Poem für Poem ein Gedicht

von Dominik Achtermeier (15. Januar 2016)

 

 

Sie dachten bislang, dass nur Kriminalromane oder Thriller zum Schaudern, Gruseln und Nervenkitzeln einladen? Weit gefehlt. Die Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer schafft es in Monster Poems mit nur wenigen Worten, leicht oder schmerzhaft die Nadeln zu setzen. In ihrer Lyriksammlung gibt die Lyrikerin den Ring frei für das Ränkespiel zwischen Mensch und Albtraum. Die Protagonisten scheinen aber stets die Vertreter der dunklen Seite zu sein. So scheint es. Ein Zwielicht. Viel dunkel, wenig hell.

Niemand kann das Schreckliche erklären, doch eine kann es mit modernen Formen der Lyrik filtern, erhitzen und kondensieren. Zur Vertiefung aufgelöster Rhythmen laden Illustrationen von Reimar Limmer ein. Die Symbiose von Text und Bild strahlt etwas Versöhnliches aus, bleibt der Leser der Monster Poems auch mit einem Schaudern zurück.

Und er isst deinen Kuchen

Eine Collage zeigt ein Cowgirl in weißer Tracht, ihr Kopf bedeckt mit einem roten Cowboyhut, den Revolver in der rechten Hand hat sie auf mich gezückt. Schießt sie auf mich oder auf die Fratze des Wolfs im Hintergrund? Dazu das Poem Jäger, das gleich im ersten Vers an das Märchen vom Rotkäppchen erinnert. Es, das Mädchen mit dem roten Käppchen, begegnet dem Wolf, der mit offener Hose nicht lange rummacht. Er will in sie eindringen. Einmal ist keinmal, zweimal ist einmal zu viel und er will es immer wieder. »Und er isst deinen Kuchen, trinkt deinen Wein nie ganz, hebt sich immer noch etwas für die noch schlechteren Zeiten auf.« Da fallen mir die Worte der Erlkönig-Ballade ein: »Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.« Gomringer zeigt einen Teufelskreis, eine Abhängigkeit, einen Missbrauch. Ohne den Jägersschuss würde die Interpretation eines altbekannten Volksmärchens wohl anders ausgehen. Sie hat es geschafft, die Verse lassen mich nicht mehr los.

Der Lyrikband ist wohl nichts für schwache Nerven und mit Vorsicht zu genießen. Doch auch wenn es Ihnen die Sprache verschlagen sollte, finden Sie im Anhang eine hilfreiche Beigabe. Die Lyrikerin persönlich hat die 25 Poeme vertont und verleiht den Monstern eine furchtvolle Lebendigkeit. Und ein zweites Mal schafft sie es, die Worte lassen mich nicht mehr los.

 

Nora Gomringer
Monster Poems
Mit Illustrationen von Reimar Limmer
Voland & Quist, März 2013
64 Seiten
17,90 Euro