Antike Reloaded

von Marlene Hartmann (8. Juli 2016)

 

 

»Sonne seiner selbst. Neben ihm gibt es nur noch Monde.« Die Rede ist von Teiresias, dem blinden Propheten, der sowohl Frau als auch Mann war und für Aufruhr zwischen Zeus und Hera sorgte. Dass seine Geschichte nicht so abgedreht ist, wie sie klingt, beweist Kate Tempest mit unglaublicher Energie und Wortgewandtheit, indem sie die antiken Sagen mit der Gegenwart und zeitlosen Fragen mischt.

Hold Your Own ist der Titel des Gedichtbandes und beginnt gleich mit dem längsten Gedicht: Tiresias. Kate Tempest schildert die Geschichte eines Jungen, die eindeutig dem Schicksal des Propheten Teiresias folgt und dabei doch die Perspektive unserer Zeit einnimmt. Schon während man die ersten Zeilen liest, wird klar, dass die Autorin ihr Handwerk beherrscht wie kaum ein anderer. Ihre rhythmischen Verse wollen nicht mehr aus dem Kopf, reißen den Leser mit und erschaffen so ein Klang- und Wortbild, dem man sich nicht entziehen kann.

Poem für Poem ein Gedicht

von Dominik Achtermeier (15. Januar 2016)

 

 

Sie dachten bislang, dass nur Kriminalromane oder Thriller zum Schaudern, Gruseln und Nervenkitzeln einladen? Weit gefehlt. Die Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer schafft es in Monster Poems mit nur wenigen Worten, leicht oder schmerzhaft die Nadeln zu setzen. In ihrer Lyriksammlung gibt die Lyrikerin den Ring frei für das Ränkespiel zwischen Mensch und Albtraum. Die Protagonisten scheinen aber stets die Vertreter der dunklen Seite zu sein. So scheint es. Ein Zwielicht. Viel dunkel, wenig hell.

Niemand kann das Schreckliche erklären, doch eine kann es mit modernen Formen der Lyrik filtern, erhitzen und kondensieren. Zur Vertiefung aufgelöster Rhythmen laden Illustrationen von Reimar Limmer ein. Die Symbiose von Text und Bild strahlt etwas Versöhnliches aus, bleibt der Leser der Monster Poems auch mit einem Schaudern zurück.

Festlich, heiter und bedenklich

von Jan Michels (29. Dezember 2015)

 

 

Thomas Gsella hat wieder zugeschlagen. Der Cheflyriker der endgültigen Satirezeitschrift Titanic, Herausgeber der Offenbacher Anthologie, einer herrlich grotesken Satire von Reich-Ranickis Frankfurter Anthologie, und unter anderem eines Gedichtbandes mit dem Titel Nennt mich Gott, hat sich nun höchstpersönlich der Kinder liebstes Fest vorgenommen. Die vielseitigen Texte darin reichen von heiter bis bedenklich. Und das ist in beiden Fällen gut gemeint.

Zu dem vorliegenden Band ergänzen sich wohldosiert lockerleichte Prosa – schade um die Alliteration – und passend pointierte Lyrik, der es an Schärfe nicht mangelt. Die kleinen Geschichtchen sind meist zahm, erzählen aus dem etwas verzerrten Weihnachtsalltag und scheuen, wenn auch mit Vorwarnung, vor dem Kalauer nicht zurück. »Vernieselte Sonntagmorgende erwecken in mir immer wieder diese Lust auf billige Wortspiele.« Damit ist der Weg bereitet. Und auch sonst bedienen sich einiger einfallsreich ausgefallener Ideen. Etwa die Reihe »Weihnachtsgeschenke im Test«, die, wie der Name vielleicht andeutet, Weihnachtsgeschenke testet. Das ist meist nicht aufregend, aber doch immer unterhaltsam zu lesen. Manchmal etwas banal, da die zu behandelnden Themen einfach jedes Jahr die gleichen bleiben: Geschenke, Stress, Weihnachtsbaum, Verwandte. Dafür kann der gute Herr Gsella denn nun nichts, er müht sich auch recht fein, daraus noch ein paar Pointen zu schlagen. Dass ihm das, manchmal etwas gewollt, aber immer gekonnt, gelingt, spricht für seine Kunst.

