Das Abenteuer ruft

von Marlene Hartmann (22. Mai 2016)

 

 

Von der Businessfrau zur Wanderfanatikerin: 12700 Kilometer ist dieser Weg lang und gesäumt mit Entscheidungen, Erlebnissen und Erinnerungen, die Christine Thürmer in ihrem Buch Laufen. Essen. Schlafen. teilt.

Wer hätte gedacht, dass eine Kündigung der Startschuss zu einem aufregenderen Leben sein könnte? Christine Thürmer – die geborene Geschäftsfrau – sieht sich mit einer eigentlich aussichtslosen Situation konfrontiert und beschließt, die Flucht nach vorne anzutreten: Einfach abhauen und laufen. 4277 Kilometer, um genau zu sein. So lang ist nämlich der Pacific Crest Trail, einer der drei berühmten US-amerikanischen Trails, die sich von der Grenze zu Mexiko bis nach Kanada erstrecken. Als unerfahrene Wanderin bereitet sie sich gewissenhaft vor: plant alles bis ins kleinste Detail, erörtert die besten Ausrüstungsgegenstände und bricht schließlich zu ihrem Abenteuer auf. Und auf genau diese durchgetaktete Art liest sich ihr Reisebericht auch. Er scheint systematischen Episoden zu folgen, die zwar von ihren ungewöhnlichen Mitwanderern und kleinen Abenteuern begleitet werden, sich dabei aber doch immer gleich anfühlen. Einige unerwartete Situationen stellen sich Christine Thürmer auf ihrer Reise in den Weg: Schneefelder, reißende Flüsse und steile Abhänge sind nur ein paar der Hürden, die die sogenannten thruhiker meistern müssen. Auf dem Trail geht es nur um eines: Weitergehen – komme, was wolle. »Der Trail hat mich stark gemacht«, so sieht das Fazit nach fünf Monaten des Laufens aus.

Es ist der Charme des PCT sowie die Freundschaften und Erkenntnisse, die Thürmer während ihrer ersten Langstreckenwanderung gewonnen hat, die sie schließlich ihren zweiten Trail laufen lassen. Trotz gut bezahltem Job und skeptischen Reaktionen aus ihrem Umfeld ist die Sehnsucht nach der Natur und dem Wandern so groß, dass sie den Continental Divide Trail angeht. Denn: »Meine knappste Ressource ist Zeit, meine eigene Lebenszeit.« Alte Freunde begegnen ihr wieder, neue Erfahrungen machen sich breit und falsche Entscheidungen werden getroffen. So bleibt sie dieses Mal nicht bei ihrem eigenen Tempo, sondern geht eine Beziehung zu einem ihrer Mitwanderer ein. Es scheint unpassend, die Beschreibungen der Beziehung fühlen sich unbehaglich an und man möchte nicht glauben, dass ihr eigener Fehler nicht klar vor ihr steht. Doch so ist der zweite Trail ein Kampf mit sich selbst, der letztendlich zu einer wichtigen Erkenntnis führt: »Auf dem Trail bin ich allein am stärksten!«

Ihr altes Leben hat German Tourist, wie ihr offizieller Trailname lautet, nun komplett aufgegeben, um sich voll und ganz ihrer großen Leidenschaft zu widmen. Der letzte große Trail in den USA steht auf ihrer Liste – der Appalachian Trail. Es wird der bisher einsamste und grenzwertigste Weg ihrer Wanderkarriere werden. Durststrecken – auch für den Leser, denn nach 9000 Kilometern des Laufens, Essens, Schlafens kann auch diesem die Puste ausgehen – warten auf German Tourist. Doch trotz der Schwierigkeiten bleibt sie bei ihrer Entscheidung: Thürmer wird weiterlaufen. Nicht nur in den USA, auch auf den anderen Kontinenten hinterlässt sie ihre Wanderspuren.

Laufen. Essen. Schlafen. ist ein Buch über eine ungewöhnliche Reise und dabei doch kein ungewöhnliches Buch. Wer ein literarisches Werk zum Innehalten und Perspektive Wechseln sucht, ist hier auf der falschen Fährte. Dennoch macht es oft Spaß, Thürmers Spuren zu folgen. Angehende thruhiker können sich Inspiration, Tipps und Hoffnung holen und alle anderen die Bestätigung, dass man keine Villa in der Stadt und ein schnelles Auto braucht, um ein ausgefülltes und vor allem glückliches Leben zu genießen.

 

Christine Thürmer
Laufen. Essen. Schlafen.
Piper Verlag 2016
288 Seiten
16,99 Euro