Festlich, heiter und bedenklich

von Jan Michels (29. Dezember 2015)

 

 

Thomas Gsella hat wieder zugeschlagen. Der Cheflyriker der endgültigen Satirezeitschrift Titanic, Herausgeber der Offenbacher Anthologie, einer herrlich grotesken Satire von Reich-Ranickis Frankfurter Anthologie, und unter anderem eines Gedichtbandes mit dem Titel Nennt mich Gott, hat sich nun höchstpersönlich der Kinder liebstes Fest vorgenommen. Die vielseitigen Texte darin reichen von heiter bis bedenklich. Und das ist in beiden Fällen gut gemeint.

Zu dem vorliegenden Band ergänzen sich wohldosiert lockerleichte Prosa – schade um die Alliteration – und passend pointierte Lyrik, der es an Schärfe nicht mangelt. Die kleinen Geschichtchen sind meist zahm, erzählen aus dem etwas verzerrten Weihnachtsalltag und scheuen, wenn auch mit Vorwarnung, vor dem Kalauer nicht zurück. »Vernieselte Sonntagmorgende erwecken in mir immer wieder diese Lust auf billige Wortspiele.« Damit ist der Weg bereitet. Und auch sonst bedienen sich einiger einfallsreich ausgefallener Ideen. Etwa die Reihe »Weihnachtsgeschenke im Test«, die, wie der Name vielleicht andeutet, Weihnachtsgeschenke testet. Das ist meist nicht aufregend, aber doch immer unterhaltsam zu lesen. Manchmal etwas banal, da die zu behandelnden Themen einfach jedes Jahr die gleichen bleiben: Geschenke, Stress, Weihnachtsbaum, Verwandte. Dafür kann der gute Herr Gsella denn nun nichts, er müht sich auch recht fein, daraus noch ein paar Pointen zu schlagen. Dass ihm das, manchmal etwas gewollt, aber immer gekonnt, gelingt, spricht für seine Kunst.

Am stärksten geraten die Texte aber gerade in der ernsten Kritik, die durch die Humorbrille an den Weihnachtsmann gebracht wird. Amüsant und erschreckend ist seine Abrechnung mit dem Wunschzettelpostvertrieb der Gemeinden Himmelsthür, Nikolaus, Engelskirchen und wie sie alle heißen. Die Post freut sich über all die Briefe, die einmal hin, und dank vorher von den Kindern bereits rückfrankierten Briefen, auch wieder zurückgeschickt werden und den Postklingelbeutel mächtig klingeln lassen. Das wäre alles halb so tragisch, man ist es kaum anders gewohnt, auch und gerade zur Weihnachtszeit. Aber dass Kindern, die Briefe an den Weihnachtsmann mit Sätzen beginnen wie »Ich glaube, ich werde an Weihnachten weglaufen« mit vorgefertigten Antworten wie »Mein liebes Kind! Endlich ist es soweit, es beginnt die schöne Weihnachtszeit« abgefertigt werden, ist traurig und in diesem Fall überhaupt nicht lustig. Deswegen noch schnell ein anderes Beispiel: Bettina aus Hamburg ist 14 Jahre alt und wünscht sich die Periode? Was fällt dem Weihnachtsmann dazu ein?  »Bis es soweit ist und das Glöckchen auch bei Dir klingelt, musst Du noch etwas warten.« Gsella in Hochform.

Aber es geht noch besser. Nämlich, wenn sich das Ganze reimt. Gegen Ende, neben einigen belanglos dahingeschmiedeten Versen finden sich einige dreistrophige Abrechnungen mit allerlei weihnachtlicher oder sonsteiner Prominenz. Treffend in Kritik und Pointe zieht der gute Mann noch einmal über unter anderem die Gottesmutter, den Erlöser, den Esel, den Weihnachtsmann, Pep Guardiola, Philipp Lahm, Joachim Gauck, Recep Tayyip Erdogan und viele mehr her und vom Leder. »Und in der Tat: Es ist doch toll, / Dass immer mehr ersaufen. / Denn ist das Mittelmeer erst voll, / Dann kann man drüberlaufen.« Nur drüber lachen kann man nicht immer, was in diesem Fall aber ganz andere Gründe hat. Was Gsella hier auf wenige Reime zusammenfasst, stünde auch manchem im wahrsten Sinne Kleinkunstkünstler gut im Munde. Aber man kann sich seine Witzemacher nicht immer aussuchen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich einige für Thomas Gsella statt für Dieter Nuhr, den verlängerten Arm der AfD, entscheiden.

Denn das Buch von Gsella schafft, woran viele scheitern. Eine Balance zu finden zwischen leichtbekömmlichem und altbekanntem Weihnachtsrummelbashing, klugem Witz und satirischer Schärfe ohne den Zeigefinger des Zeigens wegen zu erheben.

 

Thomas Gsella
Achtung, Achtung, hier spricht der Weihnachtsmann!
carl’s books 2014
160 Seiten
12,99 Euro