Antike Reloaded

von Marlene Hartmann (8. Juli 2016)

 

 

»Sonne seiner selbst. Neben ihm gibt es nur noch Monde.« Die Rede ist von Teiresias, dem blinden Propheten, der sowohl Frau als auch Mann war und für Aufruhr zwischen Zeus und Hera sorgte. Dass seine Geschichte nicht so abgedreht ist, wie sie klingt, beweist Kate Tempest mit unglaublicher Energie und Wortgewandtheit, indem sie die antiken Sagen mit der Gegenwart und zeitlosen Fragen mischt.

Hold Your Own ist der Titel des Gedichtbandes und beginnt gleich mit dem längsten Gedicht: Tiresias. Kate Tempest schildert die Geschichte eines Jungen, die eindeutig dem Schicksal des Propheten Teiresias folgt und dabei doch die Perspektive unserer Zeit einnimmt. Schon während man die ersten Zeilen liest, wird klar, dass die Autorin ihr Handwerk beherrscht wie kaum ein anderer. Ihre rhythmischen Verse wollen nicht mehr aus dem Kopf, reißen den Leser mit und erschaffen so ein Klang- und Wortbild, dem man sich nicht entziehen kann.

Tempest, vor allem als Rapperin bekannt, hat ein unvergleichliches Gespür für Worte und Geschichten, die sie in Hold Your Own in vier Teilen zu Papier bringt: Orientiert am Leben des Teiresias und doch voller persönlicher Nuancen scheint man einer Person – Teiresias – durch ein ungewöhnliches Leben durch Childhood, Womanhood, Manhood und schließlich Blind Profit zu folgen. Die Gedichte stehen für sich allein, sind autonome Kunstwerke, die aber in ihrer Entität zu viel mehr werden, ein ganzes Leben zu bilden scheinen.

Während die alten Sagen – repräsentativ zu Beginn jeder Episode mit einem Zitat vorangestellt – Grundlage für Tempests Gedichtband sind, versetzt sie den Ort des Geschehens in unsere Zeit, erzählt von Empfindungen und Erlebnissen, die einen Menschen formen. So hebt sie das fantastische Schicksal eines Propheten auf eine neue Ebene, um begreiflich zu machen, dass das Menschsein uns alle vereint. Es wird Kritik geäußert, Geschlechterhürden angeprangert und ein Mensch geschaffen, der doch sowohl Mann als auch Frau sein kann: »We come from man and woman combined / And we’ll carry those parts till we see our last day.« Gepaart mit universellen Wahrheiten – »And he saw then: no matter how far you have come, / you can never be further than right where you are.« – schafft Tempest ein Gesamtwerk, das seine volle Ausdruckskraft erst dann vollkommen entfaltet, wenn man es laut liest. Zudem kann man die deutschen Übersetzungen getrost außer Acht lassen – gehen hier doch die Magie und Rhythmik verloren und werden mit unpassenden Wörtern ungelenke Sätze geformt, die so gar nichts mit der Leichtigkeit der Originale gemein haben.

Hold Your Own steckt voller Intensität und Wahrheit, beflügelt beim Lesen und Denken und zeigt, dass Lyrik und Antike alles andere als eingestaubt und langweilig sind.

 

Kate Tempest
Aus dem Englischen von Johanna Wange
Hold Your Own – Gedichte
Edition Suhrkamp 2016
200 Seiten
16,00 Euro