„Jede[s] [Wort] eine kleine Bastion“

von Philipp Schlüter (3. Juni 2014)

Lydia Dahers neues Lyrikwerk Und auch nun, gegenüber dem Ganzen –dies steht unter dem interessanten Motto: Am Anfang war nicht das gedachte, sondern das geschriebene Wort.

Ein ganzes Jahr lang hat die in Augsburg lebende Lyrikerin und Musikerin den Feuilletonteil etlicher deutschsprachiger Zeitungen durchsucht. Aus dem vorhandenen Bildmaterial und jeweils einer Literaturkritik hat sie immer eine zutiefst individuelle und kunstvolle Collage angefertigt, in welcher die Wörter neuangeordnet und zu einem Gedicht umgebildet erscheinen. Daher, von der bereits zwei weitere Gedichtbände veröffentlicht wurden, hat sich bei der Zusammenstellung der insgesamt 101 Collagen einer recht experimentellen Form bedient: der sogenannten Cut-up-Lyrik (wörtl. „Zerschneide-Lyrik“). Sie hat gesucht, geschnitten und geklebt. Jede Literaturkritik besitzt einen relativ kleinen Wortkorpus, sodass Daher nur einige wenige Wörter zur Verfügung stehen. Ihre Gedichte bekommen durch diese Begrenzung oft einen künstlichen Klang und einen weiten Sinn. Postmoderne Lyrik vom Feinsten also.  Diese „Zusammendichtung“ des Vorgegebenen ist ihr lyrisch trotzdem erstklassig gelungen. Ob man es schätzt, wenn Gedichte einen weiten Raum der Interpretation zulassen, muss jeder Leser selbst entscheiden.  

Erfrischend ist Dahers Idee jedoch auch, weil die Literaturkritik, die umgangssprachlich ja auch gerne mal Bücher „verreißt“, nun selbst wortwörtlich verrissen und zerrissen wird. Die Anordnung der Wörter in einem Text ist keine statische, die nicht gekippt und durchbrochen werden kann. Die Lyrikerin Daher zeigt, wie sich Gesetztes noch einmal neu zusammensetzen lässt. Dass es funktioniert, kann man leicht augenscheinlich machen: „Dieser Moment des Aufschubs, / schwarzer Rauch / verworfene Küsten / Schiffe, die ein Blick / entzweit.“  Auch stößt der Leser in einigen Collagen auf die Selbstreflektion der Künstlerin. So heißt es in der Abbildungen 036: „Wie haben Sie´s fertiggebracht…? / Kein Geheimnis, / Papier / Montage / und ein / Gehirn.“

Jürg Halter offenbart dem geneigten Leser den Herzhaushalt

von Nora-Eugenie Gomringer (15. Juli 2009)

Seinen zweiten Lyrikband hat wieder das schweizerische Traditionshaus Amann verlegt. Er heisst Nichts, das mich hält. Kurz, nicht immer kompakt sind die Texte. Sie machen den Kopf auf, manche das Herz, ein paar beide Regionen gleichzeitig.

Man liest ihn und fühlt sich für ein paar Seiten überlegen, doch dann geht dieser Eindruck zurück in sein Schneckenhaus, verschliesst sich ganz im Innern und Halter »magiert«. Ich möchte ihm diese Neuschöpfung zuordnen, denn Magie ist es nicht, die er bewirkt. Dafür ist die Arbeit zu klar ersichtlich, die Methode des Baus zu transparent. Er macht etwas besseres: er spielt Ingenieur, nimmt die Sprache, nimmt ihr den Schrecken, die Bürde der Verschraubung, Unverständlichkeit (von der man an so vielen Stellen fälschlicherweise und bewunderungsheiser als Lyrik spricht) und setzt sie vor den lesenden Augen wieder zusammen. Wer so arbeitet, kehrt zurück zu den Rohmaterialien und siehe da! er kann den Leser wieder sehen machen.