sie bleiben in einem selbst. Der Drang der Selbstverletzung durch Auslieferung, die Illusion von Macht (zweimal wird betont, dass dieser Sommer sich vor allem dadurch auszeichnete, dass man Macht über die Männer durch Sex gewann. Beides Mal von den Frauenfiguren), sie bleiben fast schon zwangsläufige Ereignisse, die auch deshalb nicht moralisch zu verurteilen sind, weil es keine Moral gibt, weil schon die Frage nach Moral keinen Sinn mehr ergibt.
Aber ist das nicht ein alter Topos? Zeigen nicht gerade Friday for Future und andere Bewegungen die Sehnsucht nach Moralität und Ernsthaftigkeit? Ohne Frage, aber schließt sich die bisherige Bestandsaufnahme damit aus oder ist es gar nicht nur dieselbe Seite der gleichen Medaille? Was der Film vorführt ist die Überhebung des Einzelnen an seiner Selbstsetzung. Der Mensch verliert sich in seinen Möglichkeiten. Wo alles offen steht – Reichtum, Schönheit, Macht – und damit für alle gleich erreichbar ist, dort ist nichts mehr wahr, was nicht Konsum oder Werbung ist.
Dass der Film diese Fragen aufwirft, ist sein großer Verdienst. Gleichsam muss man aber auch die fast schon groteske Überzeichnung der Figur Thomas kritisieren, der als haltloser Egomane im letzten Drittel vorgeführt wird, was die Frage nach der Schuld der Anderen zumindest relativiert. Ob hier nicht ein weicherer Pinselstrich gutgetan hätte, muss offen bleiben. Aber insgesamt spürt man auch den Willen der Regie in der zweiten Hälfte des Films, die wortwörtlichen Daumenschrauben für das Publikum anzuziehen und es gleichzeitig im Unklaren zu lassen. Dies ist nicht immer gelungen, insbesondere gilt das für die späteren Verwicklungen in die Prostitution, die offensichtlich nur noch dazu da sind, möglichst grausam zu sein. Die körperliche Beklommenheit kann man dabei als Zuschauer durchaus spüren – auch an sich selbst, aber es ist die Frage, ob dies für die Handlung eigentlich notwendig war. Ebenso ist die deutsche Synchronisation furchtbar schlecht und erinnert tatsächlich an die bekannten Softpornos aus den 90er Jahren. Es sei jedem empfohlen, sich das Original mit Untertiteln anzuschauen. Ob man dies überhaupt tun will, muss man gut abwägen. Die drastischen Gewalt- und Sexszenen sind ganz sicher für manche Menschen zu viel, und auch für jene, die damit gut umgehen können, bleibt am Ende ein beklemmendes Gefühl zurück. Aber somit bleibt die Frage virulent: Wie geht das Kino mit dieser Ästhetik der Grausamkeit um?


Wir - Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr
Regie: René Eller
FSK ab 18 Jahren
Starttermin: 16. Mai 2019