„Jede[s] [Wort] eine kleine Bastion“

von Philipp Schlüter (3. Juni 2014)

Lydia Dahers neues Lyrikwerk Und auch nun, gegenüber dem Ganzen –dies steht unter dem interessanten Motto: Am Anfang war nicht das gedachte, sondern das geschriebene Wort.

Ein ganzes Jahr lang hat die in Augsburg lebende Lyrikerin und Musikerin den Feuilletonteil etlicher deutschsprachiger Zeitungen durchsucht. Aus dem vorhandenen Bildmaterial und jeweils einer Literaturkritik hat sie immer eine zutiefst individuelle und kunstvolle Collage angefertigt, in welcher die Wörter neuangeordnet und zu einem Gedicht umgebildet erscheinen. Daher, von der bereits zwei weitere Gedichtbände veröffentlicht wurden, hat sich bei der Zusammenstellung der insgesamt 101 Collagen einer recht experimentellen Form bedient: der sogenannten Cut-up-Lyrik (wörtl. „Zerschneide-Lyrik“). Sie hat gesucht, geschnitten und geklebt. Jede Literaturkritik besitzt einen relativ kleinen Wortkorpus, sodass Daher nur einige wenige Wörter zur Verfügung stehen. Ihre Gedichte bekommen durch diese Begrenzung oft einen künstlichen Klang und einen weiten Sinn. Postmoderne Lyrik vom Feinsten also.  Diese „Zusammendichtung“ des Vorgegebenen ist ihr lyrisch trotzdem erstklassig gelungen. Ob man es schätzt, wenn Gedichte einen weiten Raum der Interpretation zulassen, muss jeder Leser selbst entscheiden.  

Erfrischend ist Dahers Idee jedoch auch, weil die Literaturkritik, die umgangssprachlich ja auch gerne mal Bücher „verreißt“, nun selbst wortwörtlich verrissen und zerrissen wird. Die Anordnung der Wörter in einem Text ist keine statische, die nicht gekippt und durchbrochen werden kann. Die Lyrikerin Daher zeigt, wie sich Gesetztes noch einmal neu zusammensetzen lässt. Dass es funktioniert, kann man leicht augenscheinlich machen: „Dieser Moment des Aufschubs, / schwarzer Rauch / verworfene Küsten / Schiffe, die ein Blick / entzweit.“  Auch stößt der Leser in einigen Collagen auf die Selbstreflektion der Künstlerin. So heißt es in der Abbildungen 036: „Wie haben Sie´s fertiggebracht…? / Kein Geheimnis, / Papier / Montage / und ein / Gehirn.“

In einigen Gedichten erkennt man dann auch, welches Werk in der ursprünglichen, von ihr noch nicht zerpflückten Kritik besprochen wurde. Das Gedicht der Abbildung 051 trägt den Titel: „die Nacht ist der Stamm.“ Da der Schweizerische Schriftsteller Peter Stamm in diesem Sommer an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg die Poetikprofessur übernommen hat, ist einem sogleich klar, dass Daher eine Rezension zu Stamms jüngstem Roman Nacht ist der Tag ins Lyrische transponiert hat. Zusammenfassend wird dem Leser, der desweiteren zum Betrachter wird, mehr als nur schwarzer Text auf weißem Papier geboten – Lyrik verbindet sich mit dem Bildmaterial deutscher Feuilletons. Die Collagen machen einfach Spaß und besitzen einen eigentümlichen Reiz, auch weil sich Wort und Bild im Gleichgewicht befinden und es zu keiner störenden Überlagerung kommt. Bitte mehr solcher künstlerischen Grenzüberschreitungen!

 

Lydia Daher
Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies. 101 Collagen
Voland & Quist
105 Seiten
17,90 Euro