Die vielen Leben in und mit der Goldenen Stadt

von Dominik Achtermeier (2. Dezember 2015)

 

© Dominik Achtermeier | In der alten Traditionsstraße Melantrichova führt der Reiseführer zum Wohnhaus Reinerovás, die in der Nachbarschaft von Reporterlegende Egon Erwin Kisch und einem Bordell lebte.

 

Vom Hradschin aus hat man einen eindrucksvollen Blick auf das Dächermeer, die Moldau und das weite Umfeld dieser eindrucksvollen Stadt, der die Geschichte viele Gesichter verpasst hat. In den Straßen und Gassen litten und liebten, lebten und arbeiteten sie, die Menschen, die in Prag ihre Heimat fanden und immer wieder hierher zurück kamen. 20 berühmte Prager Persönlichkeiten stellt das Buch Prag – Eine Stadt in Biographien vor und läd den Leser auf eine Reise bis ins 8. Jahrhundert zurück ein. Politische Figuren spielten für die Stadt ebenso eine bedeutende Rolle wie Literaten, Komponisten, Regisseure oder Sportler. Oder sollte man besser sagen, die Stadt spielte für sie eine entscheidende Rolle in ihrem Leben?

Besonderes Interesse galt bei der Lektüre den Schriftstellern, worunter sich Namen wie Kafka, Brod und Reinerová versammeln. »Prag lässt nicht los«, schrieb der junge Kafka, der uns 2015 in Prag auf T-Shirts, Tassen, Magneten und Postkarten begegnet. Das Mütterchen Prag fuhr seine Krallen aus und behielt den vom Schicksal Verfolgten in ihren Krallen, veranschaulicht der Autor dieses besonderen Reiseführers, Norbert Schreiber. Und etwas Wahres ist dran: er wohnte an verschiedenen Orten, ob in der Altstadt oder im Goldenen Gässchen. Erst zum Sterben ließ sie ihn in ziehen, die Stadt des Prager Deutschen, der zu einem Heiligen geworden zu sein scheint, wenn man die Pilger zählt, die das Kafka Museum am linken Moldauufer aufsuchen, um auf seinen Spuren zu wandeln.

Die letzte Prager Deutsche war Lenka Reinerová (1916-2008), die in der alten Traditionsstraße Melantrichova, zwischen Wenzelsplatz und Altstädter Ring wohnte. Sie musste zur Kenntnis nehmen, dass der Kapitalismus der Stadt ein neues, sie anwiderndes Gesichte überstülpte. Spätestens als in ihrer Straße ein Museum für Sexmaschinen eröffnete, war der Glanz des frühen 20. Jahrhunderts verflogen. Als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen, flieht die Tochter einer jüdischen Familie aus ihrer Geburtsstadt und ihre persönliche Odyssee beginnt.

Norbert Schreiber präsentiert diese und weitere Persönlichkeiten nicht wie in einer Geschichtsstunde und immer treu der Chronologie, sondern entwickelt ihre Biographien vor den Augen der Leser. In den meisten Fällen wird er den berühmten Söhnen und Töchtern Prags gerecht, hier und da wünscht man sich jedoch eine tiefere Auseinandersetzung. Thesen wie etwa jene, dass die Romane Kafkas beim Lesen tiefe Wunden hinterlassen, werden weder ausgeführt, noch sind sie – im Kontext des Gesamtwerks – haltbar.

Hoch anrechnen muss man Schneider dennoch, dass er auch denjenigen einen Platz einräumt, mit denen man als Tourist nicht oft in Konfrontation gebracht wird, wie etwa Miloš Forman, der zweimal mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, nachdem er Jack Nicholson über das Kuckucksnest fliegen ließ und Amadeus in den prunkvollen Kulissen Prags zum Leben erweckte. Vor der Prager Burg stehend kann man noch heute spüren, welch Glanz und Anmut herrschte und bestimmt auch die Filmteams zu kreativen Leistungen anregte.

Mit diesem Reiseführer in der Hand wird Prag zu einer persönlichen Begegnung mit Menschen, die mit ihr lebten, in ihren Straßen wohnten, sich ihrer Schönheit hingaben und ganz zärtlich »Praha« zu ihr sagten.

 

Norbert Schreiber
MERIAN porträts Prag. Eine Stadt in Biographien
TRAVEL HOUSE MEDIA GmbH 2012
176 Seiten
16,99 Euro