Jürg Halter offenbart dem geneigten Leser den Herzhaushalt

von Nora-Eugenie Gomringer (15. Juli 2009)

Seinen zweiten Lyrikband hat wieder das schweizerische Traditionshaus Amann verlegt. Er heisst Nichts, das mich hält. Kurz, nicht immer kompakt sind die Texte. Sie machen den Kopf auf, manche das Herz, ein paar beide Regionen gleichzeitig.

Man liest ihn und fühlt sich für ein paar Seiten überlegen, doch dann geht dieser Eindruck zurück in sein Schneckenhaus, verschliesst sich ganz im Innern und Halter »magiert«. Ich möchte ihm diese Neuschöpfung zuordnen, denn Magie ist es nicht, die er bewirkt. Dafür ist die Arbeit zu klar ersichtlich, die Methode des Baus zu transparent. Er macht etwas besseres: er spielt Ingenieur, nimmt die Sprache, nimmt ihr den Schrecken, die Bürde der Verschraubung, Unverständlichkeit (von der man an so vielen Stellen fälschlicherweise und bewunderungsheiser als Lyrik spricht) und setzt sie vor den lesenden Augen wieder zusammen. Wer so arbeitet, kehrt zurück zu den Rohmaterialien und siehe da! er kann den Leser wieder sehen machen.

Halter gelingt das besonders, wenn er vom Herzen, dem Ding, Muskel und Epizentrum schreibt. Und im neuen Band sind das Herz, der Abschied, die Liebe - große Themen assoziiert mit den Gefühlen aus der Körpermitte - beherrschend. In Zeilen wie »Sprunghaft wie ich bin, / weiß mein Herz morgens nie, in welcher Brust es abends / zur Ruhe kommt« liest man Halters Stärken: die Ironie, das Absurde und ja, eine bisweilen neue pathetische, oft auch nicht elegante, aber aufrichtige und deshalb rührende Zärtlichkeit.

Man liest ihn und unterstellt ihm Vermessenheit, vieles in seiner Haltung erklärt sich aber beim Blick auf sein künstlerisches Sujet, das vielfältig ist. Der Rapper Kutti MC - Halters alter ego - is es gewohnt, sich zu beschreiben, seine Befindlichkeiten, seine eigene Weltbesichtigungstour zu geben. In die Lyrik transponiert, gelingt dieser grandeza etwas Klares, Notwendiges. Der Ton wird präskriptiv, bombenfest, zweifellos. Da schreibt mal einer nicht über das Detail, sondern das Ganze. Und das liest sich gut, tröstlich, eben notwendig. Und ist das nicht genau das, was der Lyrik so oft vorgeworfen wird? Ihre Zweckfreiheit? Halter jedenfalls kann und sollte man lesen, wenn man genug hat von Berlin und Gedichten, die einem was von Urbanität erzählen wollen in ach-so-intelligenten-große-Worte-strotzenden Gedichten. Hier fühlt einer vor und alle gehen mit.


Nichts, das mich hält
Jürg Halter
Amann Verlag 2008
64 Seiten
15, 90 Euro